Mit Gekauftes Glück überraschte der Innerschweizer Urs Odermatt vor sechs Jahren das Publikum. Mit dem Fernsehfilm Der Tod zu Basel enttäuschte er 1990 die Kritiker, und mit seinem Wachtmeister Zumbühl verblüfft er nun gleich alle: ein sattes Vergnügen im Capitol.

"Schaafseckel!" Eine sehr schweizerische Äußerung, herzlich, befreiend - und ungewohnt. Nein, nicht im Alltag, da nehmen wir sie ja kaum wahr. Aber in einem Spielfilm - da tönt das schon verblüffend lebensecht.

Für die Leute in diesem fiktiven Napfmoos an der Bahnlinie, Kanton Nidwalden, ist die urchige Interjektion die verbale Ultima ratio. Wenn ihnen alle Worte fehlen, dann kommt zumindest dieses noch: "Schaafseckel!"


Nix Wäckerli - Zumbühl!

Selbst der stotternde Albin bringt's in einem Zug über die Lippen, allerdings nicht allzu laut. Albin hat einen sehr strengen Vater, den Wachtmeister Zumbühl. Dieser Zumbühl, gespielt vom Berliner Michael Gwisdek und synchronisiert von Ueli Jäggi, ist kein Wachtmeister Studer, kein Polizischt Wäckerli, auch wenn Odermatt die alle ein bißchen mitnimmt über den Titel seines Films. Zumbühl ist ein grausam lebensechter "Land-Tigger" (Landjäger). Er wird wohl respektiert im Dorf, aber wahrscheinlich mag man ihn nicht so sehr.

Der starke reiche Mann von Napfmoos, der Gmeinipreesi Mathis (Roll Hoppe), sucht jedenfalls nach einer Gelegenheit, Zumbühl loszuwerden, da es dieser gewagt hat, Mathis wegen Alkohol am Steuer zu belangen. Und als Zumbühl einmal aus Ärger mit dem Karabiner aus dem Schlafzimmerfenster ballert, sieht Mathis seine Stunde gekommen.


Intrigen und Schändung

Schon wild, was Odermatt alles in seine Geschichte gepackt hat: Der Zumbühl verzichtet auf sein Amt und geht als Vorarbeiter zur Bahn, um dem Rausschmiß zuvorzukommen. Auf den Gleisen findet er eines Morgens ein vergewaltigtes Mädchen, nur um kurz darauf herauszufinden, daß ausgerechnet sein Albin der Täter war.

"Äs isch es Buschpers! Gschändet heschs! Wiene Hund!" herrscht er seinen Sohn an. Und verlangt, daß er die Maria heirate, um die Schande ungeschehen zu machen. Daß die Maria von der Idee nicht sehr angetan sein dürfte, kommt dem sturen Gerechtigkeitsfanatiker erst relativ spät in den Sinn. Daß sein Sohn hingegen nicht mitspielen mag - das ist wenig relevant.

Ja, wild sind sie, die Innerschweizer Dorfgeschichten des Urs Odermatt. Und wir haben den Johnny, des Gmeinipreesis Sohn, noch gar nicht erwähnt. Der ist nämlich in Amerika. weil dem Vater sein Gschpusi mit der Maria nicht gepaßt hatte. Und aus Amerika ruft der Johnny jede Nacht um vier per "collect call" die Maria im Bahnhofschuppen an. Dafür wird Zumbühl in seiner neuen Funktion als Bahnbeamter dem Preesi Mathis dann später noch Rechnung stellen.

Wir haben auch noch nicht erwähnt, dass Zumbühls Frau davongelaufen ist vor seiner Rechthaberei. Zumbühl hat auch dafür eine einleuchtende Erklärung. Jahrelang habe er nachts gearbeitet und sie bei Tag. Das sei eine schöne Zeit gewesen. Dann hätte sie auch zur Nachtschicht gewechselt und herausgefunden, daß es nichts "z'brichte" gab zwischen ihnen. Er hätte das gewußt. Sie nicht.

Odermatts Film gratwandert zwischen dörflicher Dramatik, kinotraditioneller Polizistentragik und einem urkomisch bissigen Resumé innerschweizerischer Zustände. Das ist alles sehr ungewohnt geworden im Schweizer Spielfilm. Odermatt zeigt eine Form von Engagement, das uns in den siebziger Jahren verlorenging: Er ist böse, präzise, giftig und dabei voller Zuneigung für seine Figuren, voller Verständnis für die gewohnten und gewohnt mauschligen Machtverhältnisse.         


Munteres Mauscheln

Wenn Zumbühl im Film beharrt: "Ich han nie niit ugraads gmacht!", dann liegt in der dialektalen doppelten Verneinung die ganze Wahrheit des heimatlichen und heimeligen Halbdunkels. Wenn er zum Schluß des Films den Preesi Mathis dahingehend erpreßt, daß der Albin nach verbüßter Zuchthausstrafe den Posten als Dorfpolizist bekommen wird, singen die Heilsarmeeschwestern im Hintergrund schon wieder: "Immer auf Gott zu vertrauen, das ist der beste Weg...".

Zumbühl bleibt sympathisch. Das ist Odermatts originellste Leistung mit diesem Film: Er hat es geschafft (nicht zuletzt dank der glänzenden Dialekt-Synchronisation), eine Realitätssatire zu schaffen, die unsere Verhältnisse kennt und trifft, aber nicht rummäkelt, sondern kurz und träf zubeißt und dazu auf den Stockzähnen grinst. Ich hab's erst geglaubt, als zwei Drittel des Films vorbei waren. Schaafseckel!
Michael Sennhauser: Der Land-Tigger und der Gemeinipreesi -  Urs Odermatt hat mit 'Wachtmeister Zumbühl'
witzmächtig zugebissen. Basellandschaftliche Zeitung, Liestal, 9. September 1994



Der Deutschschweizer Regisseur Urs Odermatt hat ein neues ländliches Dialektdrama von etwelcher Schwere, aber mit spürbar authentischem Hintergrund gedreht.

