Kurz und knapp beschreibt Regisseur Urs Odermatt den Inhalt des Stückes Hautnah: "Sex. Noch Fragen?" Und das Bühnenbild? "Nix". Doch irgendwo zwischen Sex und Nix ist Raum für eine Geschichte - zwischen den Zeilen und manchmal sogar direkt im Text. Bei Hautnah, mit dem der junge englische Dramatiker Patrick Marber nicht nur auf der Insel Erfolge feierte, geht es um Einsamkeit, um die ewige Suche nach Liebe und Bindung - und um die Tatsache, dass die Protagonisten sie nicht finden.

Im Mittelpunkt stehen vier Londoner Großstadtsingles zwischen 20 und 40 Jahren: Die junge Alice, die sich einfach so in London herumtreibt, der verkrachte Journalist Dan, die Fotografin Anna und der Neurotiker Larry. Sie treffen sich, sie lieben sich, sie trennen sich, sie probieren es wieder miteinander. "Und vor allem versuchen sie, durch schnellen Sex die große Lücke in ihrem Leben zu kitten", sagt Odermatt.

Die Presse verglich Hautnah häufiger mit dem Stück Shoppen & Ficken von Mark Ravenhill. Die Parallele ist da, denn beide Werke stammen aus der neuen "wilden" englischen Autorenszene. "Das Stück Hautnah ist erzählerischer und näher am Leben", sagt Odermatt. Im Gegensatz zu Shoppen & Ficken würden Randgruppen dargestellt, deshalb könne sich das Publikum bei Hautnah leichter mit den Figuren identifizieren, ergänzt Georgia Eilert, Dramaturgin des Stückes. Vorbilder für Hautnah sieht Odermatt aber viel mehr in Film-Stoffen: "Wer Das Fest aus der Dogma-Reihe mochte, dürfte Hautnah auch mögen."

Bei der Aufführung von Hautnah in anderen deutschen Städten sind einige Besucher schon während der Pause gegangen, weil ihnen die Sprache zu heftig war. Entschärfung für Oldenburg? "Nein, wir haben es aber auch nicht verschärft - das Wort ficken kommt 43mal vor", sagt Odermatt lachend. Übrigens: Das englische Original ist noch härter und brutaler - der Übersetzer hat schon einiges abgeschwächt.

Odermatt ist der Meinung, dass die Haltung, Theater müsse immer hochsprachlich und belehrend sein, Menschen sogar vom Theater wegführen kann - gerade Jugendliche und junge Erwachsene. "Die wollen das Leben sehen und keinen Gottesdienst", erläutert Odermatt. Allerdings sollten sich Jugendliche unter 18 Jahren Hautnah noch nicht ansehen, raten die Macher. "Denen fehlt noch etwas an Lebenserfahrung, um die Problematik zu verstehen", erklärt die Dramaturgin.

"Der Raum definiert sich auf die Art, wie er bespielt wird", erläutert Georgia Eilert das Bühnenbild. Soll meinen, viel Gegenständliches dürfte es nicht zu sehen geben. Selbst einige Requisiten werden von Schauspielern verkörpert. "Ich musste eine Speisekarte inszenieren - natürlich fehlte das Geld - nun spielt sie halt ein Schauspieler", beschreibt Odermatt.

Trotzdem - oder gerade wegen des fehlenden Bühnenbilds und der Requisiten - versuchen die Theaterleute sogar, das Londoner Aquarium darzustellen! Und Aquarium erinnert an Wasser. Das wiederum ans Nasswerden. Und wer Odermatt kennt, könnte ahnen, was passiert, wenn man bei Hautnah in der ersten Reihe sitzt.

Bühne und Kostüme: Klaus Ulbrich. Es spielen: Joanne Gläsel, Jördis Johannson, Roman Kohnle und Jürgen Lorenzen.
Thomas Nagorny: 'Hautnah' -  Gemeinsam einsam, Nordwest-Zeitung, Oldenburg, 24. März 2000



Die klischeehaft gerühmte vorsichtige Bedächtigkeit eines Schweizers scheint gar nicht so recht zu passen zu dem mit scheinbarer Leichtigkeit inszenierten lustvollen, von Liebe und Sex und Bindungswillen und Beziehungsängsten geprägten Schauspiel Hautnah des britischen Autors Patrick Marber. Doch Bedachtsamkeit zeugt von Überlegung und Überlegtheit. Und hierin liegt der persönliche Ansatz des Schweizer Regisseurs und Autors Urs Odermatt, dieses Stück in seiner zweiten Gast-Inszenierung in Oldenburg auf die Bühne zu bringen. "Es ist eine wunderbare Plattform, um sich an Assoziationen, wie sie im Stück auftauchen, weiter zu hangeln", erläutert er, "und schafft viele Möglichkeiten im Zusammentreffen der Personen, Perspektiven auszuloten."

