Urs Odermatt Arnold Odermatt The Odermatt Channel The Odermatt Shop Nordwest Film AG, alte Spinnerei 1, 5210 Windisch, Schweiz, +41 56 442 95 90, mail@nordwestfilm.ch Bücher Kora Theaterstück

Eine Eisentür knallt ins Schloß. Schlüssel rasseln. Blecheimer scheppern. Stiefel schnarren über Betonböden. Kehlige Befehle tröten unverständlich aus fernen Lautsprechern. Neonlicht sirrt an der Decke.

 

Morten kann nicht.

 

Morten hält den Atem an, zählt bis neunundzwanzig, schließt die Augen. Ein tiefer Seufzer. Nichts.

 

Morten blickt zur Decke, starrt ein Loch in den Schnürboden. Nichts.

 

Morten macht seine Arme lang, sucht die direkte Linie. Die kurze Leitung. Den freien Fall. Nichts.

 

Morten kann nicht.

 

Krupp sitzt auf dem Klo und liest ein Buch. Wir erfahren später: Alan Sillitoe, Samstagnacht und Sonntagmorgen.

 

Auftritt Pater Salvian, ein Kapuziner in Kutte und Strick. Pater Salvian schiebt ein schwarzes Vélosolex auf die Bühne. Seine Hände sind schwarz. Seine Stirn ist schwarz. Öl!

 

Pater Salvian stolpert, stürzt, verletzt sich die rechte Hand. Ein Bühnenarbeiter hilft ihm auf die Beine.

BÜHNENARBEITER

 

PATER SALVIAN

 

BÜHNENARBEITER

 

PATER SALVIAN

 

Verstaucht.

 

Gebrochen!

 

Ausgerechnet deine Wichshand. (ab)

 

Arschloch! (zu Morten) Gelobt sei Jesus Christus, mein Sohn, nicht wahr. Gelobtgelobtgelobt. Ein schöner Tag, heute. Ein wunderschöner. Ein Tag, so wunderschön wie heute. In Ewigkeit, amen. (klemmt sich den Finger ein) Aua! Verdammt... Nein. Gepriesen sei der Tag, an dem dieses Ding in der Hölle des Schrotthändlers Schlotterbeck schmort. Sie sind also der Neue. Herzlich willkommen. Ehm. Ja. Nun. (räuspert sich) Nicht wahr? (räuspert sich erneut) Würde ein Gruß Sie sehr anstrengen?

Morten dreht sich zu Pater Salvian um.

PATER SALVIAN

 

KRUPP

 

PATER SALVIAN

 

(zu Morten) Um Gottes willen. Sind Sie Jude?

 

Phimose. Vorhautverengung. Poliklinik! Professor Schnetzer...

 

Um Gottes willen.

 

Morten dreht Pater Salvian wieder den Rücken zu.

PATER SALVIAN

In nomine patris, et filii et spiritus sancti, amen. (klemmt sich den Finger ein) Aua! (zum Vélosolex) Apage Satanas! Der Herr möge mir vergeben. Sagt mir heute ein Bauerntölpel, dieser Teufel braucht eine neue Kerze. Eine Kerze! Soweit kommt’s noch! Eine Kerze anzünden am Altar des Herrn. Für diesen Abschaum. (zum Vélosolex) Ramsch! Französischer.

 

Pater Salvian gibt dem Vélosolex einen Tritt. Ein Fehler: Pater Salvian hinkt für den Rest des Abends.

PATER SALVIAN

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

 

 

MORTEN

 

Wir kommen doch nicht ungelegen? Nein? Das Wort des Herrn kommt niemals ungelegen. Manchmal etwas spät. Kein Wunder, bei dieser Ausrüstung. Aber niemals ungelegen. Der Herr hätte diesen Güsel subito in den See Genezareth geworfen. Der Herr fackelt nicht lange. Aber mit uns Bodentruppe kann man das ja machen. Nach achtunddreißig Jahren Innendienst. Kollegium St. Fidelis. Humanistisches Gymnasium. Lebensschule. Achtunddreißig Jahre. Pater Salvian: Latein, Mathematik, Trigonometrie. Eigentlich Soziologie! Université de Fribourg. Freiburg im Üchtland. Depuis millehuitcentquatrevingtneuf. Früher gab es zwei führende Soziologen in diesem Land. Der andere ist jetzt gestorben. Gott hab’ ihn selig. Aber nein, nein, nein: Latein, Mathematik, Trigonometrie. Was für eine Verschwendung! Deo et juventute. Was für eine fürchterliche Verschwendung! Und was ist mir geblieben? Ein Vélosolex, ein französisches. Achtunddreißig Jahre. Jeden Morgen Frühmesse. Sieben Mal in der Woche. Fünf Uhr zehn in der Klosterkapelle. (singt) Kyrie eleison. Christe eleison. Kyrie eleison. Punkt sechs Uhr zu den Knaben. Ffft, ffft, ffft, mit der Rute. Außer sie sind brav. Sind sie zum Glück nie. Achtunddreißig Jahre Latein, Mathematik, Trigonometrie.