Er macht Filme stracks an der Kritik vorbei. Beim Publikum sind sie eher willkommen, wohl auch wegen ihres gewollt helvetisch-provinziellen Charakters. Es sind Geschichten aus dem Hinterland, die auf der Kenntnis von Urs Odermatts Pappenheimern fußen. Manchmal etwas verkorkst und schwerfällig, haben sie den Reiz einer gewissen gewichtig-rauhbauzigen Authentizität. Man spürt, da schaut einer nicht amüsiert auf kauzige Dörfler hinab, sondern er empfindet sich, im Guten wie im Schlechten, selber als einer von ihnen.

Die Figur des Wachtmeisters Zumbühl ist in mindestens einer Hinsicht Arnold Odermatt nachgebildet. Der Vater des Autors war bei der Nidwaldner Kapo. Der Sohn hat jetzt die Photographien, die der Alte (meist) im Dienst gemacht hat, in einem Bildband veröffentlicht: Ansichten eines Lebens und einer Zeit, die Provinzialität von eben der Sorte atmet, wie sie auch der Film verbreitet. Nahezu autobiographisch nimmt sich unter diesen Umständen die Filmfigur des Sohns (Jürgen Vogel) des Wachtmeisters Zumbühl aus. Albin ist ein Stotterer, der, ohne es recht zu wollen, ein Mädchen (Anica Dobra) schändet, das ihn auslacht. Und der sich dann, im Wissen, gerettet zu werden, auf-, aber nicht erhängt. Der Titelheld (Michael Gwisdek), beim Korps wegen Übereifers geschaßt, muß zum Rechten sehen. Dabei kommt er selber kaum zurecht. In einem Habitus, der das Jahr 1966 plausibel markiert, kommt eine schwüle Stimmung zustande, die an Fredi Murers Höhenfeuer erinnert. Die Synchronisation der Schauspieler mit Nidwaldner Dialektsprechern folgt der Methode, die schon in jenem Film erprobt wurde. Nicht zuletzt dank dieses Verfahrens bringt Wachtmeister Zumbühl eine Reihe von sehens- und hörenswerten Passagen zu Gemüt.
Pierre Lachat: Polizistensöhne, Tages-Anzeiger, Zürich, 2. September 1994



In seinem zweiten Spielfilm Wachtmeister Zumbühl schildert der Nidwaldner Regisseur Urs Odermatt eine tragikomische Vater-Sohn-Beziehung in der miefigen Provinz der sechziger Jahre. Die präzisen Bilder und der groteske Humor erinnern an grosse osteuropäische Vorbilder.

Ein Winterabend in Napfmoos, Mitte der sechziger Jahre: Das ganze Dorf besäuft sich, außer Wachtmeister Zumbühl. Der steht mit verbissenem Ernst und roter Nase in der Kälte, wischt sich die Herbstblätter aus dem Gesicht und kündigt seinem Polizistenkollegen per Funk an, wer gerade in welchem Zustand die Beiz verlässt. Im Verlaufe des Films werden wir ihn als ebenso rechtschaffen wie rechthaberisch kennen- und ein wenig lieben lernen. Auf allzu grosse Sympathie wird er - wie alle Figuren in diesem seltsam kühlen Film - allerdings nicht stoßen: Von seiner Frau verlassen, hockt er nur Landjäger kauend in seiner biederen Küche oder grunzt vor sich hin.


Sprachlose Dramatik

Dieser furchtbar schweizerische Besserwisser Zumbühl, hervorragend gespielt vom ostdeutschen Bundesfilmpreisträger Michael Gwisdek, wäre nicht die Hauptfigur, wenn da nicht das Verbrechen wäre, das dem Film die vordergründige Handlung gibt. Wegen eines kleinen Vergehens von seinem Vorgesetzten geschaßt, arbeitet er bei der Bahn. Auf den Geleisen findet der Expolizist eines Morgens ein brutal geschändetes Mädchen. Bald weiß er, daß als Täter nur sein leicht debiler Sohn Albin in Frage kommt. Wie er den Konflikt zwischen Berufsauffassung und Blutsbande löst, bestimmt weitgehend die Dramatik. Jedoch weniger die etwas unglaubwürdige Handlung, als vielmehr die Atmosphäre und Stimmung im (fiktiven) Nidwaldner Nest Napfmoos in den sechziger Jahren und die sprachlosen, in sich gekehrten Personen sorgen für Spannung und Dichte in diesem Schweizer Dialektfilm.

Hier herrscht der Mief der Provinz: Wer anders ist oder seinen eigenen Weg geht, wird verspottet (wie die Zumbühls) oder vergewaltigt (wie das Mädchen). Die meisten Begegnungen im Dorf enden mit dem Wort "Schafseckel"... Mit präzisen Bildern, durchwegs überzeugenden Schauspielern (deren Bühnendeutsch von Nidwaldner Laien synchronisiert wurde) und groteskem Humor gelingt Urs Odermatt ein beklemmendes Bild dörflicher Enge in den sechziger Jahren, als die Moral noch Konturen hatte. Als Sohn eines photographierenden Dorfpolizisten kann er aus seiner Autobiographie schöpfen. Er kennt seine Pappenheimer, und er kennt die ambivalente Faszination der Provinz - sei es in Nidwalden, Litauen oder Oberösterreich.


Zwischen Stuhl und Bank?

"Ich versuche, meine Geschichten weder als reines Unterhaltungskino noch als kalorienarmes Cinéphilenfutter zu erzählen", sagt Odermatt, dessen Erstling Gekauftes Glück der erfolgreichste Schweizer Film des Jahres 1989 war. Auch mit dem spröd-vertrackten Wachtmeister Zumbühl begibt er sich auf die Gratwanderung zwischen lautem Mainstream und sperrigem Studiofilm. Möglich, dass er dabei unverdientermassen zwischen Stuhl und Bank fällt - aber wer weiß schon, wann und warum ein Loach oder ein Kieślowski ihr Publikum über die Kritiker hinaus fanden?
Marcel Elsener: Osteuropäisch geprägte Tragikomödie im Provinzmief der sechziger Jahre,
Die Ostschweiz, St. Gallen, 6. September 1994



