Wachtmeister Zumbühl
Ein Landjäger wartet vor der Haustür. Wachtmeister Zumbühl. Eine Frau öffnet. Oder ein Mann. Ich kenne die Leute. Ich kenne jeden hier. Sie bitten mich herein. Sie schauen mich an. Ich sage nichts. Ein Landjäger vor der Tür bedeutet Ärger oder Unglück. Wir setzen uns in die Stube. Sie warten. Die Angst raubt ihnen die Sprache. Eine Stille zum Ersticken. Wie soll ich es Ihnen sagen? Ich bin kein Studierter. Dann der Schrei. Die Mutter ahnt es. Das Kind! Ich sage nichts. Was soll ich sagen?

Maria
Wann war das?

Wachtmeister Zumbühl
Einmal pro Monat. Zwanzig Jahre lang.


*


Maria
Warum ist Ihre Frau weggegangen? Sie ist doch weggelaufen! Vor sechzehn Jahren? Und acht Stunden?

Wachtmeister Zumbühl
Zumbühl-Wagner, Martha. Jahrgang 1916. Sie arbeitete am Tag. Ich meistens nachts. Wir sahen uns kaum. Fast nie. Wir waren glücklich. Eines Tages hat sie die Arbeit gewechselt. Nachtschicht. Wir sahen uns nun oft. Aber es gab nichts zu reden. Ich habe das gewußt. Sie nicht.
Ein Polizist, Wachtmeister Zumbühl, hat dem neuen Schweizer Dialektfilm von Urs Odermatt (39) Namen und Thema gegeben. Obwohl sein Vater Arnold Ordnungshüter war im nidwaldnerischen Stans und er "als Kind fast nur Polizisten gekannt" habe, "ist Wachtmeister Zumbühl nicht mein Vater". Und die spannungsgeladene Story stammt nicht aus dem Elternhaus - Filmer Urs Odermatt hat sie aus dem vollen Schweizer Dorfleben gegriffen.

Um Vater und Sohn Zumbühl geht es in der Geschichte, Vater und Sohn Odermatt hantierten beide hinter der Kamera: Der eine dirigierte die bewegten, der andere die stehenden Bilder. Zur Premiere am 2. September kommt das "Buch zum Film" heraus, und in verschiedenen Kinos werden auch andere Photos des älteren Odermatt zu sehen sein.

Geschossen hat er sie in seinem über fünfzigjährigen Berufsleben als Ordnungshüter bei verschiedensten Amtshandlungen. Das Abbilden, Vater Odermatts Hobby, wurde für den Sohn zur Berufung. Dafür leben die Bilder des Sohnes in Wachtmeister Zumbühl von des Vaters Beruf.
Fast nur Polizisten gekannt, Schweizer Woche, Zürich, 35/1994



In Napfmoos, einem verschlafenen Innerschweizer Dorf, sorgt der pflichtbewußte Dorfpolizist Zumbühl für Ruhe, Gerechtigkeit und Ordnung. Sohn Albin hat es dadurch nicht gerade leicht, gehört er nur schon wegen seines Stotterns zu den Außenseitern. Sein beruflicher Übereifer kostet Zumbühl jedoch die Stelle, und er findet sich bei der Bahn als Lagerarbeiter wieder. Eines Morgens entdeckt er dort Maria, eine vergewaltigte junge Frau, die ihm schnell klar macht, wer der Täter ist: sein Sohn. Der ehemalige Wachtmeister nimmt den Fall in die eigenen Hände.

Erfreulicherweise gibt es sie immer noch: Schweizer Filme im Kino, die auch sehenswert sind. Dazu gehört Wachtmeister Zumbühl, der neue Film von Urs Odermatt (Gekauftes Glück), der Mitte der sechziger Jahre spielt. Die Nahaufnahme menschlicher Schicksale hält dabei einige überraschende Wendungen bereit und schließt sich somit wie ein Kreis. In die tiefste Provinz entführt dabei die gelungene, atmosphärisch dichte Inszenierung mit einer eher unbekannten, dennoch überzeugenden Besetzung.
Marco Hirt: Auf eigene Faust, Glückspost, Zürich, 36/1994



In einem Schweizer Dorf wird ein Mädchen geschändet - in den 60er-Jahren: Der Film erzählt eine Geschichte, die noch keineswegs Geschichte ist. Maria heißt das Opfer auf der Leinwand, Anica Dobra aus Belgrad verkörpert sie. "Brigitte" hat sie bei den Dreharbeiten besucht.

