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Bücher Ausstellungen Presse Über Arnold Odermatt Prints Photos 39 Fragen an Arnold Odermatt

Der Mythos Arnold Odermatt

 

Hinter den sieben Bergen photographiert ein einfacher und amtsmilder Polizeibeamter ein ganzes Leben lang Meisterwerke, und keiner weiß es. Dann schnippt das Schicksal mit dem Finger, und der Photograph ist weltberühmt. – Leider ist das Leben mehr Hamlet als Schneewittchen: Ohne Blut, Schweiß und Tränen klopfen Glück und Erfolg nicht an.

 

Der Erfolg eines Einheimischen im Ausland ist immer etwas Ersprießliches, zeigt er doch, daß auch eine winzige politische Einheit wie Nidwalden eine Stimme in der Welt haben kann, zumindest auf kulturellem Gebiet. Wenn – wo der Zeitgeist nur der Jugend kreative Höhenflüge zutraut, und alles nach fünfundzwanzig altersmüffelt – ein Beamter im Ruhestand zum Tagesgespräch der internationalen Kunstszene wird, entlockt dies dem leidenschaftlichsten Neider ein mildes Lächeln. Wie kommen die schwarzweißen Karambolagen des damals fast achtzigjährigen Polizisten Arnold Odermatt aus Stans an die 49. Biennale für zeitgenössische Kunst nach Venedig und in die wichtigsten nordamerikanischen Photosammlungen? Und, nach dem Umweg um die halbe Welt, wieder nach Nidwalden, in die Heimat des Künstlers?

 

Am Anfang stand der Wunsch nach einem Buch mit eigenen Arbeiten. Wie jeder Photograph dachte Arnold Odermatt an Farbbilder, die die Schönheiten seiner Heimat von der prächtigsten Seite zeigen. Ich gebe zu, ich habe gezögert, als er mich um Schützenhilfe bat. Zu viele halbbatzige Büechli mit bunten Farbföteli gibt es auf dem Markt, als daß ich diesen Stapel um ein weiteres ergänzen wollte. Der entscheidende Einfall kam, als ich bei der Motiv- und Stoffrecherche für den Spielfilm Wachtmeister Zumbühl das Archiv meines Vaters Arnold Odermatt im Speicher wiederentdeckte und die Bedeutung der Arbeiten erkannte: ein Buch mit dem Lebenswerk eines photographierenden Polizisten. Das hatte ich in keinem der Verlagsprogramme gesehen. Eine Marktlücke! Authentisch. Im Dienst und in zivil. Da allerdings hat Arnold Odermatt gezögert: Er wollte ein Buch mit modernen Farbaufnahmen. Nicht eines mit dem alten Chabis der Schrottautos!

 

Seit ich mich erinnere, galt seine photographische Leidenschaft dem Schwarzweißmaterial. Es sind – wenn ich ehrlich bin – vor allem Erinnerungen an beißende Gerüche aus dem elterlichen Badezimmer. Da die Nidwaldner Polizei lange Zeit kein eigenes Photolabor besaß und Arnold Odermatt als rechtschaffener Beamter auch später seine zivilen Photos ohne Rücksicht auf unsere Nase im privaten Badezimmer – nicht im Dienstlabor – entwickelte und vergrößerte, hat sich in meiner Jugend die Photographie als die sehr übelriechende Sparte der zeitgenössischen Kunst eingeprägt. Dies im Gegensatz zu meinen schulromantischen Vorstellungen von Kunst, die ich mir vielleicht häßlich, aufrüttelnd und verstörend vorstellen konnte, aber wohlriechend an der weißen Wand und nicht von so gräßlichem Gestank wie jener, der aus unserem Badezimmer kam. Vielleicht habe ich deshalb die Arbeiten so spät entdeckt.

 

Freunde erzählen von Reisen ins Ostpreußen ihrer Familie mit dem Ziel, zu sehen, was sich aus den Erzählungen über das alte Königsberg im heute russischen Kaliningrad noch findet. Größer als Entsetzen und Verlustschmerz ist die Ratlosigkeit: Zu vergleichen gibt es nichts, weil in der Stadt Immanuel Kants kein Stein steht, wo er vor dem Krieg stand. Die Stadt ist ganz einfach eine andere. Wollen Besucher die Schauplätze von Arnold Odermatt sehen, habe ich vergleichbare Probleme. Nicht, daß ich die Motive nicht wiederfände –  die Gäste weigern sich, zu glauben, daß sie da stehen, wo die Kamera seinerzeit stand. Der Weg, den Nidwalden in der vergangenen Jahrhunderthälfte gemacht hat, ist im Zeitraffer des photographischen Vergleichs keine Evolution, sondern – zumindest straßenbaulich – eine Revolution. Nidwalden brauchte dazu keinen Großen Vaterländischen Krieg; die völlige Umwälzung der Dorf- und Landschaftsbilder hat die Moderne hier ganz allein geschafft.

 

Nicht jede Veränderung ist schlecht, nein, viele Bequemlichkeiten geben wir um keinen Preis wieder her. Doch während das Neue die Chance hat, sich zu bewähren und wieder zu ändern, bleibt das Vergangene vergangen und hinweg. Für immer vergessen, hätte nicht Arnold Odermatts Rolleiflex das alte Nidwalden – statt in halbscharfen Schnappschüssen – mit Polizistenblick und Photographenhandwerk in einem protokollnahen Bildertagebuch dokumentiert. Daß die Photos später sozial- und kunsthistorisch gelesen werden, hat er damals kaum gedacht.

 

Warum wurde die Bedeutung der Photographien von Arnold Odermatt nicht früher erkannt? Gebrauchsphotos erfahren ihre Wertschätzung durch die Zeitläufte. Ein Los, das er mit vielen Kollegen teilt. Nidwalden – alles andere als eine Hochburg der Urbanität – war im Wechselspiel kultureller Moden und Trends kein schneller Brüter. Im lokalen Umfeld war Arnold Odermatt als routinierter (und preisgünstiger) Handwerker geschätzt, weiter aus dem Fenster lehnt man sich hier nicht. Der Zweckcharakter aller Photos des Dorfpolizisten, der diese besessen und mit großem handwerklichen Können, aber ohne berechnende Absicht oder künstlerischen Entschluß machte, verleiht den Arbeiten die entwaffnende Glaubwürdigkeit, die Kuratoren und Sammler auf der ganzen Welt schätzen. Den Umweg der Wertschätzung des Werks über das Ausland muß Arnold Odermatt nicht als erster Schweizer Künstler hinnehmen. Jeder kennt das Sprichwort vom Propheten im eigenen Land.

 

Was ist das besondere an diesen Photographien? Was unterscheidet die Arbeiten von den Werken anderer Photographen? Das Was. Und das Wie. Die Arbeit hat im Leben eines Polizisten einen hohen Stellenwert – die Motive und die faktische Macht der Uniform, die der Alltag im Bureau wie auf der Straße preisgibt, spielen in seinen Photos eine große Rolle. Motive, die für andere Photographen unerreichbar sind, wie John Waters bei der gemeinsamen Ausstellung in Winterthur eifersüchtig erwähnte. Anders als die Dienstbilder der Kollegen oder die Schnellschüsse der Lokalpresse, unterwirft Arnold Odermatt die Aufnahmen dem eigenen Blick auf die Welt, einem Blick, der Ordnung und Übersicht sucht: saubere Schweiz – auch im Falle einer Havarie. Kein Blut. Keine Verletzten. Keinen Dreck. Und wenn, dann ordentlich arrangiert und mit klaren bildgestalterischen Bezügen. Seine geometrische Bildsprache bringt die Coolneß der sechziger Jahre ins verschlafene Nidwalden.

 

Eine Aufsicht von der gesperrten Straßenmitte gibt die beste Übersicht. Arnold Odermatt hat es sich zur Regel gemacht, die Bildstraße jedes Schadenfalls mit einer Aufnahme vom Dach des amtlichen VW-Busses abzuschließen. Er ist ohne Scheu, mit hochgekrempelter Uniformhose in den See zu waten, wenn das Abenteuer das besseres Bild verspricht. Je mehr er die Karambolagen inszeniert, komponiert, gestaltet, desto mehr bekommen die Photos den strengen Dienstcharakter, wie Fiktion den Kern einer Sache oft wahrhafter trifft als recherchierte Dokumentation. Arnold Odermatts Identifikation mit der Polizeisicht geht so weit, daß die zivilen Arbeiten, die privaten Familienbilder, aussehen, als trage der Photograph bei der Aufnahme die Uniform. Es sind die Sprödheit der Inszenierung, die Strenge der Bildgestaltung, der kompromißlose Minimalismus, die Arnold Odermatt für ein urbanes Publikum so attraktiv machen. Wie dem unbekannten, doch vertrauten Verwandten, von dem man nie weiß, ob er uns lästig oder lieb ist, kann man den Photos nicht aus dem Weg gehen, weil sie modern und doch provinziell sind wie wenige. Auch und gerade, weil wir Nidwalden, die Schweiz und die Welt heute lieber ganz anders sehen möchten.