Der Titel Wachtmeister Zumbühl erinnert an eine Ikone des alten Schweizer Films, Leopold Lindtbergs Wachtmeister Studer (1939). Beide Polizisten haben als eigenwillige bis sture Einzelgänger ein Verbrechen zu lösen - Studer (Heinrich Gretler) einen Mord, Zumbühl (Michael Gwisdek) eine Vergewaltigung. Während Studer den mächtigen Gemeindepräsidenten Aschbacher erst nach langwierigen, minutiös geführten Nachforschungen und einigen Rückschlägen erst am Schluß des Films als Täter überführen kann, steht für Zumbühl schnell fest, daß die Maria (Anica Dobra), die er eines Nachts übel zugerichtet im Güterbahnhof von Napfmoos im Kanton Nidwalden findet, von seinem Sohn Albin (Jürgen Vogel) vergewaltigt worden ist, nicht vom Gemeindepräsidenten Mathis (Rolf Hoppe), dem ebenso schlitzohrigen wie unsympathischen Dorfgewaltigen und Kiesgrubenbesitzer, bei dem Maria als Bureauangestellte arbeitet. Für Zumbühls Rechtsempfinden gibt es nur eine Alternative: Entweder heiratet Albin die geschändete junge Frau, oder er stellt sich der Polizei. Maria zu fragen, was sie dazu meint, kommt ihm nicht einmal in den Sinn.

Im Gegensatz zum mürrisch-jovialen Wachtmeister Studer mit dem mitfühlenden goldenen Herzen ist Wachtmeister Zumbühl ein verschlossener, hager-asketischer, paternalistischer Typ, dessen Redlichkeit und Rechtschaffenheit leicht in sture Rechthaberei umkippen. Toleranz und Großzügigkeit sind ihm fremd. So postiert er sich zu Beginn des Films ausgerechnet dann im naßkalten Hudelwetter vor der Dorfbeiz «Adler», um Blaufahrern aufzulauern, wenn eine behördlich bewilligte Freinacht stattfindet. Prompt geht ihm Gemeindepräsident Mathis in die Falle, worauf dieser seinen Führerschein für einige Zeit los ist. Mathis läßt seine Wut an einem aus, der sich nicht wehren kann: am Sohn des Wachtmeisters. Obwohl Albin das talentierteste Mitglied des vom Gemeindepräsidenten gesponserten Motocroß-Teams ist, das in seiner Kiesgrube knatternd Übungsrunden drehen darf, verknurrt Mathis den stotternden, brillentragenden, selbstunsicheren Jüngling, wieder zu seinem Job als Kranführer in luftiger Höhe zurückzukehren. Auch sorgt er dafür, daß Albin im Schießstand, wo jeder seiner Schüsse ins Schwarze trifft, nur Nuller zu sehen bekommt. Das erbost wiederum Zumbühl, der den Betrug von seinem Wohnungsfenster aus beobachtet hat, derart, daß er seinen Karabiner holt und auf die Scheiben ballert. Um die Chancen seines Sohnes, der nach seinem Willen ebenfalls Polizist werden soll, nicht zu gefährden, kommt er einer Disziplinarstrafe zuvor, demissioniert und wird Vorarbeiter im Napfmooser Bahnhof, in dessen Güterschuppen er die mißhandelte und mißbrauchte Maria findet. Als gelernter Polizist sichert er die Beweise und dokumentiert photographisch alle Spuren. Zuerst versteckt er Maria in einem Güterwaggon, dann trägt er sie in seine Wohnung, legt sie in sein leeres Ehebett und pflegt sie fürsorglich.

Um sein gestörtes Rechtsempfinden wieder ins Lot zu bringen, prügelt Zumbühl seinen widerstrebenden Sohn dazu, Maria einen Heiratsantrag zu machen. Aber Maria lehnt diese nachträgliche Legalisierung der Vergewaltigung ab. Ihr graust vor ei-nem Leben mit dem sturen, einsamen Vater und dem von ihm unterdrückten, schwächlichen Sohn. Also bleibt für Zumbühl nur noch eine Konsequenz: Albin muß sich der Polizei stellen. Der weigert sich jedoch und flüchtet zu seiner Mutter, die Zumbühl vor 16 Jahren verlassen hat und in Bülach, „schon fast in Deutschland", bei einer Sekte lebt. Darauf zeigt Zumbühl seinen Sohn an und liefert fein säuberlich auch noch alle gesammelten Beweise. (...)

Odermatt erzählt eine Geschichte, deren Charaktere und Milieu ihm aus eigener Erfahrung vertraut sind. Zumbühl ist so etwas wie ein typischer (Inner-)Schweizer: verschlossen, dickschädelig, wortkarg, penibel korrekt, rechthaberisch, ein Mann, der alles seinen Prinzipien unterordnet. Er lebt in einer engen, abgeschlossenen Welt. Atembeklemmende Enge ist denn auch ein Charakteristikum des Films: Es gibt keine Ausblicke in die Landschaft, fast alles spielt sich in geschlossenen Räumen ab - im Güterschuppen, im Bahnwaggon, in der miefigen Wohnung Zumbühls. Überhaupt ist das Zeitkolorit der sechziger Jahre recht gut getroffen, von den Oldtimern DKW und Borgward Isetta bis zum „East of Eden"-Filmplakat in Albins Zimmer - eine Reminiszenz an einen berühmten Film, der ebenfalls einen Vater-Sohn-Konflikt zum Thema hat.

Aber Zumbühl wird nicht bloß als sturer, herzloser Typ geschildert, er ist auch menschlich sympathischerer Regungen und Gefühle fähig, was sich etwa in seiner Fürsorglichkeit für Maria zeigt. Die wohl eindrücklichste Szene des Films ist denn auch jene, in der Zumbühl in einem für ihn ungewohnten Redefluß Maria seine seelische Not als Polizist offenbart, der seit zwanzig Jahren im Durchschnitt jeden Monat einmal Eltern die schreckliche Nachricht überbringen muß, daß ihr Kind oder ein Angehöriger Opfer des Verkehrs geworden ist. Diese Szene verstehe ich als Hommage an Odermatts Vater Arnold, der während fünfzig Jahren die Verkehrsunfälle im Kanton Nidwalden dokumentiert hat.