"Diese Geschichte kann überall spielen." Die Schauspielerin Anica Dobra erklärt damit, warum sie, die Belgraderin, im Schweizer Film Wachtmeister Zumbühl von Urs Odermatt die Hauptrolle spielt.

"Ein fröhliches junges Mädchen", beschreibt sie die Rolle, "eine Göre halt, die auf Distanz - wie das in den sechziger Jahren eben war - kokettiert, dann aber geschändet wird und in eine tragische Situation gerät." Frauen, die leiden müssen, habe sie zwar schon oft gespielt, aber noch nie in dieser Art. "Ich kenne jedoch Frauen, die vergewaltigt wurden."

Wie die beiden für diesen Film zusammengekommen sind? Das begann, als Jugoslawien noch existierte. Nach einer erfolgreichen Karriere bei Theater und Film erhielt die damals 25jährige Anica Dobra 1988 die Hauptrolle in der deutsch-jugoslawischen Koproduktion Rosamunde. Dafür gab es neben dem Bayerischen Filmpreis für die beste Schauspielerin Rolle um Rolle, in Filmen etwa von Dominik Graf (Spieler, 1989), Rolf Silber (Fünf Zimmer, Küche, Bad, 1991). Auch wenn diese Werke nicht in die Schweiz gelangten: Urs Odermatt hatte einige gesehen.


Normal reagieren

Inzwischen hat sich auch für Anica Dobra vieles geändert. "In dieser Situation reagiere ich so, wie nach meiner Meinung ein normaler, mit Gefühlen ausgestatteter Mensch reagiert, reagieren muß", beantwortet Anica Dobra die erste tastende Frage zum Thema Jugoslawien ziemlich knapp. Dann kommt sie nochmals darauf zurück: Sie sei sich natürlich bewußt, wie glücklich sie sei, daß sie als Schauspielerin überhaupt filmen könne. Diese Dankbarkeit kommt indirekt in allem zum Ausdruck, was sie über ihre Arbeit in Odermatts Team sagt. Sie fühle sich wohl im Glarnerland und habe noch selten so gut geschlafen wie hier in der Schweiz - und das nicht nur wegen der strengen Filmerei in der trockenen Kälte.


Angst vor geistiger Kälte

Die kleine Welt der Schweizer Dorfgeschichte ist natürlich nur stundenweise, während der Dreharbeiten, in sich geschlossen. Daneben pflegt Anica Dobra die Kontakte mit ihrer Heimat regelmäßig, so gut es überhaupt möglich ist. "Ich habe Freunde in ganz Jugoslawien, nicht nur in Belgrad", betont sie, mit einem trotzigen Unterton in der Stimme, der sich gegen Verhältnisse auflehnt, die sie nicht beeinflussen kann, sondern erdulden muß. Und sie macht auf etwas aufmerksam, das neben Krieg, neben Hunger und Kälte kaum in den Schlagzeilen stattfindet: "Für die Menschen in Belgrad ist die geistige Kälte, das totale kulturelle Embargo, ebenso schlimm. Keine Zeitschriften, keine Filme aus dem Ausland, keine Theatergastspiele, wie sie vorher stattfanden - auch das macht viel kaputt". Für Künstler seien solche Kontakte lebenswichtig, weil ja "nicht alle die Chance haben, sie so wie ich, direkt zu leben."
Peter Stockung: Diese Geschichte kann überall spielen, Brigitte, Hamburg, 3/1994



Der Titel Wachtmeister Zumbühl erinnert an zwei legendäre Figuren des Schweizer Films: Friedrich Glausers sympathisch rumpelsurrigen Wachtmeister Studer und Schaggi Streulis Polizist Wäckerli. Odermatt hat ihn bewußt gewählt, die Erwartungen, die er weckt, aber nie erfüllen wollen. Zu stark unterschieden sich die Erfahrungen, die er in seiner Jugend als Sohn eines Nidwaldner Dorfpolizisten gemacht hatte, von der Kinowelt der Vergangenheit.