 

Ein Blick ins Netz zeigt, daß in kaum einem Land die Aufnahmen von Arnold Odermatt nicht zu sehen sind. Die Reise der Photos aus Nidwalden um die Welt begann im Herbst 1998, als die Schweiz Gastland der 50. Frankfurter Buchmesse war und Christoph Vitali, der Leiter des Schweizer Auftritts, zahlreiche Positionen aus der Werkgruppe Karambolage im alten Frankfurter Polizeipräsidium zeigte. Dr. Beate Kemfert, spätere Leiterin der Opelvillen Rüsselsheim, kuratierte in Frankfurt am Main diese erste wichtige Einzelausstellung von Arnold Odermatt und weckte das Interesse der Galerie Springer Berlin, Heide & Robert Springer, am Werk. Die alteingesessene Galerie an der Charlottenburger Fasanenstraße vertritt die Arbeiten von Arnold Odermatt seit zwanzig Jahren exklusiv. Eine seltene Erfolgsgeschichte: Harald Szeemann lud Arnold Odermatt an die 49. Biennale di Venezia ein, James Rondeau zeigte Arnold Odermatt am The Art Institute of Chicago, Urs Stahel feierte Arnold Odermatt am Fotomuseum Winterthur, und Gerhard Steidl (Steidl Verlag, Göttingen) verlegt Karambolage, Im Dienst, In zivil und Feierabend, die vier Werkgruppen, die ich bis jetzt mit den Photographien von Arnold Odermatt herausgegeben habe.

Urs Odermatt

nach: Notizen zu einer späten Karriere

Nidwaldner Kalender, Stans 2002

 

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Als Arnold Odermatt 1990 pensioniert wurde, blickte er nicht nur auf zweiundvierzig Berufsjahre bei der Nidwaldner Polizei zurück, er hatte Pläne für die Zukunft: ein Buch mit Landschaftsphotographien. Die Photos der Autounfälle, die er für die Polizei angefertigt hatte, konnten die Landschaft bestenfalls als Nebenfunktion dulden. Alles, was die Bilder von Arnold Odermatt so kunstvoll erscheinen läßt – es war für die juristische Verwertung der Photographien bestenfalls nichtstörendes Beiwerk.

 

Es muß in den Jahren, in denen Arnold Odermatt die juristische und versicherungswirtschaftliche Tatsachenfeststellung mit seinen Photos polizeidienstlich korrekt beliefert hat, ein anderes Element gegeben haben, eine künstlerische Verselbstständigung innerhalb dieser photographischen Praxis, einen Überschuß: Die Photos waren von Anfang an viel zu gut, viel zu nuanciert, viel zu szenisch gekonnt cadriert, reduziert und abstrahiert, um nur Gebrauchsphotos für die Polizei zu sein. In diesem Überschuß, in diesem Viel-zu-gut-Sein für den funktionalen Zweck, steckt die tiefe Komik der Photographien von Arnold Odermatt. Man muß sich das vorstellen: Da knallt es, alle laufen durcheinander – tatütata, die Polizei kommt – und einer stellt sich hin und macht Photos, die den Moment meilenweit überragen und überdauern – lange, nachdem die Versicherungen gezahlt und die Alkoholsünder ihren Führerschein zurückerhalten haben.

 

1990 beschließt Arnold Odermatt, der während seiner Berufsjahre stillschweigend und eulenspiegelhaft die visuelle Doofheit faktenversessener Versicherungs- und Justizfachleute mit seinen viel zu kunstvollen Photographien grotesk überboten hatte, sich dem immer an die Seite gedrängten Eigentlichen seines photographischen Könnens zu widmen. Er bittet seinen Sohn, Urs Odermatt, um Unterstützung für ein Buchprojekt mit Landschaftsphotographie, und der Sohn, ein Film-, Fernseh- und Theaterregisseur, ahnt sofort die Gefahr, daß der Vater gegen sein eigentliches Talent etwas Konventionelles produzieren könnte.

 

„Wenn ein Buch, dann mit deinen Polizeiphotos“, fordert der Sohn. Er sieht, daß das Eigentliche nicht die an den Rand gedrängte Landschaft und die photographische Professionalität jenseits und abgetrennt von der Unfallsituation sind, sondern daß das Eigentliche der Photographien von Arnold Odermatt in der unglaublichen und grotesk engen Verknüpfung von banalem Alltagsgeschehen und landschaftlich-romantischer Überhöhung liegt, von funktionalem Beweiszweck und theatralischer Inszenierung durch den Photographen, der Beleuchtung, Standpunkt, Cadrage und die Inszenierung der Requisiten wie ein Regisseur wählt.

 

Liegt das Eigentliche dieser Photographien nicht gar darin, daß uns Odermatt am dokumentarischen Realitätsgehalt von Photographie zweifeln läßt, wenn wir die kinoartig über den Abgrund taumelnden Autowracks und die kopfstandübenden Kraftfahrkörper sehen? Nutzt Odermatt nicht das Realismusmedium Photographie, um uns zweifeln zu lassen, wie realistisch kalkulierbar eine Realität ist, in der es sehr plötzliche Richtungsänderungen oder absolut verbindliche Halts geben kann, verbindlich bis zur Todesfolge? Was uns auf den ersten Blick an diesen Photos sachlich und ernst erscheint, entpuppt sich auf den zweiten Blick als absurd und komisch. Und auf den dritten Blick erscheinen uns diese Bilder – und das ist vielleicht ihre tiefste Wirkung – komisch und todernst zugleich.

Dr. Matthias Winzen

Viel zu gut für die Polizei

Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, 2. März 2003

 

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Plötzlich waren die Bilder Kunst – in Stans argwöhnisch beobachtet! Unlängst noch hat die Wiesenberger Älplergenossenschaft gelacht, als er schwere Lampen auf die Alp schleppte. Arnold Odermatt wollte die Sennenhütte perfekt ausleuchten. Heute photographiert jeder jeden und alles, und kaum einer kann es. Nicht so Arnold Odermatt. Er nimmt sich viel Zeit für das Außerordentliche und schult sein Auge. Und er hat das Glück des historischen Moments: Es war die Zeit, in der unser heutiger Lebensstil erfunden wurde. Bei Odermatt entdecken wir die Archäologie unseres Lebens. Nidwalden war dafür perfekt: Erst Sackgasse – dann mit Bahnanschluß und Transitautobahn. Modernisierung im Zeitraffer.

 

Ich leite als Zürcher das Nidwaldner Museum und werde oft gefragt, wie das gehen soll. Einheimische kennen hier alles. Sie sehen aber nicht, wo das Besondere liegt. Wie wir Zürcher die Zürcher Arroganz nicht sehen; die sehen nur die Nidwaldner! So ist es Arnold Odermatt ergangen. In Nidwalden hat niemand den Wert der Arbeiten erkannt. Die Distanz fehlte. Draußen in der Welt wurden sie entdeckt. Jetzt zeigen wir sie im Nidwaldner Museum und freuen uns, daß die Photos nach Hause kommen.

Stefan Zollinger

Argwöhnisch beobachtet

Nidwaldner Museum, Stans, Eröffnung der Ausstellung „Das Dorf als Welt“, notiert von Jasmin Morgan, 21. September 2013

 

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Es war die Zeit, in der man junge Männer „rassig“ nannte. Oder „flott“. So einer, ein rassiger, flotter Bursche, war der junge Arnold Odermatt, geboren 1925, Polizist in Stans. Seine ehemalige Kollegin im Sekretariat war ein bißchen verliebt in ihn. Sie ging extra zum Coiffeur, als er ankündigte, sie am nächsten Tag zu photographieren. Dieser Polizist, der Ende der vierziger Jahre vor allem im Bureau saß und Pässe ausstellte, war im Grunde Photograph, ja Künstler. Wobei er dieses Attribut erst lange nach seiner Pensionierung zugesprochen bekam. Es war eine der ungewöhnlichsten Kunstkarrieren der Schweiz, wie Gitta Gsell in ihrem 50minütigen Dokumentarfilm Karambolage – Die Welt des Arnold Odermatt belegt.