Zu den gelungensten Aspekten von Wachtmeister Zumbühl gehört Odermatts Bemühen, seine Geschichte nicht zu zerreden, sondern vorwiegend in Bildern zu erzählen (erfolgreich unterstützt von der Kamera Rainer Klausmanns). Dazu gehören auch öfters wiederkehrende Bildmotive, etwa wenn Zumbühl sich ausschließlich von Landjägern zu ernähren scheint. Auch die Lakonik der Dialoge überzeugt (die Synchronisation der meist deutschen Schauspieler und Schauspielerinnen mit Nidwaldner Laienspielern unter der Leitung von Franz Troxler ist erstaunlich gut gelungen). Allerdings wird da manchmal auch des Guten zu viel getan, etwa wenn das Sprachlosigkeit signalisierende, jeweils eine Szene abschließend-wuchtig beendende Schimpfwort „Schafseckel" etwa ein Dutzendmal eingesetzt wird.
Franz Ulrich, Zoom, Zürich, September 1994



Der Regisseur Urs Odermatt (Gekauftes Glück), Sohn des Nidwaldner Polizisten und Photographen Arnold Odermatt, erzählt in seinem neuen Film Wachtmeister Zumbühl die Geschichte eines Polizisten, der seinen Sohn mit unerschütterlicher Besserwisserei in ein Verbrechen treibt.

Der Titel Wachtmeister Zumbühl weckt Erinnerungen an Friedrich Glausers rundlichen, sympathisch rumpelsurigen Wachtmeister Studer und Schaggi Streulis Polizist Wäckerli, zwei legendäre Figuren des alten Schweizer Films. Odermatt hat den Titel bewußt gewählt, die Erwartungen, die er damit weckt, jedoch nie erfüllen wollen. Zu stark unterschieden sich die Erfahrungen, die er in seiner Jugend als Sohn eines Nidwaldner Dorfpolizisten gemacht hatte, von der heilen, heiteren Kinowelt jener Tage.

Ursprünglich wollte Odermatt die Geschichte eines integeren Dorfpolizisten erzählen, der aus Übermut mit seiner Dienstwaffe auf die Zielscheibe eines Schießstands feuert und deswegen zu einer Busse verurteilt wird. Da dieser die Strafe als ungerecht empfindet, holt er sich das Geld bei der Leerung der Parkuhren zurück, wird dabei ertappt und vom Dienst suspendiert. Als der Fall in der Boulevardpresse Schlagzeilen macht, bringt sich der Sohn aus Scham um.


Kerzengerader Vater, krummer Sohn

Bei der Arbeit an diesem Ur-Wachtmeister Zumbühl realisierte Odermatt, dass der Stoff noch interessanter wird, wenn er den Akzent auf die Zeit nach der Suspendierung setzt und den Sohn nicht zum Opfer, sondern zum Täter werden läßt. So nimmt Wachtmeister Zumbühl, ein kerzengerader Beamter, der seine Fallen für alkoholisierte Automobilisten mit Vorliebe vor der Dorfbeiz auslegt und auch beim Gemeindepräsidenten Mathis (Rolf Hoppe) keinen Pardon kennt, seinen Hut, um der drohenden Suspendierung zuvorzukommen. Von seinem stotternden Sohn Albin (Jürgen Vogel), der vorher schon unter dem harten Regime des Vaters gelitten hatte, fordert er, daß er nun bei der Polizei in seine Fußstapfen trete und endlich ein Mann werde. Die Zumbühlsche Rechthaberei, die bereits Albins Mutter aus dem Haus und in die Arme einer Sekte getrieben hat, findet darauf ihren tragischen Höhepunkt. Als die hübsche Maria (Anica Dobra) sich nach einem der ungeschickten Annäherungsversuche Albins über ihn lustig macht, verliert dieser die Beherrschung und vergewaltigt das Mädchen. Wachtmeister Zumbühl, der später zufällig ihren Selbstmord verhindern kann und ebenso akribisch wie voyeuristisch die Spuren an ihrem Körper photographisch festhält, ahnt schon, was bald zur Gewißheit wird, daß sein Sohn die Tat begangen hat. Um den Strafbestand aus der Welt zu schaffen (in den sechziger Jahren war Vergewaltigung in der Ehe noch kein Delikt), drängt er Albin und Maria zur Heirat. Andernfalls, droht Wachtmeister Zumbühl, müsse er seinen Sohn anzeigen.


Dichte Atmosphäre

Der Ostberliner Schauspieler Michael Gwisdek, der die Titelrolle in beklemmender Weise ausfüllt, die authentische Ausstattung, die eindringlichen Bilder von Kameramann Rainer Klausmann und Odermatts präzise Führung der Schauspieler ergeben genaue Psychogramme der Figuren und lassen die stickige Provinzatmosphäre jener Tage in seltener Intensität aufleben.


Autobiografische Wurzeln

Entgegen naheliegender Vermutungen versteht sich der Regisseur mit Arnold Odermatt besser denn je. Sein Vater stellte nicht nur die im Buch Meine Welt, Photographien 1939-1993 veröffentlichten Photos für Wachtmeister Zumbühl zur Verfügung, sondern konnte sich als Pensionär auch die Zeit nehmen, um bei den Dreharbeiten bestechende Standphotos zu schießen. Direkt auf die Brisanz des autobiographischen Hintergrunds für den Film angesprochen, antwortet Urs Odermatt: "Ich kannte als Kind fast nur Polizisten. Alle Väter schienen Polizisten zu sein. Uniformierte und solche, die es gerne wären. Ich kenne aber auch den Alltag der Polizisten, etwa den kleinen Schritt zwischen Integrität und Sturheit. Oder die Versuchung, nahestehende Verdächtige anders zu behandeln als fremde - in der Regel erbarmungsloser." Beim Drehbuchschreiben hat Odermatt die Perspektive des Vaters gewählt, weil er mit Vorliebe Geschichten über halsstarrige alte Männer erzählt und weil beim Wühlen in den eigenen Unzulänglichkeiten eine fremde Brille die Skrupel reduziert. "Trotzdem ist Albin keine autobiographische Figur."