Kerzengerader Polizist

"Der Film ist eine Hommage an Autoren wie Glauser und Simenon, die in ihren psychologischen Kriminalromanen zeigen, was in Menschen vorgeht, die mit Moral und Gesetz in Konflikt geraten", erläutert Odermatt. Wachtmeister Zumbühl handelt von einem kerzengeraden Beamten, der vor der Dorfbeiz auf Alkoholsünder wartet und dabei selbst den ihm vorgesetzten Gemeindepräsidenten (Rolf Hoppe) nicht entwischen läßt. Korrekt wie Zumbühl ist, nimmt er auch seinen Hut, nachdem er sich zum unpassenden Gebrauch seiner Waffe hat hinreißen lassen.

Von seinem stotternden Sohn Albin (Jürgen Vogel) verlangt der Wachtmeister, daß er endlich ein Mann werde und in den Polizeidienst eintrete. So könne er den Leuten Respekt beibringen. Zumbühl, der bereits seine Frau in die Arme einer Sekte getrieben hatte, setzt seinen Sohn mit einer autoritären Predigt unter Druck.

Als die hübsche Maria (Anica Dobra) Albin wegen eines ungeschickten Annäherungsversuchs auslacht, verliert dieser die Beherrschung und stellt als Vergewaltiger seine Männlichkeit unter Beweis. Sein Vater, der Maria später entdeckt und gerade noch ihren Selbstmord verhindern kann, versucht sie und Albin zur Heirat zu zwingen, um den Straftatbestand aus dem Weg zu räumen.

Mit Hilfe des Ostberliner Schauspielers Michael Gwisdek, der als Zumbühl brilliert, mit authentischer Ausstattung und eindringlichen Bildern von Kameramann Rainer Klausmann fängt Odermatt die stickige Atmosphäre in der Nidwaldner Provinz beklemmend ein. Die Geschichte handelt in den sechziger Jahren: "Die damalige klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse enthielt viel mehr Sprengstoff als die verschwommene Grenze in unserer heutigen libertären Gesellschaft."

Der Regisseur ließ verschiedene persönliche Elemente in sein Drehbuch einfließen. Etwa daß er als Polizistensohn ein Außenseiter war oder daß sein Vater Blaufahrer unerbittlich verzeigte. Sein Vater Arnold Odermatt, ein Pionier der Polizeiphotographie, fühlt sich durch den Film aber nicht verunglimpft.

"Im Gegensatz zu den Nidwaldner Behörden, die meinten, ich würde ihn nach 45 Jahren treuer Pflichterfüllung in die Pfanne hauen, konnte er sehr wohl zwischen Dokumentation und Fiktion unterscheiden", betont der Sohn. Während noch halbwegs verständlich ist, weshalb der Kanton der Produktion jegliche Unterstützung verweigerte, ist es ein Skandal, daß ihr auch die Eidgenössische Filmkommission, die selbst klägliche Projekte mit Fördermitteln belohnt, keinen Rappen zusprach. Dabei war schon Gekauftes Glück, Odermatts erster langer Spielfilm, den sie genauso boykottiert hatte, 1989 mit 80000 Besuchern der erfolgreichste Schweizer Film gewesen.