Dabei geht es ganz lebhaft, eher zwanglos und unkonventionell, auf der Bühne zu. Die Lebensfäden von vier Menschen kreuzen sich in allen denkbaren Kombinationen: Da ist die junge Alice, die sich in London herumtreibt und manchmal als Stripperin etwas Geld verdient. Durch einen Unfall lernt sie den schüchternen Nachruf-Schreiber Dan kennen. Dan schreibt ein Buch und trifft auf die interessante Photographin Anna. Larry ist Arzt, ein einsamer Großstadtneurotiker, der das verletzte Bein von Alice behandelt und so auch Dan und schließlich Anna begegnet. So treffen sie sich, lieben sich, trennen sich wieder, begegnen sich von neuem, probieren es wieder miteinander oder auch ohne einander, mit ganz anderen Personen - alles ein moderner Reigen der Beziehungen. Dabei wird allerhand Spannendes über Beziehungsgeflechte ausgeplaudert. Doch bei aller scheinbaren Leichtigkeit des Swinging-Single-Daseins schimmert immer wieder die tief verborgen wurzelnde, einsame Verfaßtheit des Menschen durch und dessen ewige Sehnsucht nach Liebe und Bindung.

Für den 45jährigen bei Zürich lebenden Urs Odermatt bedeutet die Arbeit auf der Bühne "eine Herausforderung, etwas zu entwickeln und zu etwas Fertigem hin zu entwickeln." Dies stellt - im Gegensatz zur Suggestion des Films - einen besonderen Anspruch an die Schauspieler. Sie müssen lernen, sich auf der Bühne zu behaupten. "Wenn ich im Theater einem Schauspieler sage: 'Du bist jetzt eine Speisekarte!', dann ist er eine Speisekarte und hat sie darzustellen. Im Film brauche ich bloß eine Speisekarte zu zeigen." Dies schafft man nur, wenn man als Regisseur bei der Inszenierung den 'Blick von außen' behält: Hilfestellung für den Schauspieler, sich selbst zu entdecken und das, was er in sich entdeckt, dann auch zu zeigen. An Hautnah reizte ihn, die Mittel der verwendeten "hoffnungslosen Komik des Stücks" zu strukturieren. "Es ist so abgründig komisch, so britisch und damit so voll von schwarzem Humor, weil es sich in seiner Skurrilität hin zur Realität wendet."

Das Ambiente in Oldenburg ist für Odermatt kein unbekanntes Feld. 1998 inszenierte er hier bereits, in deutscher Erstaufführung, Der Krüppel von Inishmaan. Daß er zuvor nur an zwei weiteren Theatern in Halle/Saale und Bonn inszeniert hatte, wertet dieses erneute Engagement in Oldenburg binnen so kurzer Zeit zusätzlich auf. Am Staatstheater schätzt er die gut funktionierende Infrastruktur als eine Plattform, die viele Möglichkeiten zur Entfaltung bietet. Ganz offensichtlich findet Odermatt hier in Person eines großzügigen Intendanten jenen benötigten persönlichen Freiraum zur Inszenierung vor, der andernorts nicht immer selbstverständlich ist. "Seine klassische liberale Grandezza, die Leute auf ihre Art machen zu lassen und sie nicht auf einen bestimmten 'Hausstil' einzuschwören, schätze ich sehr." Dabei hätte der bescheidene, geduldige und zuvorkommende Schweizer mit seiner erfolgreichen Vita durchaus Anrecht auf einen Bonus. Den aber braucht er nicht. Seine Arbeiten sprechen für sich. Vor allem TV-Zuschauern dürfte er mit mehreren verfilmten Episoden aus dem Krimi-Milieu bekannt sein. Für das ZDF drehte er die ersten beiden Folgen der beliebten Serie Lisa Falk mit Ulrike Kriener in der Titelrolle, Nina Hoger und Peter Striebeck, 1998 den ARD-Tatort Ein Hauch von Hollywood mit Winfried Glatzeder für den SFB, jüngst erst ausgestrahlt in der ARD die Folge Kleine Dealer, große Träume aus der Serie "Polizeiruf 110" mit Angelica Domröse und Jürgen Vogel, jeweils als Regisseur. Für die Kinofilme Gekauftes Glück (1988) und Wachtmeister Zumbühl (1993) schrieb er zusätzlich das Drehbuch, führte auch im Fernsehfilm Zerrissene Herzen (1996, Sat 1) mit Suzanne von Borsody Regie. Zwei weitere Kinofilme sind in Vorbereitung, ebenso ein (zweites) Photobuch als Herausgeber und eine Inszenierung des selbstgeschriebenen Stücks Kora.

Nicht immer lassen sich für Urs Odermatt alle drei klassischen Gründe, warum man eigentlich arbeitet - "um Geld zu verdienen, aus Spaß oder um kreative Kunst zu machen" - unter einen Hut bringen. Aber am Theater zu wirken bedeutet ihm zugleich den Versuch zu unternehmen, aus allen drei Gründen eine Symbiose zu formen. Das geht nicht ohne Fleiß und Disziplin; das weiß Odermatt genau: "Ich versuche, auch zu meinen Schauspielern sehr streng zu sein während der gut siebenwöchigen Probenzeit mit täglich zwei Proben und hoffe dann, daß der Erfolg mir recht gibt. Hoffe auch, daß die Schauspieler es genauso sehen. Aber hier in Oldenburg hat das Wechselspiel auf den Proben sehr gut funktioniert, war sehr fleißig und intensiv." Nicht ausgeschlossen demnach, daß der Mensch der Berge nicht zum letzten Mal die Nähe zum norddeutschen Wind sucht. "Hier in Oldenburg, das noch intakter als andere deutsche Städte zu sein scheint, spürt man, daß man sehr nahe am Meer ist. Ich mag das gerne..."
Rüdiger Pelka: Urs Odermatt inszeniert 'Hautnah' für das Kleine Haus, Diabolo, Oldenburg 4/2000