 

Odermatts Werk entstand damit, daß er als Polizist Unfälle photographisch festhielt – zur Dokumentation. Ein ziemlich revolutionäres Unterfangen damals, Anfang der fünfziger Jahre, als die Justiz der Photographie als Beweismittel noch nicht traute. Im Film erzählt Odermatt, wie sein Vorgesetzter erst skeptisch war, ihn angesichts der Beweiskraft seiner Bilder aber doch unterstützte. Aus polizeilicher Sicht waren die Photographien, die Odermatt in der Dunkelkammer so bearbeitete, daß jedes Detail perfekt ausgeleuchtet war, ausgesprochen aussagekräftig. Daß diese Aussagekraft auch künstlerischen Wert hatte, erkannte der Kurator Harald Szeemann als einer der ersten; er stellte Odermatts Photographien 2001 an der Biennale in Venedig aus. Szeemann fand die „Schönheit der Moderne“ in diesen Unfallbildern, die etwas seltsam Aufgeräumtes haben. Wenn Odermatt den Ort des Unfalls photographierte, waren die Verletzten und Toten längst weggebracht, die Scherben aufgewischt. Zu sehen sind nur noch die zerbeulten Automobile, die Bremsspuren, die mit Kreide markierten Fundstellen der Opfer. Es sind stille Zeugnisse von dramatischen Geschehnissen, eingefangen mit einem außergewöhnlichen Sinn fürs ästhetische Tableau. Fast zärtlich wickeln sich die Wracks um Bäume, wie traurige Augen schauen die Scheinwerfer halb versunkener Autos aus dem See, wie Liebende im Kuß sind zwei frontal kollidierte VW Käfer auf ewig vereint.

 

Als er seinen Dienst antrat, sagt Odermatt im Film, habe man im Kanton Nidwalden noch jeden gekannt, der ein Auto besaß. Wenige Jahre später änderte sich das – die Unfallzahlen schossen in die Höhe. Die wenigen Kantonspolizisten hatten nicht die Ressourcen, um Kontrollen zu machen. Man nahm die Unfälle als schicksalsgegeben hin. Eine protokollierende Nüchternheit wohnt auch in Odermatts Photographien (die Gsell leider mit einer allzu plakativen Tonspur untermalt). Sachdienlichkeit, ein scharfes Auge fürs Detail und ein Blick, der das Entscheidende herausschält, prägen auch jene Bilder, die er von seinen rassigen Polizistenkollegen machte – und die privaten Familienphotos. Ebenso erhellend wie die Rückblende in die Wirklichkeit der fünfziger Jahre sind in Karambolage – Die Welt des Arnold Odermatt die Zwischenschaltungen in den Kunstbetrieb. So spricht der Chefkurator des Lausanner Musée de l’Elysée vom hochspannenden Moment, in dem das Dokumentarische in Kunst umschlägt: Er sei in den Bildern Odermatts greifbar. Eine andere Expertin sagt, daß Odermatts Arbeiten in der Kunstwelt so beliebt seien, weil er scheinbar ohne künstlerische Absicht photographiert habe. Die Art von künstlerischer Unschuld, die Odermatt verkörpert, scheint das Faszinosum an seinem Werk zu sein. Warum? Was sagt diese – durchaus gönnerhafte – Haltung über den Kunstbetrieb aus? Vertieft werden diese Fragen in Gitta Gsells kurzem Film nicht. Dafür hält er fest, wie sehr der bescheidene Nidwaldner noch immer erstaunt ist über die Tatsache, daß seine Bilder in Museen und Galerien weltweit gezeigt werden – von New York bis Berlin. Und Bern. Er selbst habe befürchtet, daß seine 60’000 großformatigen Photographien dereinst im Kehricht landen werden, so Odermatt. Davon sind sie weiter entfernt denn je.

Regula Fuchs

Der Zauber des Zerbeulten – wie ein photographierender Kantonspolizist zum gefragten Künstler wurde

Die sagenhafte Karriere des Nidwaldners Arnold Odermatt, neu erzählt in einem kurzen Dokumentarfilm

Der Bund, Bern, 14. Mai 2014

 

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Die Uniform diente Arnold Odermatt als Freikarte für die exklusiven Plätze: Brauchte der Polizeiphotograph freie Sicht auf die Autobahn, sperrte er sie, um eine Lei­ter mitten auf die Straße zu stellen. Fand er, er könne einen Unfall besser vom Wohnhaus gegenüber sehen, läutete er, bat um Zutritt ins Schlafzimmer, zog die Schuhe aus und stieg aufs Ehebett, um aus dem Fenster zu knipsen, erzählt Urs Odermatt. Für ein gutes Bild war ihm kein Kran zu hoch, keine Bitte zu dreist: Wünschte Arnold Odermatt den Unfallwagen einen Meter weiter links, damit die Schaulustigen besser zur Geltung kommen, packten die Kollegen an. Sein Sohn mußte unzählige Male mit dem Fahrrad durch Wind und Regen fahren, in der Hand den offenen Schirm, damit der Vater ein einziges Mal abdrücken und den richtigen Moment auf Film bannen konnte. Das Bild diente als Anschauungsmaterial für schlechtes Benehmen im Straßen­verkehr: Viele von Odermatts  Photographien entstanden für eine Diavortragsreihe, die Kindern die Gefahren des Verkehrs und der Jugend die Vorzüge des Polizeialltags zeigen sollte. Polizist zu sein, war in den sechziger Jahren alles andere als angesagt. Um das Image aufzumöbeln, ließ Arnold Odermatt Kollegen an technischem Gerät hantieren oder mit der Waffe posieren. Er zeigte Uniformierte, die schnittige Motorboote und rassige Dienstwagen lenken. Oder photographierte sie oben ohne, mit vom Alltag gestärkten Muskeln. Bis er auf den Auslöser drückte, konnten Stunden vergehen, „darum zie­hen alle eine Fresse“, sagt Urs Odermatt. Die Fresse als Markenzeichen. Sein Vater schoß mit der Rolleiflex immer nur ein einziges Bild. Alles andere war zu teuer. Zehn­tausende Photos entstanden so. Eines zeigt ein Reh auf dem Schoß des mißvergnügten Polizeichefs. Er und das verletzte Tier mußten auf dem Rücksitz des Dienstwagens ausharren, bis Odermatt den Moment zum Auslösen gekommen sah. (...)

 

Während sich Arnold Odermatt für den Polizeidienst und die Photos ins Zeug legte, beschloß Sohn Urs mit fünfzehn Jahren, von daheim auszuziehen, um bei seiner Freundin zu leben. Konkubinat war in Nidwalden ein Of­fizialdelikt, erinnert er sich. Um nicht gegen den eigenen Sohn dienstlich vorgehen zu müssen, empfahl Arnold Oder­matt den Umzug ins benachbarte Obwalden und „sich still zu verhalten“. In Obwalden galt wilde Ehe nur als Antragsdelikt: Sollte sich kein Nachbar daran stören und An­zeige erstatten, könne er treiben, was er wolle, so Urs Oder­matt. Der Pragmatismus des Vaters habe ihm das Leben er­leichtert, sagt er, „dafür schätze ich ihn“. Vor dem Eintritt in den Militärdienst Ende der siebziger Jahre setzte sich Urs Odermatt nach Deutschland ab. Nun mußte der Vater ermitteln. Der Kontakt fror ein. Jahre später kam ein Brief, in dem Arnold Odermatt um einen Besuch in der Schweiz bat. Der Wunsch war nicht väterlich, sondern geschäftlich. Arnold Odermatt hat­te mitbekommen, daß der Sohn in den Medien arbeitete, unter anderem als Praktikant beim ZDF, und erhoffte sich Rat, wie er seine Bilder außerhalb Nidwaldens zeigen könnte. Also kam der in der Schweiz gesuchte Sohn über die grüne Grenze für vierundzwanzig Stunden nach Stans, um sich anzuhören, daß der Vater Landschaftsphotographien ausstellen wolle. „Versu­chen wir es mit den Karambolagen“, schlug Urs Odermatt vor. „Einzigartig“, nannte er sie. „Blöder Chabis“, Unsinn, entgegnete der Vater. Doch schließlich vertraute er ihm. Va­ter und Sohn verbindet nicht gerade überschwengliche Herzlichkeit, eher die Komplizenschaft zweier Künstler. Der Weltruhm kam mit Harald Szeemann. Der bekannte Kurator und Museumsleiter hatte Odermatts Photographien in einer Ausstellung im Frankfurter Polizeipräsidium entdeckt und wollte eine Auswahl an der Biennale Venedig 2001 zeigen. Urs Odermatt traf Szeemann im Flug­hafen Kloten am Gate und reichte ihm eine Mappe mit dreihundert Bildern zur Ansicht. Keine zehn Minuten hatte Szeemann Zeit, bis sein Flug aufgerufen wurde. Nie habe er einen Menschen schneller Entscheidungen treffen und gel­be Zettel auf zweiunddreißig Werke kleben sehen, erzählt Urs Odermatt.