 

Würden Sie bitte das Wasser andrehen?

 

Und Kalligraphie. Kalligraphie für die Knaben. Was für eine Verschwendung! Ich! Der Soziologe. Und der andere ist jetzt gestorben. Kann es sein, daß ich Sie kenne?

 

Das Wasser!

 

Pater Salvian stellt das Vélosolex an die Wand und dreht das Wasser an. Der Drehknopf quietscht, die Wasserleitung winselt. Der Wasserhahn spuckt einen dünnen Strahl ins Waschbecken.

 

Morten hält den Atem an, konzentriert sich auf das Rauschen des Wassers und seufzt erleichtert. Endlich. Morten pinkelt in den Blecheimer.

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

Was haben Sie angestellt?

 

Ich bin unschuldig.

 

Ich weiß. Das sagt jeder.

 

Das sagt jeder, wenn ich das sage.

 

Ohne Grund sind Sie nicht hier.

 

Ohne Grund schon. Aber mit einem Urteil.

 

Wie lautet das Urteil, mein Sohn?

 

Drei Jahre.

 

Keine Steuern bezahlt?

 

Kein Kind geschändet!

Das Vélosolex fällt scheppernd zu Boden.

PATER SALVIAN

Was haben Sie mit den Knaben gemacht?

Morten dreht sich um und pinkelt weiter. Der Strahl trifft die Kutte von Pater Salvian.

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

Pfui Teufel.

 

Was soll ich mit Knaben machen?

 

Der Kirche ist nichts Menschliches fremd.

 

Tut mir leid. Es wird riechen, aber es gibt keine Löcher.

 

Ein Mann muß sich beherrschen können.

 

Ich bin froh, daß ich überhaupt können kann.

Krupp humpelt mit nacktem Hintern über die Bühne. Er holt eine Zeitung; die Klorolle ist leer.

 

Krupp riecht argwöhnisch an der Kutte von Pater Salvian.

PATER SALVIAN

 

KRUPP

 

PATER SALVIAN

 

KRUPP

 

PATER SALVIAN

Und wer sind Sie?

 

Coco Chanel.

 

Auch Franzose?

 

Pariser.

 

Sie kennen den Standpunkt der Kirche.

Krupp setzt sich wieder aufs Klo und reißt die Zeitung in Streifen.

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

KRUPP

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

KRUPP

 

PATER SALVIAN

 

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

Sie haben vom verbotenen Apfel genascht.

 

Was wollen Sie von mir?

 

Ich arbeite jetzt in der Seelsorge. Nach achtunddreißig Jahren...

 

Danke. Wo soll ich unterschreiben?

 

Wir sind keine Sekte!

 

Und nehmen kein Geld.

 

(macht eine unbestimmte Handbewegung) Ach...

 

Ach!

 

(zu Krupp) Was wollen Sie damit sagen?

 

Der Apfel lügt.

 

Sie sind ohne Schuld?

 

Nein. Unschuldig.

 

(furzt) Klugscheißer.

 

Wollen Sie wissen, warum unser ehrenwerter Pater Rektor mich zu Leuten wie Ihnen schickt? Nach achtunddreißig Jahren...

 

Frühmesse.

 

Schuldienst.

 

Mit dem Vélosolex.

 

Ich habe keinen Ständer gefunden.

 

Was?

 

Ich müßte aber einen haben.

 

Sind Sie sicher?

 

Früher hatte ich einen.

 

Neunzehnhundertfünfzehn.

 

Gestern.

Morten stellt das Vélosolex auf den Ständer.

PATER SALVIAN

 

 

MOREN

Verstehen Sie etwas von dieser Höllenmaschine? Wenn Sie diese Warze Luzifers wieder in Gang setzen können, seien Ihnen alle Sünden erlassen.

 

Es liegt an der Kerze.

Morten dreht die Zündkerze heraus.

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

Putzen!

Ich werde sie in die Wäsche geben.

 

Wollen Sie den ganzen Weg schieben?

Pater Salvian nimmt Krupp die Zeitung weg und reinigt die Zündkerze.