Deutsche Unterstützung

So haben nun neben dem Fernsehen DRS das ZDF, bei dem der Erstling die dritthöchste Spielfilm-Einschaltquote des Jahres erreicht hatte, und das deutsche Bundesinnenministerium den Löwenanteil zur Finanzierung beigetragen. Odermatt ließ es sich dennoch nicht nehmen, die Welturaufführung des nidwaldnerisch synchronisierten Films in Altdorf zu organisieren. "Schließlich mache ich meine Filme nicht gegen unsere Filmpolitiker, sondern für mein Publikum."
Reinhold Hönle: Beklemmend provinziell - Polizistensohn Urs Odermatt hat mit 'Wachtmeister Zumbühl'
einen stimmigen Film über einen besserwisserischen Beamten geschaffen, Brückenbauer, Zürich, 31. August. 1994


Ein bildgewaltiges Stanser Duo: Vater Arnold Odermatt hat als Polizeiphotograph über 10000 Bilder geschossen. Die Photographien des 76jährigen dokumentieren hauptsächlich Autounfälle sowie Massenkarambolagen. An der letztjährigen Biennale in Venedig wurde sein Werk erstmals einem internationalen Publikum vorgestellt - und die Photos des Innerschweizers stießen in der Lagunenstadt auf große Begeisterung. Auch Sohn Urs Odermatt (46) ist erfolgreich: Er hat zwei Kinofilme (Gekauftes Glück, Wachtmeister Zumbühl) sowie mehrere deutsche Fernsehproduktionen (darunter eine 'Tatort'-Folge) gedreht.
suz: Arnold und Urs Odermatt - Die Bildermacher,
Schweizer Familie, 13/2002


Wachtmeister Zumbühl ist die Geschichte eines unverbesserlichen Besserwissers. Eines Menschen, der sich bei seinem Kampf um das Gute kompromißlos an den Text des Paragraphen hält. Eines Menschen, der in seinem Ringen um das Recht Rechtschaffenheit mit Rechthaberei verwechselt. Die Geschichte eines tragischen positiven Helden, die sehr aktuell ist, gerade heute, und gerade hier in der Schweiz.

Krzysztof Kie
ślowski, der zusammen mit Edward Bernstein-Żebrowski das Entstehen des Drehbuchs im Rahmen eines Suissimage-Seminars dramaturgisch begleitete, hat Wachtmeister Zumbühl eine Geschichte über sechs Millionen Schweizer genannt: Switzerland - Zumbühlland. Polnische Lust an kleinen Bosheiten mag Kieślowskis Bemerkung Pate gestanden haben. Aber allzu weit übers Ziel hinaus geschossen hat er nicht.

Wer hat sich nicht schon über sie geärgert, über unsere zahllosen selbsternannten Polizisten und Schulmeister, über unsere Besserwisser und Erzieher, über all die gutmeinenden Ratschlagerteiler und Gesetzlibrünzler, über die Sprecher der schweigenden Mehrheit und Hüter des gesunden Volksempfindens.

Wachtmeister Zumbühl kann man aber auch als klassischen Stoff sehen, als eine archetypische Geschichte, die sich in der Nähe der Mythen um Antigone oder um Abraham und Isaak bewegt. Und wenn der Film an die Welt von Georges Simenon erinnert, fühle ich mich auch nicht falsch verstanden.

Ausserdem schildert Wachtmeister Zumbühl die Schrecken eines brutalen Verbrechens: die Vergewaltigung einer jungen Frau. Erzählt für einmal weder aus der Sicht des Opfers noch aus jener des Täters, sondern aus der Sicht des Vaters des Täters.

Ich habe versucht, mit Wachtmeister Zumbühl eine allgemeingültige, ja archetypische Geschichte im Mikrokosmos eines kleinen Schweizer Dorfes der sechzigerJahre anzusiedeln, einer Welt, die ich aus meiner Jugend gut kenne: Ich bin als Sohn eines Dorfpolizisten aufgewachsen. Eine Geschichte, die einerseits ihren präzisen lokalen Bezug findet, andererseits als Modell für das Schicksal vieler Menschen hier in Mitteleuropa Gültigkeit haben kann, gestern, heute und vielleicht auch morgen. Die Welt in einem Wassertropfen, hat Kieślowski dieses Erzählkonzept genannt.

Die Welt in einem Wassertropfen. Die extreme Ausschnittvergrösserung. Authentizität. Das Kammerspiel als Schauplatz von Gefühlen, Leidenschaften, Abgründen. Meine Vorstellung von Kino.
Urs Odermatt