 

Als ich Harald Szeemann im selben Jahr traf und fragte, was Odermatts Bilder für ihn so beson­ders machen, antwortete er: „Nur ein Polizist aus der wohlhabenden Schweiz kann das Unglück äs­thetisieren und es sich leisten, auf das Zeigen des Blutzolls zu verzichten.“ Arnold Odermatts Bilder kennen keine Gewalt. Es gibt kein Blut, keine Tränen, obwohl es zu der Zeit, als sie entstanden, weder Kindersitz­, Anschnallpflicht noch Air­bags gab. Wer seinen Wagen in einen Brückenpfeiler ramm­te, flog durch die Scheibe in den sicheren Tod. Sein Vater habe so viele Tote „von der Straße gekratzt“, daß er kein Blut mehr zeigen wollte, erklärt Urs Odermatt die Reinheit der Bilder. Es fehlte damals nicht an Dramatik. Doch ist das Unheil in Odermatts Photos eher eine Ahnung, verbirgt sich in der Sachlichkeit von zerbeultem Blech. Auch war die Schweiz nie so heil, wie es die Photos vorgeben. Sie sind Abbilder eines Lands, in dem Frauen bis 1971 kein Wahlrecht hatten, Reformierte vielerorts als Ausländer gal­ten und italienische Arbeitsmigranten bei der Einreise den Paß abgeben mußten. Bei Odermatt sieht das so aus: Ein Bild von 1965 zeigt eine Amtsstube in Stansstad mit grün­rot­beigen Vorhängen in graphischen Mustern. Dort stempelt der Gefreite Paul Christen artig Pässe. Sie gehören italienischen Gastarbeitern. Zurück bekamen sie sie, wenn sie in der Schweiz die Steuern bezahlt hatten. Auch bei der Polizei und ihrem begabtesten Photographen kommt nicht immer die ganze Wahrheit ans Licht.

Gudrun Sachse

Das Auge des Gesetzes

Geo, Hamburg, 12/2019

 

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Am Lebensweg des Künstlers Arnold Odermatt ist so ziemlich alles ungewöhnlich. Aus dem ehemaligen Kantonspolizisten im schweizerischen Nidwalden, der Ende der vierziger Jahre seine Photographien vom Dienstalltag gegen das Mißtrauen von Kollegen und Vorgesetzten durchsetzen mußte, wurde ein  weltberühmter Photograph, dessen Werke sich heute in vielen namhaften Sammlungen befinden. Seine Entdeckung erfolgte erst spät – drei Jahre nach seiner Pensionierung – und durch den eigenen Sohn. Beim Durchsehen der alten Negative auf dem Speicher wußte der Regisseur Urs Odermatt sofort: „Das ist ein großer Fund!“ Bereits die erste Buchveröffentlichung Meine Welt brachte 1993 den Durchbruch, zahlreiche Ausstellungen folgten. 2001 lud ihn Harald Szeemann auf die Biennale von Venedig ein. So avancierte Arnold Odermatt im Alter von über siebzig Jahren mit surrealen Schwarzweißfotos von Unfallorten und verbeulten Karosserien (Karambolage) zum Star einer Kunstszene, die gewöhnlich für ihren grassierenden Jugendwahn bekannt ist.

 

Ein ungläubiges Staunen ist Arnold Odermatt heute noch anzumerken: „Ich habe die Welt nicht mehr verstanden! Jahrelang hat sich niemand für meine Bilder interessiert und dann das.“ In Begleitung seines Sohns Urs Odermatt ist der 86jährige Künstler nach Berlin gekommen, um seine Ausstellung Heimat in der Galerie Buchmann zu eröffnen. Inmitten seiner Bilder strahlt der freundliche Herr im grauen Anzug die heitere Gelassenheit eines Menschen aus, der niemandem mehr etwas beweisen muß. Arnold Odermatt genießt seinen späten Ruhm, den er als Geschenk begreift. „Ich habe Glück, ich weiß das“, sagt der Photograph lächelnd. „Und ihm habe ich alles zu verdanken“, stellt er seinen Sohn Urs Odermatt vor, der das Werk seines Vaters nach und nach in verschiedenen Werkgruppen herausgibt.

 

Man kann sich kaum vorstellen, daß dieser zurückhaltende und feinsinnige Mann mit der leisen Stimme einmal als Polizist gearbeitet und mit seiner Rolleiflex die furchtbarsten Unfälle dokumentiert hat. Arnold Odermatt bestätigt: „Ich habe schon gemerkt, daß ich feinfühliger war als meine Kollegen, und wenn etwas Schlimmes passierte, besonders mit Kindern, konnte ich mit niemandem reden. Das Photographieren – das ja eine gewaltige Arbeit war, weil ich alles selbst einrichten mußte – hat mich davon abgelenkt.“ Um auszuhalten, was er sah, wenn er am Unfallort eintraf, mußte Odermatt das Gesehene bannen und sein eigenes Bild über das erste Bild des Schreckens legen. Aus diesen Privatphotographien, die Odermatt mit viel Geduld nach dem dienstlichen Bilddokument aufnahm, ist das Grauen bereits getilgt. Es sind aufgeräumte, meist menschenleere Orte, in denen der Photograph den verkeilten, zu Schrott gefahrenen Fahrzeugen eine skulpturale Schönheit verleiht. Wenn man Arnold Odermatt zuhört, begreift man, daß es hierbei auch um die Rettung der eigenen seelischen Unversehrtheit ging. Es sind Bilder, die heilen und befrieden sollten.

 

Der Wille zum Glauben, daß wieder alles gut werden kann, hat Arnold Odermatt durch ein langes Polizistenleben getragen. Es ist eine Haltung, die, gepaart mit einer spürbaren Liebe zur Natur und zu den Menschen, auch die Serie Heimat mit Bildern aus den fünfziger bis siebziger Jahren kennzeichnet. In kaum einem anderen Bild tritt dieser Blick auf die Welt so deutlich zutage wie in dem Photo, das Odermatt bei einem Nachteinsatz von einem Oberförster aufnahm. Erleichtert sitzt dieser im Auto und hält ein Reh im Arm, das er gerettet hat (Buochs, 1954). Das Blitzlichtphoto erinnert an Weegee, jenen anderen berühmten Tatortphotographen, dessen Zynismus Odermatt nicht teilt.

 

Die Schwarzweißphotos dieser „schweizerischsten“ seiner Serien dokumentieren auch eine Zeitenwende in Odermatts Heimatkanton Nidwalden – den Einzug der Moderne in die ländliche Region am Vierwaldstättersee. In prägnanten, sorgfältig komponierten Aufnahmen, die den Einfluß seines Vorbilds, des Magnum-Photographen Werner Bischof, verraten, fängt Odermatt Handwerk und lokales Brauchtum ein. Man sieht Hufschmiede, Falkner und Schuster bei der Arbeit und zwei Senner, die das Heu einbringen. Eine echte Geißenpeter-Idylle zeigt Odermatts eigenen Vater mit Tirolerhut, Pfeife und Wanderstock beim Bergwandern mit Enkel Urs (Wolfenschiessen, 1958).

 

Dem stehen ebenso viele Photos gegenüber, in denen der Chronist Odermatt in den sechziger Jahren den Bau der ersten Autobahn in der Schweiz dokumentierte, die mitten durch den vormals nur durch eine Zugbrücke erreichbaren Kanton führte. „Morgens kamen Horden von Touristen, die um fünf Uhr wieder wegfuhren, dauernd gab es Unfälle und Staus. Damals wollten wir die Autobahn, denn so konnte es nicht weitergehen!“, erinnert sich Arnold Odermatt. Sein Sohn Urs Odermatt ergänzt kritisch: „Nidwalden war eine Sackgasse, man mußte auf demselben Weg rausfahren, auf dem man reingekommen war. Die Autobahn hat aus einem Sackgassekanton einen Transitkanton gemacht, das war eine ungeheure Veränderung.“

 

Die Hängung macht diesen Umbruch mit pointierten Gegenüberstellungen sinnfällig. Mit feinem Bildwitz tritt eine schier endlose Blechlawine auf einer doppelstöckigen Autobahn (Hergiswil, 1982) in einen Dialog mit einem älteren Bild, das zeigt, wie eine Schafherde neben Bahngleisen hergetrieben wird (Wolfenschiessen, 1958). Solche leisen Kommentare Odermatts verweisen auf die Ambivalenz des zunächst freudig begrüßten Fortschritts. Ein anderes Bilderpaar zeigt, wie Odermatt den Einbruch einer Katastrophe in die beschauliche Bergwelt stillstellt. Auf dem linken Bild sieht man die Bergung eines in den Vierwaldstättersee abgestürzten Mirage-Kampfjets, der sich in dieser Umgebung vollkommen unwirklich ausnimmt (Buochs, 1969). Rechts daneben hängt die klassische Postkartenidylle eines Sonntagsausflugs. Frau Odermatt und Sohn Urs genießen die herrliche Aussicht auf die spiegelnde Oberfläche eben jenes Sees, aus dem gerade noch ein Jet gehievt wurde – eine Gegenüberstellung wie ein Filmschnitt, an der David Lynch seine helle Freude hätte.

 

Diese neuesten Bergungen aus dem scheinbar unerschöpflichen Bildarchiv von Arnold Odermatt machen große Lust auf mehr. Darf man sich nach den Publikationen Meine Welt, Karambolage, Im Dienst und In zivil etwa schon auf den nächsten Bildband freuen? Odermatts Sohn hält sich bedeckt. „Falls das Buch kommt, geht es wahrscheinlich in Richtung Nach Feierabend“, verrät der Herausgeber nur. Das läßt hoffen.