KRUPP

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

KRUPP

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

Schweigen

 

PATER SALVIAN

 

Schweigen

 

PATER SALVIAN

 

KRUPP

 

PATER SALVIAN

 

 

 

 

 

MORTEN

 

KRUPP

 

MORTEN

 

KRUPP

 

MORTEN

 

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

KRUPP

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

MORTEN

 

PATER SALVIAN

 

KRUPP

 

MORTEN

 

 

 

KRUPP

 

PATER SALVIAN

 

KRUPP

 

MORTEN

 

 

 

 

 

 

 

KRUPP

 

MORTEN

 

 

 

Halt!

 

Vergelt’s Gott.

 

Ich denke, man hat sie hergeschickt, um mir zuzuhören.

 

Ich höre schon eine ganze Weile zu.

 

Die Zeitung!

 

Sie erzählen mir Ihr Leben.

 

Ein Priester darf auch einmal etwas sagen.

 

Was zahlt Der Herr pro Zeile?

 

(beleidigt) Bitte.

 

 

 

Ich höre.

 

 

 

Ich höre nichts.

 

Ich möchte mir den Hintern putzen.

 

Vielleicht sollten wir beten: Pater noster qui est in caelis / sacrificatur nomen tuum / adveniat regnum tuum / sicut in caelis et in terra / panem nostrum cottidianum da nobis hodie / et dimitte nobis debita nostra / sicut et nos dimittimus debitoribus nostris / et ne nos inducas intendationem / sed liberanos a malo.

 

Amen.

 

Amen. Könnte ich jetzt meine Zeitung...?

 

Ich könnte dir einen Hunderter wechseln.

 

Du kannst mich am Arsch lecken.

 

Hier ist schon das Essen zum Kotzen. (zu Pater Salvian) Schauen Sie mich an, Herr...

 

Pater Salvian.

 

Herr Salvian.

 

Pater.

 

Hochwürden.

 

In Gottes Namen.

 

Schauen Sie mich an. (entblößt seinen Bauch) Was sehen Sie?

 

Nun.

 

Ja?

 

Im siebten Monat schwanger.

 

Dich hat keiner gefragt.

 

(zieht seinen Bauch ein) Ich selbst bin nicht gerade sportlich.

 

Ich bin kein Kaplanvikardingsweissderteufelhochwürden, Hochwürden.

 

Pater.

 

Ich habe eine Frau. Wollen Sie wissen, warum?

 

(indigniert) Ich kenne das Leben, mein Sohn.

 

Das kann ich mir vorstellen.

 

Was wollen Sie damit sagen?

 

Die Zeitung!

 

Ich kann nicht nein sagen. Ich konnte in meinem Leben nie nein sagen. Können Sie sich das vorstellen? Das können Sie nicht. Wie soll einer, der nicht ja sagen kann, einen andern verstehen, der nicht nein sagen kann.

 

Das soll einer verstehen.

 

Das Leben ist grau. Schwarzweiß ist es meistens nicht.

 

(furzt) Klugscheißer.

 

Ich fahre den Bus. Meinen alten Bedford. Gemüse. Die Post. Bier. Touristen. St. Agnes ist eine kleine Insel. Und Schulbus. Kora und die Mädels. Kora ist meine Tochter. Die Knaben gehen zu Fuß. Müssen später zur Armee. Im Schulbus fahren nur die Mädels. Bei mir vorne auf der Sitzbank ist die Fahrt umsonst. Natürlich wollen alle bei mir sitzen. Das Fahrgeld sparen! Aber ich bin gerecht. Jeden Tag sind zwei andere Mädels an der Reihe. Zum Abschied gibt es einen Klaps auf den Hintern.

 

Du fickst Kinder.

 

Ich kann nicht nein sagen. Ich konnte in meinem Leben nie nein sagen. Ich habe immer sofort kapituliert. Vor jeder Versuchung. Ich esse mehr als ich scheißen kann. Ich... Denken Sie, meine rote Nase kommt von der Sonne? Aber Kora ist meine Tochter. Ich bin unschuldig. Kora ist meine Tochter. Ich würde mir eher die Hand abhacken lassen.

 

Krupp humpelt mit nacktem Hintern über die Bühne. Er spuckt Morten ins Gesicht.

KRUPP

Du fickst Kinder. Wäre ich noch Soldat, ich würde dir die Eier wegschießen.

 

 

(...)

Personen

 

Kora

Morten, Koras Vater

Isabel, Koras Mutter

Linda, 15 Jahre alt

Krupp, Verbrecher

Pater Salvian, Kapuziner

Ein Bühnenarbeiter

Nummer fünf ‒ und die anderen Kandidatinnen der „Miß-Atlantik“-Wahl

 

Musikanten

Fiedel, Blechflöte, Bodhrán, Uilleann pipe

 

Publikum

 

 

Orte

 

Im Gefängnis

Beim Leuchtturm