Nidwaldner Synchronfassung

Neben einer britischen Norton helfen ein deutscher Borgward Isabella, ein französischer Peugeot 403 und nicht zuletzt Wachtmeister Zumbühls anthrazit-beiger DKW 3=6 die Geschichte ins Kolorit der sechziger Jahre einzufärben. Da sich aber die Dorf- und Landschaftsbilder im Kanton Nidwalden in den letzten dreißig Jahren stark verändert haben, mußte der Regisseur den Film im Kanton Glarus drehen, wo die Uhren zum Glück noch etwas langsamer gehen. Obwohl Odermatt betont, daß sich seine Geschichte überall in der mitteleuropäischen Provinz zugetragen haben könnte, legt er Wert darauf, die Mundartversion als Originalfassung zu definieren. "Weil ich mich bei meiner Suche nach guten und erfahrenen Schauspielern durch nichts einschränken lassen wollte, nahm ich in Kauf, die stimmigere Dialektfassung per Synchronisation erarbeiten zu müssen", erläutert Odermatt. Dafür genügend Leute - insbesondere jüngeren Alters - zu finden, die noch reine Nidwaldner Mundart sprechen, war schwierig. Schließlich wurden die 15 Sprechrollen mit drei Profis und zwölf Laien besetzt. "Eine ungewohnte Arbeit, strenger als schaffen", kommentierte der Obbürgener Landwirt Teddy Amstutz, der dem Gemeindepräsidenten Mathis seine Stimme lieh, die Erfahrung. Nach den fünfeinhalb Tage dauernden Aufnahmen war Odermatt hochzufrieden: "Die Nidwaldner Version ist sehr authentisch, träf und dicht - besser als die Urfassung."
Reinhold Hönle: Dorfkrimi - 'Träf und dicht', Der Zürcher Oberländer, Wetzikon, 2. September 1994



Si vous vous ennuyez d'un cinéma pince-sans-rire, minutieux jusque dans les moindre détails, savoureux comme du chocolat, précis comme une montre suisse, sarcastique sans cesser d'être sérieux, il faut vous précipiter voir Le Pandore. Le film renoue avant tout avec le cinéma tchèque des années 60, le cinéma des Forman et Passer.

Le Pandore
ressemble à une montre suisse qu'on démonterait sous nos yeux. De l'extérieur, tout a l'air si simple. Mais dès qu'on la décortique, qu'on pénètre dans ses arcanes, un monde complexe se révèle. Tel est le brigadier Zumbühl. A travers un comportement qui semble d'abord aberrant, Odermatt nous fait pénétrer dans sa psyché. Dans ce personnage, Michael Gwisdek m'a paru fascinant. Le film va ainsi de tic en tac, de surprise en surprise par petites touches imperceptibles jusqu'à un dénouement difficile à prévoir.
Luc Perreault, La Presse, Montréal, 25. März 1995


Rolf Breiner, Nidwaldner Zeitung, Stans, 25.8.1994

Andrea Casalini, Zürcher Unterländer, Bülach, 14.9.1994

Michael Sennhauser, Basellandschaftliche Zeitung, Liestal, 9.9.1994

Rolf Breiner, Luzerner Zeitung, 24.11.1993
Wachtmeister Zumbühl könnte der Film eines osteuropäischen Regisseurs sein, der in der Schweiz spielt. Im Gespräch mit Urs Odermatt wird klar, wie diese Prägung entstanden ist. Einerseits liege hier sein persönlicher Filmgeschmack, erklärt der 39jährige Regisseur, der als Vorbilder große Osteuropäer wie Polanski, Menzel oder Forman nennt. Andererseits waren es Polen, die ihn das Handwerk lehrten: Krzysztof Kieślowski (Bleu, Blanc, Rouge) und Edward Bernstein-Żebrowski. Die beiden Regisseure begleiteten Wachtmeister Zumbühl im Rahmen eines Suissimage- Drehbuchseminars. Kieślowski sprach über den Film mit polnischen Humor als "eine Geschichte über sechs Millionen Schweizer: Switzerland-Zumbühlland". Odermatts Erzählkonzept bedeutete ihm "die Welt in einem Wassertropfen".

Odermatt gefällt an den Osteuropäern besonders das ständige tragikomische Element und "der Flirt mit den Grenzen des guten Geschmacks", wie er sagt. Als Sohn eines Polizisten und ehemaliger katholischer Klosterschüler ist er schon früh vertraut geworden mit absurden Situationen. Nicht zuletzt sein Hang zu grotesken Figuren ließ ihn einige Hauptrollen seines neuen Films mit ostdeutschen Schauspielern wie Michael Gwisdek (Zumbühl), Rolf Hoppe (Gemeindepräsident) und Norbert Schwientek (Dienstchef) sowie mit der gebürtigen Belgraderin Anica Dobra besetzen.
Marcel Elsener: Odermatts Blick nach Osteuropa, Die Ostschweiz, St. Gallen, 6. September 1994

*

Alfred Nathan
Wie sind Sie auf den Stoff von 'Wachtmeister Zumbühl' gestoßen?

Urs Odermatt
Ich wollte in meinem neuen Kinofilm eine Geschichte erzählen, bei der ich weiß, wovon ich rede. Ich bin ein Kind der sechziger Jahre, und mein Vater war Polizist. Damit wollte ich etwas machen: Mit dem Mief der Provinz vor dreißig Jahren und dem Schicksal eines jungen Menschen, dessen Vater Polizei Wachtmeister ist.


Alfred Nathan
Ist 'Wachtmeister Zumbühl' ein autobiographischer Film?

Urs Odermatt
Wachtmeister Zumbühl ist nicht mein Vater. Wachtmeister Zumbühl ist mein Vater, mein Vetter, mein Onkel, mein Nachbar, dessen Kollegen und mein früherer Banknachbar aus der Schule. Ich kannte als Kind fast nur Polizisten. Alle Väter schienen Polizisten zu sein. Uniformierte und solche, die es gerne wären. Ich kenne aber auch den Alltag des Polizisten. Etwa den kleinen Schritt zwischen Integrität und Sturheit. Die Versuchung, nahestehende Verdächtige anders zu behandeln als fremde. In der Regel erbarmungsloser.


Alfred Nathan
Im Mittelpunkt von 'Wachtmeister Zumbühl' steht ein Generationenkonflikt. Warum schildern Sie ihn aus der Optik des Vaters, wo Ihnen doch die autobiographische Sicht des Sohnes näher stehen müßte?

Urs Odermatt
Das hat mit meiner Vorliebe zu tun, Geschichten über halsstarrige alte Männer zu erzählen, Dickschädel, wie sie Glauser und Simenon mit viel Hingabe gezeichnet haben. Im übrigen ist es spannender, den eigenen Kampf durch eine fremde Brille zu betrachten: Man hat weniger Skrupel! Albin ist übrigens keine autobiographische Figur: Ich hatte zum Beispiel nie einen Norton-Töff...