Jutta von Zitzewitz

Aus Nidwalden in die Welt

Galerie Buchmann, Berlin, 1. Juli 2011

 

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Ein klarer Sonntagmorgen war es. Über Nacht ist es kalt geworden. Zu sechst fuhren wir in die Berge. Vier Erwachsene und zwei kleine Kinder, alle in einem Fiat 1400. Ich war damals fünf Jahre alt. Ein leichtes Schlingern, Gegensteuer, das Aufprallen an einer Gartenmauer, dann hörte ich, wie jemand sagte: Alle mit Eisen an den Schuhen sollen dem Auto fernbleiben, Benzin laufe aus. Meine Schwester und ich lagen ganz unten, das Auto war umgekippt, stand mit der Seite nach oben. Später saßen wir zitternd in einer Bauernstube, pflegten die kleinen Verletzungen. Beulen, aufgebissene Lippen, später dann doch ein Jochbeinbruch, beim Vater, und ein Trauma bei der Mutter. Fussgänger wurden keine verletzt, der Gottesdienst hatte schon begonnen, der Gehsteig war leer. Gott sei Dank, wie es sinnigerweise hieß.

 

Es ist anzunehmen, daß dieser Selbstunfall – wegen Glatteises auf der Brücke – photographiert worden ist. Und zeitlich hätte es gut hinkommen können, daß der Polizist Arnold Odermatt mit seiner Rolleiflex sehr sorgfältig den Blick auf den seitlich gekippten Wagen und dann auf die mit Kreide nachgezogenen Bremsspuren – bis zur Gartenmauer und wieder zurück – gerichtet hätte. Geographisch hingegen kommt es nicht ganz hin. Unser Weg führte ins Skigebiet der Flumserberge, der Unfall geschah vor dem Kerenzerberg (vor der Walenseeautobahn) und nicht in der Innerschweiz, im Revier seines Kantons Nidwalden.

 

Doch der Unfall war typisch, auch wenn er recht glimpflich abgelaufen war. Das Auto war mit sechs Personen deutlich überladen. Damals wurden die Gesetze noch large gehandhabt und wahrgenommen. Arnold Odermatt sagt selbst: Innerorts wurde viel zu schnell gefahren, viele Leute waren betrunken. Doch wir hatten kaum Möglichkeiten, sie zur Rechenschaft zu ziehen: wir hatten lange Zeit nur Fahrräder und eine Taschenlampe. Die Statistik im Kanton Nidwalden spricht Bände: in den Jahren 1946, 1947 und 1948 gab es im Kanton Nidwalden sechshundert Motorfahrzeuge, Autos und Motorräder zusammengezählt. Und in diesen Jahren zählte man jedes Jahr neun Tote. Heute zählt man dreißigtausend Fahrzeuge in Nidwalden, nicht gerechnet die Autobahn und der mächtige Tourismusverkehr Richtung Berner Oberland, und zählt einen Toten pro Jahr.

 

Die geschichteten Leiber im Wagen, das mühselige, aber eilige Herauskraxeln, das zittrige Trinken aus einer Tasse, die Schweißausbrüche, all diese Momente des beschriebenen Unfalls vor fünfundvierzig Jahren, der Augenblicke danach, wären nicht auf dem Photo von Arnold Odermatt zu sehen gewesen. Diese Geschichten sind nicht seine Aufgabe, für diese Geschichten hatte er gar keine Zeit. Tauchte er an einem Unfallort auf, dann waren zuerst die Verletzten zu versorgen (Ambulanz gab es lange Zeit nicht, vorbeifahrende Autos wurden angehalten), schließlich der genaue Polizeirapport zu verfassen. Und hier ist Arnold Odermatt Pionier, daß auf seinen Vorstoß hin die Photographie als Dokument überhaupt erst eingeführt worden ist. Und erst wenn das alles vorüber war, begann die Zeit des sorgfältigen Photographierens. Odermatts Bilder sind auffallend sauber, aufgeräumt, bis auf das Tatfahrzeug. Er photographiert nach der Tat, manchmal eine Weile danach, wenn sich die Erzählung, auch der Schrecken verflüchtigt hat. Wenn die Situation es erlaubt, sich der entstandenen Konstellation wertfrei, bildhaft zu nähern.

 

Zwei Typen von Photographien prägen die Werkgruppe Karambolage: Landschaftsphotographien und photographierte Skulpturen. Da ist einmal die schweizerische Landschaft mit ihren Wiesen, Bäumen und Seen, die immer ein wenig sonntäglich wirkt. Sie wird in Odermatts Bildern unfreiwillig zu einer Bühne für Kuriosa. Eine ruhige, meist sanfte, leicht schläfrige Landschaft wird an einer Stelle punktiert – peng, zwei Fahrzeuge ineinander verkeilt – oder überzogen von einem merkwürdigen Kratzer mit Endpunkt, einer Bremsspur und an ihrem Ende ein Auto, aufgeprallt an einem Baum, einer Wand, die Abschrankung durchtrennt, um einen Pfahl geschleudert und aufgetrennt, halb im See gelandet. Unversehrte Idylle wird aufgescheucht, als würde jemand mit Niedertracht Farbe in ein fertiges Gemälde schmieren oder mit Lachen eine Comixfigur plazieren. Eine Unfallstelle mitten in der Ordnung. Ein Unfall der Ordnung, gesäubert und bereits wieder „soweit“ geordnet.

 

Der zweite Typus zieht den Blickradius weit enger, fokussiert auf das Auto, ist skulptural: Nahaufnahmen von ineinander verkeilten Wagen, von aufgeschlitzten Kotflügeln, aufgerissenen Kühlerhauben, zerdepperten Scheiben. Das Volumen türmt sich vor uns auf, die äußere Haut aufgefaltet, und formuliert ungewollt das Aufeinanderprallen von intakter und gequetschter, von geschlossener und offener Form. Eine Art von „unvoluntary sculptures“ entstehen durch die nüchtern, sachlich und präzis aufgenommenen Photographien.

 

„Die Wahrheit der Kunst liegt in der Durchbrechung des Realitätsmonopols, wie es in der bestehenden Gesellschaft ausgeübt wird. In der ästhetischen Formgebung, die in diesem Bruch entspringt, erscheint die fiktive Welt der Kunst als die wahre Wirklichkeit“, schreibt Herbert Marcuse im Zeitraum, in dem viele der Odermatt-Photos entstanden sind. Mit ein wenig Augenzwinkern kann man dieses Zitat den form- und bildbewußten Odermatt-Photos unterlegen. Der Unfall entfunktionalisiert das Fahrzeug, verwandelt es schlagartig in eine Fiktion, in einen Dinosaurier der Jetztzeit. Unfallsurrealismus im Alltag. Und bei aller Heftigkeit des Aufprallens, der Zerstörung dominiert nach der Tat die Komik über der Tragik. (...)

Urs Stahel

Fotomuseum Winterthur, 29. Mai 2004

 

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Der Dadaismus des Blechschadens

 

Arnold Odermatt wurde 1925 im Schweizer Kanton Nidwalden geboren und arbeitete zeit seines Berufslebens als Verkehrspolizist. Die seiner Profession zugehörige Aufgabe der Dokumentation von Unfällen nahm Odermatt allerdings so ernst, daß seine Bilder 2001 auf der Biennale in Venedig ausgestellt wurden. Seitdem diskutiert die Kunstwelt von Winterthur bis Chicago, wie es wohl sein könne, daß ein Polizist in der Ausübung seines Amts Kunst schafft, obwohl er dies – nach eigener Aussage – gar nicht beabsichtigt habe.

 

Die Kunsthalle am Erfurter Fischmarkt zeigt mit hundertachtzig Photographien eine umfangreiche Ausstellung von Arnold Odermatts photographischem Werk, das neben den Karambolagen – den Verkehrsunfällen auf den Straßen des Kantons – auch Szenen des privaten Lebens, des Polizeidiensts und schöne Landschaftsphotographie umfaßt. Die Unfallphotos jedoch stechen auf eine ganz besondere Weise heraus aus diesem Lebenswerk.

 

Odermatt war, darin ganz Schweizer und Polizist, äußerst gewissenhaft und sorgfältig. Das Photographieren hatte er sich selbst beigebracht, und zwar mit dem unerschütterlichen Anspruch, fachlich saubere Arbeit abzuliefern: gestochen scharf, auf das Wesentliche fokussierend und gut gestaltet in Sachen Ausschnitt, Blickwinkel, Brennweite, Hintergrund und Details. Das beherrschte er so gut, daß diese analog erzeugten Bilder in ihrer Mischung aus Wohlkomponiertheit und versteckter Ironie bis heute faszinieren.

 

Der Photograph Arnold Odermatt, das spürt man sofort, überläßt nichts dem Zufall. Jedes Detail seiner Bilder ist inszeniert und arrangiert, Zufall oder Spontaneität haben hier wenig zu sagen, Kontrolle ist alles. Hier unterscheidet er sich fundamental von seinem Schweizer Zeitgenossen Robert Frank, der mit seiner berühmten photographischen Reportage The Americans im Flüchtigen das Typische suchte, und der als Photograph am liebsten unsichtbar gewesen wäre. Arnold Odermatt aber photographierte, wie Schweizer Bürokraten Akten anlegen: als Perfektionist.

