Die Inszenierung von Hautnah zitiert in einer von modernen Medien und Internet-Chatting beherrschten Welt einen Ausschnitt aus dem Film Tuvalu von Veit Helmer. In einer berückend stillen Sequenz wird eine Frau gezeigt, die in einem Swimmingpool schwimmt und einen Goldfisch im runden Aquariumsglas mit ins Becken nimmt. Sie läßt den Fisch aus seinem Behälter in die größere Freiheit des Pools, aber der Fisch schwimmt weiter seine Runden, als sei er immer noch gefangen - und geschützt - in seinem Glas. Die Frau spielt mit dem Fisch im Wasser, lenkt ihn ab von seiner Bahn, er kehrt aber immer wieder zurück in seiner Kreisbewegung, konditioniert auf die Größe des Goldfischglases. Die Gefangenschaft findet im Kopf statt. Das Symbol für die scheinbar freien Swinging-Singles ist frappierend. Den Anforderungen der Freiheit, die sie sich selbst definieren, sind die Menschen nicht gewachsen, sie kehren wie unter einem geheimen Zwang zurück zu den vorgezeichneten Bahnen, ihrem transparenten Aquarium. Im Kopf findet immer noch das alte Spiel der Besitzgier und eifersüchtigen Einschränkung statt. Auf die Menschen bezogen ist das kein schönes, friedliches Bild wie das des badenden Goldfisches, die Wahrheit zeigt eine entsetzliche Grimasse. Sag mir die Wahrheit, wird gefordert, dringlich, drohend und im Namen der ehrlichen Verbundenheit, im Namen der Liebe. Wird aber die Wahrheit ausgesprochen, kann sie nicht ertragen werden und wird gerächt an dem, der sich offenbart. Die Liebe gerinnt zum Hass. Alice, die wirklichkeitsflüchtige Herumtreiberin, ist natürlich - wir sind mit Patrick Marber in England und der englischen Literatur - auch Alice im Wunderland. Aber Wunderland ist abgebrannt, niemals mehr wird es einen Weg hinter dem weissen Kaninchen hinab ins Herz aller Geheimnisse geben. Die behauptenden Dialoge der Paare sind so absurd wie die Reden des Hutmachers und des Märzhasen auf der verrückten Teeparty. Alice, auf der Suche nach Identität, Verstehen und Verständnis, nach Geborgenheit, wird hier und jetz genarrt von einer scheinbar aufgeklärten Gesellschaft, deren exemplarische Vertreter als egoistische, infantile, narzistisch gestörte Wesen herumirren, mit sich und der Welt zutiefst uneins, unfähig zu der Liebe, die sie alle so verzweifelt sehnsüchtig suchen als Erlösung von der Einsamkeit. Aber die Sehnsucht ist zur schieren Sucht verkommen und das Vokabular der Liebe buchstabiert sich nur noch aus Sexualität, die selbst technisch-mechanisch geworden sein sein scheint, anstatt der Ausdruck der Leidenschaft zu sein. Einzig Alice, die Streunerin, ist in der Liebe aufrichtig, sie geht beim Erlöschen des Gefühls sofort aus der Beziehung weg. Ungebunden bindet sie sich aus der Entscheidung ihres Herzens, um im entsprechenden Moment diese Bindung rücksichtslos kappen zu können. Sie hat Angst vor der Wirklichkeit, stellt sich aber ihrer Freiheit. Sie liebt und vermag loszulassen. Sie erfindet ihre Biographie stets von neuem, eine Lügnerin oder mindestens eine Phantastin mag man sie nennen, und doch ist sie der aufrichtigste Mensch. Am Ende ist Alice tot. Ihre Reinheit konnte nicht überleben in dieser Welt. Literarisch ist sie eines der zahlreichen "Damenopfer", denn schon Edgar Allen Poe meinte, nichts auf der Welt sei poetischer als eine junge, schöne Frau, wenn sie tot ist. In der Literatur der Jahrhunderte diente der Tod der jungen, schönen Frau meist der geistig-seelischen Läuterung eines Mannes. Marber verweigert, realistisch in unserer Zeit, auch diesen Trost. Niemand wird geläutert durch AlicesTod. In der Vierer-Struktur der Paare entspricht und folgt Hautnah einem Vorbild aus der klassichen Romanliteratur, Goethes Wahlverwandschaften. Die Vollendung der Aufklärung probte den Gedanken der offenen Partnerschaft und musste ihm eine Absage erteilen. Am Ende der Aufklärung ist nichts gewonnen, die Sprache der Zuneigung und des Verständnisses ist verkommen zum Sex-Jargon. Wie der Goldfisch drehen sich die Menschen um sich selbst, auf der Suche nach sich und dem anderen, aber die Kreisbewegungen ist sinnlos. Patrick Marber hat aus den Personen einer vollkommenen amoralischen Welt ein sehr moralisches Szenarium entworfen.
Aus: Georgia Eilert: Aquarium, Programmheft 'Hautnah', Oldenburgisches Staatstheater, Oldenburg 2000