Alfred Nathan
Wie schon in Ihrem ersten Kinofilm 'Gekauftes Glück' geht es in 'Wachtmeister Zumbühl' um einen Außenseiter. Ist diese Außenseiterproblematik für Sie eine spezifisch schweizerische?

Urs Odermatt
Wieso schweizerisch? Wachtmeister Zumbühl ist kein Schweizer Film. Ich erzähle eine Nidwaldner Geschichte, eine deutschsprachige Geschichte, eine Geschichte aus der mitteleuropäischen Provinz; diese Gemeinsamkeiten sind viel wichtiger. Ein Dorf in den Ardennen, im Odenwald, in den Karpaten oder in der masurischen Seenplatte hat mehr mit Napfmoos und seinem Dorfpolizisten Wachtmeister Zumbühl zu tun als Städte wie Zürich, Basel oder Genf.


Alfred Nathan
Aber um Außenseiter geht es doch?

Urs Odermatt
Gewiß, aber es sind Außenseiter aus freier Entscheidung, selbstbewußte Menschen, die sich abgrenzen wollen: Allein gegen den Rest der Welt. Dieser rechthaberische Außenseiter, der meist recht hat und recht bekommt, dieses stolze, oft überhebliche Neben-der-Masse-Stehen zahlt natürlich einen hohen Preis: Es macht einsam. Wachtmeister Zumbühl erzählt die Geschichte eines Mannes, der nur nach seinen Prinzipien lebt, der seiner Integrität alles unterordnet. Eines Mannes, der immer recht hat. Eines Besserwissers, der es meist auch besser weiß. Darum ist er auch so ein „Schafseckel", wie wir in der Schweiz mit Abscheu und Respekt sagen.


Alfred Nathan
Krzysztof Kie
ślowski, der das Drehbuch dramaturgisch begleitet hat, nannte 'Wachtmeister Zumbühl' eine Geschichte über sechs Millionen Schweizer. Können Sie dem zustimmen?

Urs Odermatt
Die sechs Millionen Schweizer sind aus meiner Sicht weniger integre Wachtmeister als vielmehr übereifrige Schullehrer, die ein Leben lang nichts unversucht lassen, dem Mitmenschen zu zeigen, wie man sich im Leben verhalten soll. Aber das trifft nur auf die deutsche Schweiz zu, mit nach Norden offener Grenze. Die Welschen haben ganz andere Laster. Mentalitäten und mit ihnen die Stoffe der Spielfilme orientieren sich mehr nach Sprach- als nach Landesgrenzen.


Alfred Nathan
Wie schon in Ihren früheren Arbeiten haben Sie in 'Wachtmeister Zumbühl' die wichtigen Rollen mit namhaften deutschen Schauspielern besetzt. Warum dies in einem Film, der in der Innerschweiz spielt?

Urs Odermatt
Ich arbeite gern mit guten und erfahrenen Schauspielern und versuche, den besten für die entsprechende Rolle zu finden. Die Arbeit mit den Schauspielern ist neben der Arbeit am Stoff das größte Privileg eines Regisseurs. Ich lasse mich bei der Besetzung durch nichts einschränken. Am wenigsten interessieren mich Reisepaß und Nationalität der Schauspieler.


Alfred Nathan
Wie sind Sie auf Michael Gwisdek, den Darsteller des Wachtmeister Zumbühl, gestoßen?

Urs Odermatt
Ich hatte Michael in Bernhard Wickis Film Sansibar nach dem gleichnamigen Roman von Alfred Andersch gesehen. Er spielte dort einen Fischer in Rerik an der Ostsee, also das Gegenteil eines voralpinen Polizisten, dies am anderen Ende des deutschsprachigen Raumes - und trotzdem eine absolut verwandte Figur. Die wortkarge Sturheit, die er dort verkörperte, war so verwandt mit dem Schweigen meines Wachtmeisters, der weiß, was er zu tun hat, daß ich auch sofort wußte, was ich zu tun hatte: Gwisdek, der DDR-Großstädter aus Ostberlin und Sohn eines Kneipenwirts, der einen solchen Fischer in Andersch' Rerik an der Ostsee geben kann, der macht auch meinen Wachtmeister Zumbühl in Napfmoos im Kanton Nidwalden.


Alfred Nathan
Sie hatten nie Bedenken, daß der Ostberliner Sohn eines Kneipenrwirts den Typus des Nidwaldner Polizisten verfehlen könnte?

Urs Odermatt
Absolute Sicherheit gibt es nicht, jede Besetzung kostet schlaflose Nächte. Doch um eine Geschichte aus Nidwalden zu besetzen, suche ich nicht in erster Linie in der Innerschweiz. Andere Dinge sind viel wichtiger: Der Instinkt des Regisseurs und der Instinkt des Schauspielers, und ob es da irgendwo eine Brücke gibt. Mein Instinkt ist ein cholerischer Begleiter: Wenn er einmal sicher ist, läßt er sich durchs nichts beirren. Bei Michael Gwisdek hat er recht gehabt. Kie
ślowski hat bis zum Schluß über die Besetzung der Hauptrollen eine Schnute gezogen. Als er den fertigen Film dann in Cannes gesehen hat, hat er mir recht gegeben. Solche Momente vergißt man nicht.


Alfred Nathan
Der Titel Ihres Films,
'Wachtmeister Zumbühl', läßt unwillkürlich an Glausers 'Wachtmeister Studer' denken. Weckt das nicht falsche Erwartungen?

Urs Odermatt
Erwartungen darf die Ähnlichkeit der beiden Titel ruhig wecken. Falsch sind sie dennoch. Fast alle Polizisten und Wachtmeister, die wir aus den Schweizer Kriminalgeschichten kennen, sind joviale, rumpelsurige, gutmütige und etwas korpulente Zeitgenossen. Wachtmeister Zumbühl dagegen ist ein hagerer, asketischer, strenger Mensch, der sich nichts gönnt.


Alfred Nathan
Hatten die verschiedenen deutschen Darsteller in 'Wachtmeister Zumbühl' keine Mühe, sich in die schweizerische Mentalität einzuleben?