 

Die spannende Frage lautet: Wie geht ein Photograph, der so arbeitet, mit der Thematik Verkehrsunfall um, die sich dieser Haltung diametral versperrt. Denn hier herrschen Chaos, Katastrophe und Unberechenbarkeit, und es plant nur einer: der Zufall.

 

Die Antwort lautet als erstes: Odermatt räumt auf.

 

Die Karambolagen sind Photographien aus den fünfziger bis achtziger Jahren. Sie zeigen Autos, die noch keine versteifte Fahrgastzelle und keinen Airbag kannten, und oft noch nicht mal einen Sicherheitsgurt. Die auf den Photographien sichtbare Zerstörung gibt Gewißheit, daß hier, vor der Belichtung, Schwerverletzte und Tote aus dem Auto gezogen oder dem Blech geschnitten wurden.

 

Davon aber, von den Opfern, sieht man bei Odermatt nichts. Auch Spuren der Verletzten, sei es Blut oder Persönliches, finden sich nicht, ebenso wenig Sanitäter oder Ärzte. Die einzigen Menschen, die der Photograph mit seinen Unfallbildern – wenn überhaupt – abbildet, sind Schaulustige am Straßenrand. Unbeteiligte. Zuschauer eines Spektakels.

 

Die unmittelbar in den Unfall Verwickelten, Emotionen wie Verzweiflung oder Schmerz will Odermatt nicht auf seinen Photos haben. Ihn interessiert das Wrack als Resultat eines Vorgangs, der durch diese Landschaft bewirkt wurde und der in ihr einschneidende Spuren hinterlassen hat. Seine Photos wirken, als ergänzten die von ihm vorgefundenen zerstörten Autos diese Landschaft wie die Open-Air-Installation eines zeitgenössischen Künstlers.

 

Der Photograph besteht darauf, daß seine Unfälle Teil der Landschaft sind, in der sie stattfinden. Er komponiert seine Bilder so, daß sie erscheinen, als sei nichts mehr dem Zufall geschuldet. Entscheidend dafür ist vor allem die Perspektive, die er wählt. Der Polizist und Schweizer Odermatt bezwingt das Chaos durch die Perfektion seiner Photographie. Entfernte man die Wracks aus dieser Landschaft, so beseitigte man nicht etwa Störendes. Man zerstörte eine einmalige Odermattsche Inszenierung.

 

Neben der formellen Perfektion der Photographien ist es diese fast dadaistisch anmutende, trockene Abgeklärtheit, mit der Odermatt es zielsicher schafft, Verkehrsunfällen auf Schweizer Straßen mit all ihrer Brutalität so zu photographieren, als seien sie gestaltet. Er inszeniert Unfälle als Kunstwerk. Seine Photographie erscheint als unbeteiligte Beobachtung einer kunstvollen Szenerie, die in Wirklichkeit erst durch diese Photographie entsteht. Das ist nicht nur Kunst, das ist genial.

 

Dazu paßt, daß Arnold Odermatt selbst stets beteuerte, er haben keine Kunst, sondern immer nur „gute Photographie“ machen wollen. Das mag schon sein. Durch die Komposition seiner Belichtungen jedoch gelang es ihm, seinen Bildern multiple Bedeutungsebenen einzuschreiben, die den Blick des Betrachters halten – und ihn nach Gründen suchen lassen, warum. So funktioniert Kunst.

 

Denn was Kunst ist, entscheidet sich nicht daran, was der Künstler über sich denkt, auch nicht darüber, was der Kunstmarkt von einem Künstler hält. Es entscheidet sich allein an der Kraft eines Bilds, uns eine Welt vorstellig zu machen, die mehr ist als das, was wir sehen.

 

Vielleicht hat Arnold Odermatt nicht für den Kunstmarkt photographiert, aber er war ein Photograph, der genau wußte, was er tat. Der abgeklärte und ironische Sarkasmus jener Schweizer, die 1916 in Zürich den Dadaismus ausgerufen hatten als Antwort auf Krieg und Zerstörung, er muß auch ihm im Nacken gesessen sein.

Dr. Jan Kobel

Die große Retrospektive des Photographen Arnold Odermatt in der Kunsthalle Erfurt

stadtrandnotiz.de, Arnstadt, 16. Februar 2020

 

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Caroline Recher: Il était une fois Arnold Odermatt. Diaphane éditions, Montreuil sur Brèche

 

Vincent Huguet: On and Off Duty. Galerie Georges-Philippe & Nathalie Vallois, Paris

 

Harald Szeemann: Der Sensation den Wind aus den Segeln nehmen...

49. Biennale di Venezia, Arsenale, Venedig

 

Harald Szeemann: Taking the Wind out of Sensations’s Sails...

49. Biennale di Venezia, Arsenale, Venedig

 

Harald Szeemann: Nuevas sensaciones al descubierto...

49. Biennale di Venezia, Arsenale, Venedig

 

James Rondeau: Arnold Odermatt – Selected Photographs 1939-1993

The Art Institute of Chicago, Chicago

 

Sabine Eckmann: Cars and other Stories in the Photographs of Arnold Odermatt. Washington

University Gallery of Art, St. Louis

 

Dr. Ricarda Vidal: Caspar David Friedrich through a Broken Windscreen – Arnold Odermatt’s

Peaceful Crash Scenes. The London Consortium, London

 

Irene Müller: Durchbrochene Wahrnehmung, absichtsvolle Arrangements zufälliger Momente –

Zu den Photographien von Arnold Odermatt. Museum Morsbroich, Leverkusen

 

Irene Müller: Perception tronquée, arrangements prémédités de moments de hasard – À propos

des photographies d’Arnold Odermatt. Museum Morsbroich, Leverkusen

 

 

 

 

 

...ist Karambolage immer noch ein großes, die Zeit überdauerndes Werk. Berührend ist das kurze Vorwort Urs Odermatts: Geständnisse eines halbstarken Bullensohns, für Gleichaltrige verdächtig, der nur durch besonderes Rowdytum seinen Platz erkämpfen konnte. Man ahnt den Erzählstoff.

Silke Hohmann

Monopol, Berlin, 12/2013

 

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Adenauers schöne Tochter

 

Ich war damals bei der Nidwaldner Kantonspolizei der Gang-go! (Geh-mal!) und im Dauereinsatz für alles. Die Hoheiten auf dem Bürgenstock waren aber stets sehr wohlwollend. Fast familiär. „Die Welt“ nannte mich einmal „Adenauers Schatten“. Heute würde ich Bodyguard oder Gorilla genannt werden und einen Knopf im Ohr tragen. Mit schwerer Kanone auf der Hüfte und den Kopf voller Personenschutzpläne. Adenauer hatte ich damals wegen dessen schöner, kluger Tochter Lotte fast vergessen.

 

Ein Leben später photographierte ich, der alte Grufti in dreckigen, hochgestülpten Hosen, einen Grashalm als Makroaufnahme, unlängst, hier im Moor in der Nähe, mit meiner mittelalterlichen Balgenkamera. Ein wilder Haufen welscher Soldaten rollte an, und ich sorgte mich um meine zivilen Absichten. Der Leutnant salutierte, schob mich weg, inspizierte eingehend das Bild im Sucher und richtete sich mit einem längeren Stegreifvortrag über den fleischfressenden Sonnentau an seine Rekruten. Viel mehr als „Merci, Monsieur“ habe ich aber nicht verstanden.

Arnold Odermatt

Eröffnungsrede bei einer Privatausstellung

auf dem Bürgenstock

 

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„Mein Organismus erlebt eine neue Dimension“, schrieb Walter Hasenclever 1927 fasziniert von sich und seinem Auto. Die sah freilich, siehe Brecht, nicht selten nach Straßengraben aus. Das rief die Polizei auf den Plan. Und diese rückte zunehmend mit der Kamera aus. Jedenfalls der Arnold Odermatt in der Schweiz. Seine überwirklichen Aufnahmen von Unfallautos und -orten sind inzwischen legendär.

 

Nun folgt ein ganz besonderes Buch dem nach. Odermatt hat nämlich auch in Schulen Diavorträge über die Arbeit der Verkehrspolizei gehalten. Ein Photo dokumentiert auch das. Welche Kindheit noch! Odermatt hat Reklame gemacht für seinen Beruf, dem um ’68 der Nachwuchs auszugehen drohte. Das Ergebnis, zumindest an Bildern, ist schlichtweg grandios. Eine kunstfarbige Zeitreise in ein Ganzanderland. Polizeigestalten zwischen Louis de Funès und Science-fiction, ergänzt um wiederum die wundersamsten Unfallphotos, inniglich verbogenes Blech und akkurat arbeitende Beamte. Unbezweifelbarer Höhepunkt jedoch ist eine Serie geschmolzener Rücklichter – Beuys meets Oldenburg in Surreality. Schöner und friedlicher kann die Welt nie wieder werden.

