Mit ekelhaften Szenen in der "dreckigsten Toilette Schottlands" wurde Irving Welshs Suchtroman Trainspotting Kult. Die Bühnenfassung ist nun erstmals in der Schweiz zu sehen - Augenschein bei einer Probe vor Schulklassen.
"Ich bin, ich war. ist alles schnell vorbei. Ich bin, ich war, ist alles schnell vorbei. Ich bin, ich war, ..." - Das rhythmisierte Flüstern wächst, schwillt in beängstigendem Crescendo an zum lärmend aufdringlichen Sprechchor, krallt sich im Kopf fest, und unwillkürlich weicht manch einer im Publikum leicht mit dem Oberkörper zurück. Als könnten sie nach uns greifen, uns mit hinabziehen in den Sumpf, der sich schon in den ersten Sätzen auftut da unten in der Arenabühne. Neun Menschen am Boden, bäuchlings, wie wilde Tiere in einem Zoogehege, beginnen sich zu rühren, kommen aus einem Alptraum zu sich, den Trainspotting episodenhaft ineinanderblendet.
Im freien Fall
lrving Welshs Roman macht es seinen Lesern nicht leicht, erzählt nicht wie am Schnürchen eine Geschichte des freien Falls, sondern macht die Auflösung aller Werte und Ordnungen, die fortschreitende Verwahrlosung bei gleichzeitiger Selbstüberschätzung erfahrbar. Allerdings ohne Psychologisierung, die Mitgefühl wecken könnte. Das Buch, der gleichnamige Film suggerieren den Absturz, spiegeln ihn ohne Filter.
Hier und jetzt ist es zum Glück Spiel, ästhetische Abstraktion: ein Schaulaufen der Scheusslichkeiten, die in der Bühnenfassung zwar hautnah und leibhaftig, aber vor allem via Sprache inszeniert werden. Noch probt Regisseur Urs Odermatt mit den neun Schauspielern des Ensembles; für gut sechzig Oberstufen-Schülerinnen und -schüler heisst das an diesem Vormittag zeitgeistig Making of Trainspotting: ein Schnupperkurs in harter Knochenarbeit, zudem ein Angebot, miteinander ins Gespräch zu kommen. Denn Drogen sind allgegenwärtig. Suchterkrankungen kein Minderheitenphänomen. Und nicht nur Jugendliche sind eine Risikogruppe.
Kein Sozialdrama
Urs Odermatt hat Drehbücher geschrieben, bei Regisseuren wie Krzysztof Kieslowski Lehrjahre verbracht und "Tatort"-Folgen abgedreht: Er ist kein Schulmeister, kein Psychologe, kein Sozialarbeiter. Er setzt sein Publikum, jeden für sich, allein auf einen schäbigen Vorstadtbahnhof und lässt verbale Hochgeschwindigkeitszüge vorbeidonnern. innere Schreckensbilder, ein Ausschnitt verdrängter Wirklichkeit: nichts anderes heisst "Trainspotting". Klar kann man wegschauen und weghören, im Stadtpark, am Bahnhof und in Unterführungen. Doch das Problem geht tiefer; es hat zu tun mit scheiternden Be-gehungen, mit falschen Selbstbildern und leer laufenden Sehnsüchten. Trainspotting ist keine Gruseldokumenaation im Stile von Wir Kinder vom Bahnhof Zoo, erst recht kein pädagogisch wertvolles Aufklärungs- und Warnstück - das macht es für die Fünfzehnjährigen nicht unbedingt leichter, authentisch darauf zu reagieren und ohne Hemmungen über ihre Eindrücke zu sprechen. Offene Fragen ins Plenum können da fehlschlagen.
Wir alle wollen Helden sein, sagt Dramaturg Jan Demuth im Anschluss an den Einblick ins Stück, an die längere Arbeitssequenz mit Unterbrechungen und Wiederholungen - und erklärt dem zurückhaltenden Testpublikum, woher der Name Heroin, Bezeichnung einer synthetisch hergestellten Substanz aus der Medizin, ursprünglich kommt - und wie sich ihr Gebrauch gewandelt habe. Wenn nicht persönlich, so soll die Feedbackrunde wenigstens sachlich bleiben. Trainspotting zeige die Spitze des Eisbergs; Figuren, die selbstbewusst glauben, Helden ihres Lebens sein und frei für sich entscheiden zu können, während längst die Sucht bestimmt, wo es langgeht. Noch immer betretenes Schweigen im Foyer.
Zeigen, sich verstecken
Darunter, so Demuth. schlummere eine süchtige Gesellschaft, die Heroin ursprünglich als Heilmittel erfunden hat. Die Ursachen krankhafter seelischer Symptome konnte sie damit nicht wegkurieren: das Leben in der Konkurrenzgesellschaft, die Kampfmuster im Verhältnis der Geschlechter, der Familien. Anschauungsmaterial hätte der homöopathisch dosierte Ausschnitt aus Odermatts Regiearbeit durchaus geboten: nackter, ungeschönter Text; zersplittert, multipliziert, übereinandergelegt zu einer schreiend dissonanten Sprechpartitur. Gewaltsamer Sex im Badezimmer, in der Wiederholungsschleife einer Arbeitsprobe noch stossender. Werbegeklingel, Handlungen im Leerlauf, wie ferngesteuert.
Doch darüber reden? Nicht so einfach. Leichter ist Wegschauen, Es cool und locker wegstecken. Sich selber etwas vormachen. Sich hinter anderen verkriechen und unsichtbar machen. Auch das kann eine Lektion sein in Selbstwahrnehmung, später allein auf dem Heimweg. Wenn auch wohl nicht die Musterstunde fruchtbarer theaterpädagogischer Vermittlung.
Bettina Kugler: Wir sind Helden - Nicht nur ein Jugendstück, St. Galler Tagblatt, 26. April 2005.