Urs Odermatt
Was verstehen Sie unter einer schweizerischen Mentalität? Wachtmeister Zumbühl erzählt eine Geschichte aus einem Dorf der sechziger Jahre. Viele Zuschauer in Deutschland, Österreich und anderswo, die das Klima der Provinz von damals noch kennen, werden sehr wohl wissen, wovon ich erzähle. Andererseits wird der Popcorn-Yuppie im Stadtzürcher Kino denken, er sei in einen Drittweltfilm geraten.


Alfred Nathan
Weshalb ist Ihnen das Zeitkolorit so wichtig, daß man den Eindruck gewinnt, Sie hätten sogar für die Automobiltypen ein aufwendiges Casting veranstaltet?

Urs Odermatt
Schauen Sie sich die Autos von heute an, und Sie wissen warum. Im Ernst: Die sechziger Jahre sind die Zeit meiner Kindheit. Das ist eine intensive Zeit, in der man die Augen offen hält und der Instinkt nachhaltig geprägt wird. Außerdem sind die sechziger Jahre optisch viel spannender als die Gegenwart. Das betrifft nicht nur die Gesichter der Autos; auch Architektur und Alltagsdesign waren noch nicht so nivelliert und banalisiert wie heute. Wäre ich damals irgendwo stockbetrunken in ein Hotel gestolpert, hätte ich am nächsten Morgen beim ersten Blick aus dem Fenster gesehen, in welcher Gegend ich gelandet bin: am Stil der Häuser, am Dorfbild, selbst an der Art des Straßenzauns oder der Straßenpflasterung. Heute hilft mir nur ein Blick auf die Autonummernschilder weiter.

Auch dramaturgisch waren die sechziger Jahre interessanter: Die Frage nach Recht und Unrecht, nach Moral und Unmoral ließ die Diskussionen heißer kochen als in unserer heutigen langweilig-libertären Laissez-faire-Gesellschaft, in der man immer richtig liegt, wenn man sich nur politisch korrekt ausdrückt. Selbstverständlich habe ich für die Autos ein aufwendiges Casting gemacht.


Alfred Nathan
Sie übersetzen 'Regisseur' lieber mit 'Spielleiter' als mit 'Filmemacher'. Hat das mit Ihrer Arbeitsweise zu tun?

Urs Odermatt
Ich bin kein Filmemacher. Die meisten Berufskollegen verstehen von der ganzen Filmemacherei, von all den handwerklichen Dingen um Kamera, Licht und Ton, die man wissen muß, um einen Film zu machen, viel mehr als ich. Ich bin nicht von einer Filmschule zum Film gekommen, sondern vom Schreiben. Ich glaube, eine Ahnung davon zu haben, wie man eine Geschichte für die Leinwand entwickelt, wie man den Schauspielern den Kraftstoff gibt, den sie zum Spielen brauchen. Eine Figur zu schreiben und eine Figur zu spielen sind zu achtzig Prozent das gleiche Handwerk: Schöpfen aus dem eigenen Erfahrungsrepertoire, emotionales Erinnern, Verdichten von Erlebnissen und Beobachtungen. Später trennen sich die Wege: Der Autor schreibt, der Schauspieler spielt. Als Regisseur und Autor profitiere ich vom Wissen aus dem teilweise gemeinsamen Weg.


Alfred Nathan
Heißt das, daß Sie beim Schreiben immer den Schauspieler vor Augen haben?

Urs Odermatt
Nicht einen bestimmten, aber ich überlege mir zu jedem Zeitpunkt, was der Schauspieler neben Dialogen, Gängen, Requisiten und anderen Selbstverständlichkeiten zum Spielen braucht; was die Figur denkt und warum, oder warum nicht, was sie fühlt und warum, oder warum nicht. Ob sie lügt und warum. Oder warum nicht.


Alfred Nathan
Sie haben kürzlich am Stadttheater Halle Max Frischs 'Andorra' inszeniert. Wie erleben Sie den Unterschied zwischen Ihrer Theater- und Ihrer Filmarbeit?

Urs Odermatt
Das Handwerk ist im Grunde dasselbe: Das Suchen nach der Wahrheit in jeder Figur, in jedem Wort, in jeder Geste. Ein paar Unterschiede gibt es dann schon: Beim Film kann ich in der Regel nicht chronologisch drehen, das heißt vom Anfang zum Ende erzählen, sondern ich muß mich nach den Forderungen des Drehplans richten, der ganz andere Schwerpunkte setzt, die Termine der Schauspieler etwa, oder das Zuverfügungstehen der Motive, das Wetter, die zur Verfügung stehende Drehzeit.

Beim Film habe ich die Möglichkeit, eine Aufnahme zu wiederholen, zum Glück, denn bei Nahaufnahmen entlarvt die Kamera jeden Hauch von Lüge erbarmungslos und verlangt vom Schauspieler jederzeit ein hundertfünfprozentiges Spiel, während er auf der Bühne schon einmal die Tatsache zu nutzen weiß, daß auch die erste Zuschauerreihe drei, vier Meter weit entfernt ist. Dafür ist das Spiel im Theater ein Spiel ohne Netz, und - trotz des Unterbaus und all der Brücken, die in den Proben erarbeitet werden -, auf der Bühne steht der Schauspieler allein.


Alfred Nathan
Arbeiten Sie lieber fürs Theater oder für den Film?

Urs Odermatt
Fürs Theater. Für den Film. Fürs Theater natürlich. Natürlich für den Film. Beim Theater ist selbstverständlich viel mehr... Aber der Film hat ganz andere... Ich denke, ich brauche Bedenkzeit.


Alfred Nathan
Wie lange?

Urs Odermatt
Ein Leben lang.


Alfred Nathan
Aber beim Theater fällt für Sie doch das Erarbeiten eines eigenen Stoffes, das Ihnen so wichtig ist, weg?

Urs Odermatt
Nicht aber die Aneignung. Natürlich suche ich Stoffe, die in irgendeiner Weise mit mir zu tun haben, die ich mir aneignen kann, die ich mir zurechtknete, die ich vielleicht sogar im Widerspruch zu den ursprünglichen Intentionen des Autors interpretiere, um einen Aspekt herauszuarbeiten, der mich besonders interessiert, einen Aspekt, in welchem ich ein Stück Wahrheit zu finden glaube. Auch das ist für mich Werktreue. Ich kann mir nicht vorstellen, etwas zu inszenieren, zu dem ich keinen Bezug habe. Weder auf der Bühne noch an der Leinwand.