Erhard Schütz

Der Freitag, Berlin, 2. März 2007

 

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Ein VW Käfer, der auf dem Rücken liegt, hilflos, nun, hilflos eben wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt. Ein Mercedes, der sich brachial um eine Laterne gewickelt hat und jetzt aussieht wie eine zerknitterte, aufgespießte Olive im Martini. Das sind Bilder, die man im Kopf hat, wenn von Arnold Odermatt die Rede ist. (...) 1925 in Oberdorf geboren, trat er 1948 in die Nidwaldner Polizei ein und wurde eher aus Verlegenheit und der Neigung zur Akribie ein großer Photograph. Vor allem die Verkehrsunfälle, zu denen er gerufen wurde, photographierte er (mit einer Rolleiflex) – nicht im Dienste eines boulevardesken Voyeurismus, sondern aus Gründen des Protokolls. Nicht sehr am Drama, mehr am Verstehen interessiert.

 

Und doch – oder eben deshalb: wurde daraus eine Kunst. Die Kunst, genauhinzuschauen. 2001 wurden seine so eigensinnigen wie präzisen Bildarbeiten von Harald Szeemann für die 49. Kunstbiennale in Venedig ausgewählt. Der Polizist, der ein Photograph war, wurde bekannt als Photograph, der ein Polizist war. Die Bilder von Arnold Odermatt gingen rund um die Welt.

 

Der Reiz des eben bei Steidl von seinem Sohn, dem Regisseur Urs Odermatt, herausgegebenen, sorgfältig zusammengestellten Bildbands In zivil liegt darin, einen ganz anderen Odermatt zu zeigen: den Privatmann in zivil. Den Vater, Skiläufer, Vespafahrer, Urlauber – und grandios normalen Familienmenschen. In einem uniformierten Dasein – auch ohne Uniform. Über die Jahre sind Bilder der Familie entstanden, die auch Bilder einer Ära sind. Da ist die Nachkriegszeit, und da sind die Träume von den Reisen, der Stolz auf das neue Auto, der Sohn vor dem Gipfelkreuz, das Schwesterchen mit Hund, dann 1970: der Ausbruch aus dem Schweizer Dorfleben – auf nach San Diego. Mit Hawaiihemd und Ford Mustang. Auch das: eine Art Uniformsehnsucht der Zeit. Bis heute. Grauenhaft. Und so schön. Man könnte heulen. Wenn man die Unfälle sieht. Wenn man die alten Familienbilder sieht, auch.

Gerhard Matzig

Süddeutsche Zeitung, München, 3. März 2014

 

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...der Sohn macht den Vater zum Weltstar – es gibt kein Land, in dem Arnold Odermatts Steidl-Bücher nicht in der hauptstädtischen Nationalbibliothek zu finden sind –, das hat es unter Künstlern schon gegeben. Ein Regisseur macht einen Polizeiphotographen zur Ikone – das ist die Ausnahme. Bei ähnlichen Künstlerkomplizenschaften gibt es einen Täter und ein Opfer. Die Haupt- und die Nebenrolle. Zwei Täter – da kenne ich kein anderes Beispiel. Abgesehen von Bill Gates, der wohl kein Problem damit hat, daß Windows noch mehr Leuten bekannt ist, als er selbst, Windows’ Erfinder und Erschaffer.

Urs Odermatt

E-Mail an Michael Birkner, 25. Mai 2018

 

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Der alte Odermatt sträubte sich immer gegen die Kunst. Aber der Erfolg gab Urs Odermatt recht.

Daniel Blochwitz

Kunsthalle Erfurt

 

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Dans le trésor de négatifs de son père, Urs Odermatt a choisi, avec sa sensibilité d’artiste contemporain, les motifs qui lui paraissaient les plus frappants, les plus originaux. Avec son goût pour la fiction, il a su repérer très habilement ce qui serait apprécié par le public contemporain et qui gagnerait un supplément d’ironie et d’attrait par le décalage temporel et l’accrochage dans les galeries d’art. Son intelligent travail d’editing a contribué à donner une identité claire et séduisante à l’œuvre de son père.

Caroline Recher

Il était une fois Arnold Odermatt

Diaphane éditions, Montreuil sur Brèche 2012

 

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Urs Odermatt explique que son père les faisait poser durant des temps si longs que tous ses modèles en étaient au bord de l’exaspération.

Caroline Recher

Arnold Odermatt – par-delà les sept montagnes

Études photographiques, Paris, 28/2011

 

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C’est une histoire épatante pour femmes de goût, celle d’un Suisse, Urs Odermatt, qui voulait devenir „conducteur de locomotive. Et gagner le Paris-Dakar“. A l’école, comme les autres, le petit Urs franchit le temps sur son tapis volant, puis se lança dans le cinéma et le théâtre. Mais, comme son père, Arnold, aujourd’hui 81 ans, avait passé sa vie de fonctionnaire à saisir ses copains flics avec son Rolleiflex, il s’occupa de lui et de son trésor, une mine d’or en couleurs sur le quotidien de la police du canton suisse de Nidwald.

Brigitte Ollier

Libération, Paris, 7. Dezember 2006

 

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In Stans gab es den Dorfphotographen Weber, einen zugewanderten Basler. Ich habe ihm meinen ersten Film zum Entwickeln gebracht. Nach jeder Aufnahme hatte ich die Kamera geöffnet, geprüft, ob schon etwas auf dem Negativ zu sehen sei, und den Film – die Hand vor der Optik! – wieder zurückgespult. Weber kam aus der Dunkelkammer und baslerte, so schwarzes Kodak hätte er noch nie gesehen.

Arnold Odermatt

Galerie Lelong, Zürich

 

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Ich habe bei der Nidwaldner Polizei keinen Stil eingeführt, sondern die Photographie. Nachdem meine Vorgesetzten gesehen haben, wie ich zeichne, war das nicht mehr so schwierig.

Arnold Odermatt

Musée de l’Élysée, Lausanne

 

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Seit fünfzehn Jahren eine Ausstellung nach der anderen! Erst auf der ganzen Welt. Jetzt in der Schweiz. Daß ich oft selbst auf den Photos bin, kann ich schlecht abstreiten – ich wollte den Selbstauslöser ausprobieren.

Arnold Odermatt

Nidwaldner Museum, Stans

 

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Wir erfahren mehr über das Leben, das Arnold Odermatt gerne geführt hätte, als über das Leben, welches er geführt hat.

Daniel Blochwitz

Photobastei, Zürich

 

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Meine Schwester hatte nie einen Hund. Arnold fand, daß es zum Bild paßt, und er lieh sich den Pudel von einem Spaziergänger. Der wartende Spaziergänger konnte nicht ahnen, wie lange ein Photo bei Arnold dauert.

Urs Odermatt

Miesiąc Fotografii w Krakowie, Krakau

 

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„Man hat gesagt, ich sei ein Blechvoyeur. Ja wäge miine, wieso nicht? Wenn zwei VW Käfer ineinander putschen, dann sieht das ja wahrhaftig ein wenig wie verliebt aus. Das war mein Antrieb: mit Ironie und Witz vom Traurigen ablenken, das mir im Beruf nur allzuoft begegnete. Sie finden unter meinen Aufnahmen nicht eine, die Blut oder sonst eine schreckliche Situation zeigt. So photographierte ich während Jahrzehnten jeden Unfall im Kanton. Und das ist das Wichtigste: immer vom Dach des Polizei-VWs herab. Obenabe. Das war das Entscheidende. Eine einfache Idee, aber sie hat meinen Bildern eine Handschrift gegeben. Der Gepäckträger auf dem Dach war wie ein Podest. Es ergab sich fast eine Vogelperspektive. Man sah nicht nur grad den Unfall, sondern Hintergrund, Leute, alles.“

Balz Theus

Das Magazin, Zürich, 24/2001

 

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Landschaftsbilder will Arnold Odermatt publizieren, die Schönheiten seiner Heimat zeigen. Urs Odermatt zögert, als sein Vater ihn um Hilfe bittet. Bis er bei Recherchen für Wachtmeister Zumbühl die zündende Idee hat: das Phototagebuch eines Uniformierten! Der Vater hält wenig von dem alten „Chabis“.

Luise Anderegg

Buchjournal, Frankfurt am Main, 4/2006

 

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Arnold Odermatt hatte durchaus Standesdenken: Er besaß als einziger eine Mittelformatkamera. Seine Photos waren dank größerer Kodakfläche schärfer. Er hatte als Beamter Zeit – auch mitten auf der gesperrten Straße. Zeit für Stativ, Fernauslöser und den richtigen Augenblick. Für das zivile Nidwaldner Fußvolk blieben Kleinbildkamera und Schnappschußstreß. „Scharf“ war eine harte Währung für Photographen.