Alfred Nathan
'Gekauftes Glück' war der erfolgreichste Schweizer Film des Jahres 1989. Es gab aber auch heftige Gegenstimmen bei der Kritik.

Urs Odermatt
Würden mir Publikum und Kritik nur zustimmen, hätte ich das Gefühl, ich hätte etwas falsch gemacht. In Gekauftes Glück war das Echo umso heftiger, je näher es aus dem realen Schauplatz der Geschichte, also der Innerschweiz, kam. Das zeigt mir, daß ich hier einen Nerv getroffen habe. Unbequeme Wahrheiten erhitzen die Gemüter und bringen den Überbringer in Bedrängnis. Dazu kommt, daß ich versuche, meine Geschichten weder als reines Unterhaltungskino noch als kalorienarmes Cinéphilenfutter zu erzählen. Die Weigerung, mich der hehren Entscheidung zwischen Kommerz und Kunst zu stellen, mag einige Kritiker ärgern. Ich hoffe, sie werden sich auch in Zukunft ärgern: Wachtmeister Zumbühl ist weder lautes Main-Stream-Kino, noch ein sperriger Studiofilm. Es ist einfach die Geschichte von Wachtmeister Zumbühl, dem rechtschaffenen Dorfpolizisten von Napfmoos. Mit meinem Handwerk gebaut. In meiner Handschrift erzählt.
Alfred Nathan, Mainz, ist der
ZDF-Redakteur von 'Wachtmeister Zumbühl'

*

Wachtmeister Zumbühl, der neue Spielfilm von Urs Odermatt, wurde am Donnerstag in feierlichem Rahmen in Altdorf uraufgeführt. Im vollbesetzten Saal des Kino Leuzinger verfolgten rund 500 geladene Gäste die Geschichte des rechtschaffenen Dorfpolizisten, der sich beim Kampf um das Gute kompromißlos an den Text des Paragraphen hält und so in einen Konflikt gerät zwischen Berufsauffassung und Familienbande. Nach der Vorführung wurde, neben den Hauptbeteiligten an der Produktion, auch der echte Wachtmeister Zumbühl auf die Bühne gerufen, der Chef der Einsatzzentrale der Nidwaldner Kantonspolizei: Paul Zumbühl. Zusammen mit zwei ehemaligen Kollegen ist er auch auf dem Filmplakat zu sehen, auf einer Photographie seines früheren Berufskollegen Arnold Odermatt, dem Vater des Regisseurs.

Als er vor etwa drei Jahren gehört habe, Urs Odermatt drehe einen Film mit dem Namen Wachtmeister Zumbühl, sei er zuerst skeptisch gewesen, gestand Zumbühl gegenüber der NZ. Er befürchtete, es gebe eine Geschichte über ihn, über Begebenheiten aus seiner Berufstätigkeit. Man habe ihn aber dann beruhigt mit der Mitteilung, er gebe dem Film nur seinen Namen. Am Mittwoch habe er dann das Kino mit sehr guten Gefühlen verlassen. Daß er auf die Bühne gerufen wurde, sei eine große Überraschung gewesen, dies hätte er nie erwartet. Und darüber, wie auch über die Tatsache, daß er auf dem Plakat erscheine, freue er sich schon.

Die Grundidee des Filmes gefällt dem echten Wachtmeister Zumbühl sehr gut. In vielen Punkten könne er sich auch im Wachtmeister Zumbühl des Filmes erkennen, meinte er. Vor 35 Jahren habe er seinen Dienst angefangen und in jener Zeit ähnliche Dinge erlebt wie der Film-Zumbühl. Doch dies sei früher gewesen, sagte er dann, junge Polizisten würden heute bestimmt sagen, was der Film zeige, stimme nicht. Womit er sich weniger identifizieren kann, ist die Autorität, die Strenge des Film-Zumbühls seinem Sohn gegenüber. Da wäre er väterlicher gewesen, meinte er. Und auch die harte Sprache, das Fluchen im Film gefällt Zumbühl weniger. Doch die Not der beiden Hauptdarsteller sei sehr gut dargestellt und der ganze Film sei viel humaner als Urs Odermatts letzter Spielfilm Gekauftes Glück. Was ihm auch sehr gut gefallen hat, sind die knappen Gespräche und die Art, wie Urs Odermatt die Bilder erzählen läßt.

Ebenfalls an der Première anwesend war Nina Ackermann, die einzige Nidwaldnerin, die im Film als Schauspielerin mitgewirkt hat. Für ihre kleine Rolle als Spezereihändlerin hat sie etwa vier Tage investiert, ist viermal in den Kanton Glarus zu den Dreharbeiten gefahren und hat auch, zusammen mit zahlreichen Glarnern, als Statistin gearbeitet. Sie war dann ein wenig überrascht, daß von den vielen Statisten fast nichts mehr zu sehen war im Film. Die Dreharbeiten hätten ihr Spaß gemacht, erzählte sie. Sie habe da viele gute Leute kennengelernt und die Zusammenarbeit mit dem Filmteam und mit Urs Odermatt sei sehr schön gewesen. Doch trotzdem spiele sie viel lieber Theater, da sei man in direktem Kontakt mit dem Publikum, spüre positive wie negative Reaktionen sofort.

Am Film gefallen hat ihr die Ruhe, wie in weiten Strecken ohne Dialog die Bilder für sich sprechen. "Aber ich weiß nicht, ob wir Innerschweizer wirklich so karg sind", schränkt sie dann ein. Auch die Polizei habe sie in ihrer früheren Arbeit als Sekretärin der Polizeidirektion nicht ganz so erlebt, wie sie im Film dargestellt sei, und die Handlung empfindet sie als etwas überspitzt. "Doch dies ist ja auch in jedem Theater so." Die Stimmungen im Film findet sie sehr gut, und die Leistungen der Hauptdarsteller haben sie beeindruckt. Nun wünsche sie, daß Urs Odermatt viel Erfolg habe mit seinem neuen Film.
rk. (Rosmarie Kayser): 'Ich weiß nicht,
ob wir wirklich so karg sind' - Paul Zumbühl
und Nina Ackermann waren an der Premiere
des Films 'Wachtmeister Zumbühl',
Nidwaldner Zeitung, Stans, 27. August 1994

M.v.H., Schweizer Illustrierte,
Zürich, 36/1994