Urs Odermatt

E-Mail an Markus Hartmann

1. September 2016

 

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Die neue Leitung aus Zürich hat gesehen, daß das Nidwaldner Museum voll war mit Lokalkultur, aber der einheimische Weltstar fehlte.

Urs Odermatt

Gespräch mit Matthias Dell

in: Ein gutes Bild muß scharf sein!

Hartmann Projects, Stuttgart 2017

 

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Die 1935 beim Steinfels-Seifenfabrik-Wettbewerb gewonnene Boxkamera war ein billiges Modell, das Mittelformat nutzte und 6x9-Negative lieferte, aber wegen des einlinsigen Objektivs nur sehr flaue Bilder bot, die lange Verschlußzeit nur unbewegte Motive zuließ, und die Kamera schneller kaputt war als der Negativfilm voll. Der Wettbewerbspreis hatte ein Dutzend käuflich erworbener Nachfolger, bis der letzte 1948 an der Polizeischule Luzern unter zupackenden Rekrutenkollegenhänden den Geist aufgab.

 

Für die Polizeischule in der „Großstadt“ hat Arnold Odermatt sich nach einer soliden Männerkamera mit guten Objektiven und schneller Verschlußzeit umgesehen und bei einem Photohändler um eine zweiäugige Rolleiflex 3,5 der Firma Franke & Heidecke gefeilscht. Ein paar Jahre später kam die lichtstärkere Rolleiflex 2,8 dazu; diese Kamera ist heute so alt wie der Herausgeber und tut noch immer ihren Dienst.

Urs Odermatt

Galerie Springer Berlin

 

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l would greatly appreciate it if you would forward my letter to the world-renowned photographer, Mr. Arnold Odermatt. It was recently drawn to my attention that Mr. Odermatt is a retired police officer in Switzerland, and as a retired Assistant Chief in the New York City Police Department, l am interested in reaching Mr. Odermatt regarding both his fine work, and his name, which we share in common. It is possible that, as my family is also originated in Switzerland, we are, in fact, somehow related.

John T. Odermatt

New York City Police Department

 

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Oft trafen wir uns auf den Unfallstellen. Arnold Odermatt photographierte für die Polizei, ich für den „Blick“. Ich war neidisch: Odermatt stellte immer das große Polizeifahrzeug mitten auf der Straße am idealen Ort hin, kletterte die Leiter hoch, stellte das Stativ auf und photographierte mit seiner Rolleiflex. Und ich war der Lappi; meine Bitte, auch einmal vom Dach photographieren zu dürfen, winkte er kategorisch ab. Heute können wir darüber lachen.

Josef Ritler

„Blick“-Reporter

 

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The mid-century Swiss photographer’s images struggle with an inability to represent contact between law enforcement and people.

 

Turning a camera on law enforcement is often a radical act, illuminating patterns of violence and brutality enacted by police officers on BIPOC communities across the globe. Over the past month, documentation of the murder of George Floyd by three Minneapolis police officers has sparked massive protests and renewed cries to abolish the police. The perpetuation of violent policing depends on the anonymity and invisibility of officers, a veil of protection for what sociologist Alex Vitale calls „the point of contact between the coercive state and its citizens.“ Photography and video by civilians have long served as unofficial checks on the criminal justice system: to this end, Swiss photographer and ex-policeman Arnold Odermatt is both exception and example. The artist had no formal training and served on the police force of rural Swiss canton Nidwalden for over 40 years before his retirement in 1991. Curator Harald Szeeman saw a show of 30 photographs at a Frankfurt police department event in 1998 – Odermatt debuted at the Venice Biennale just three years later. His images provide a glimpse into the artifice and violence of law enforcement, both replicating and destabilizing an aesthetics of policing dependent on power and conformity.

 

German publishing house Steidl collected Odermatt’s work for local law enforcement in 2016’s Im Dienst („On Duty“ in English) . The bulk of the images are the result of a curious problem faced by the department in the 1960s and ’70s: Swiss youth were declining to join the force and work the beat, and aging officers were quickly transitioning into retirement. This was no accident: in the 1960s, a strong leftist movement in Switzerland coupled with a global focus on police brutality to push for reform, culminated in the Globus Riots of June 1968. Zurich protesters established an autonomous city center before Swiss „polizei“ used violent crowd dispersion tactics, seriously injuring 41 civilians (sound familiar?). A young Odermatt was tasked with curating a campaign that could be used to recruit young people into the unpopular profession. His fellow officers were put in full uniform, hairs cut and beards shorn, and whisked into a photo shoot with Odermatt that would be comical if it were not so darkly familiar. The resulting images are as disturbing as they are relevant: on display is a performative fantasy of what it means to police, from midcentury Switzerland to contemporary America.

 

Odermatt’s compositional choices illuminate the image of policing most enticing to the officers themselves, forming a diorama of uniformity, artifice, and extreme threat. In one photograph, a row of police officers stands in a carefully arranged line on a picturesque dirt road draped with greenery, each with a foot placed carefully behind the next, pointing a small handgun at an off-screen target. A fence skates down the left-hand side of the image, so that the group appears to be aiming, strangely, right into the chain-link not more than a few feet in front of them. This fairytale firing squad fails even in its most idealized form: whatever target the viewer is intended to imagine is clumsily constructed, interrupted by basic infrastructure. Odermatt’s images from this series are full of contrived stances and squinted faces meant to signify a belabored allegiance to the enforcement of law. It’s not surprising that policemen make terrible actors: their dramaturge is a criminal justice system that confuses punitive social control for community empowerment. Odermatt’s models need Stanislavski, not Spielberg. Their awkwardness under the lens reveals the shaky foundations on which policing is built, the vast divide between displays of power and acts of public service. What becomes apparent through the images is an inability to represent policing in a way that does not rely on performances of violence, be they symbolic or actual.

 

The menace of Odermatt’s law enforcement does not have a visible object: the officers appear as if in a dream, left to assert themselves over vacant Swiss landscapes. Police officers are often the only figures pictured in Odermatt’s images, usually among the wreckage of car crashes. The 2003 collection Karambolage („Smash-up“ in English) features numerous scenes that trace the looping paths of motorcycles, bicycles, and Volkswagens before their accidents, with all victims conspicuously missing. In one ominous image, a 1970s Beetle collides head-on with Porsche on a highway. An officer has traced the outline of each vehicle’s skid marks in chalk on the black pavement, from the beginning of the accident to their wreckage, which is severe. Not a single person occupies the image, though traces abound. The same is true of the recruitment scenes: though the demonstration of power remains at the fore, the citizens upon whom violence and threat are exercised remain physically invisible. The resulting photographs are a fantasy of the familiar: they imagine dominance without subjugation, violence without victims. Odermatt’s images serve both to replicate an aesthetic structure of policing dependent on the absence of civilians and to reveal it for what it is – impossible.

 

Odermatt’s images struggle with an inability to represent contact between law enforcement and people. What emerges from the photographs is the notion that the ideal police force can only exist without a populace. As calls for abolition increase, it is clear that for many, the reverse is equally true: the populace can only exist (live, flourish) without a police force. In Buochs, 1965, two policemen steer a motorboat across Lake Nidwalden, Switzerland, posing as though caught in mid-conversation. Framed in the rearview mirror is Odermatt, holding up his camera. Odermatt, wittingly or unwittingly, contradicts the ubiquitous phrase uttered from cop to bystander: „Nothing to see here, move along.“ Odermatt says the opposite: don’t move, at least, not as long as there is a whole lot to be seen here.

Claudia Ross

Arnold Odermatt’s Photographs

Lift the Curtain on Problematic Policing

Garage Magazine, New York, 24. Juli 2020

 

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Die Umgebung ist ländlich und bäuerlich, doch die Bilder mit ihrem geometrischen Aufbau und seinen Linien bringen die Coolneß der sechziger Jahre ins verschlafene Niederwald.

Ein einfacher Dorfpolizist

und der Autoirrsinn der sechziger Jahre

Stern, Hamburg, 23. Juni 2019

 

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Der Gruppe Tortoise aus Chicago haben die Photos des Nidwaldner Photographen Arnold Odermatt so gut gefallen, daß sie vor drei Jahren gleich das Cover der Box A Lazarus Taxon und die vier darin versammelten CDs mit ihnen gestaltet haben. Ein Auto kracht in die Wand eines Tunnels, die Schleuderspuren sind mit Kreide nachgezeichnet. Ein mit Polaris-Glace angefüllter Lastwagen versperrt beide Fahrbahnen im Tunnel. Die Spuren aus dem schwarzen Gummiabrieb der Pneus lassen den Weg erahnen, den das Fahrzeug genommen hat, als der Chauffeur die Kontrolle verlor.

Fredi Bosshard

Der Polizeiphotograph

Die Wochenzeitung, Zürich, 26. November 2009

Hergiswil, 1958

 

Robert Springer, Urs Odermatt, Alexandra Schild

Arnold Odermatt, Dr. Beate Kemfert

Galerie Lelong, Zürich