Ein bedrückendes Thema. Nicht erst seit Aids ist der Griff zur Nadel der zuverlässigste Tod auf Raten. Bis dahin stehen dem Süchtigen meist nur noch ein paar hektische Monate, höchstens Jahre zwischen Beschaffungs-Kriminalität und Strich offen. In der kurzen Frist zerbricht alles, was an sozialer Bindung noch da war. Der Kontakt zur Familie, zu Freunden weicht der innigen Beziehung zum Dealer, zum Herrn des Stoffs. Dergleichen ist oft beschrieben worden, hat im schaurigen Grusel der 'Kinder vom Bahnhof Zoo' Rekordauflagert erreicht und verbindet beim Lesen moralischen Nährwert mit angenehm gleitender Problem-Verdauung.
Rein materiell ähnelt der Vorgang dem Anfang des Theaterstücks nach Irvine Welshs Roman 'Trainspotting'. Mark wacht auf, sagt "verdammte Scheisse" und beschreibt dann mit einiger Akribie seinen Zustand. Er liegt in braunen, stinkenden Laken, ein nicht ungewöhnlicher Morgen nach der einschlägig verbrachten Nacht eines Junkies. Damit endet aber auch schon jede Parallele, denn mitleidsethisch aufbauend sind weder Buch noch Stück.
Wie Danny Boyles Kultfilm. In seiner berühmtesten Sequenz steht Mark, den nach dem Genuss von zwei Opiumzäpfchen ein plötzliches Erleichterungsbedürfnis überkommt, vor einer Tür mit der einladenden Aufschrift "Die dreckigste Toilette Schottlands", in deren kniehoch gefülltes, braunschorfiges Porzellan er erst seine Därme entlädt, um anschliessend auf der Suche nach seinen wertvollen Zäpfchen in die Brühe abzutauchen. Die Szene über das Glück in der Sosse ruft mit ihrem drastisch-lapidaren Humor ein bislang einzigartiges Zusammenwirken von Lach- und akutem Brechreiz hervor. Denn die feindlichen physiologischen Reaktionen setzen zeitgleich ein, stehen dann etwas verdutzt voreinander, weil das eine mit dem anderen partout nicht funktionieren will, und hinterlassen das betroffene Subjekt in angeregt neutralisiertem Zustand: zwar lachbereit, doch im Mund der Geschmack von saurem Magen. Dem Film hat diese Überfallstaktik den völlig ungerechtfertigten Vorwurf eingetragen, das Drogenproblem zu verharmlosen, dem Zuschauer ein Gefühl, das ihn bei diesem Thema schon lange nicht mehr erfüllt hat - komplette Überrumpelung.
Franz Wille, Theater Heute 6/97.
Und? Fühlen Sie sich nun auch überrumpelt? Sagen Sie zum ersten Absatz "das wusste ich schon" und zum zweiten "das muss ich nicht sehen"? Müssen Sie auch nicht. Auch wenn Irvine Welshs Trainspotting zum erstenmal in der Schweiz auf einer Bühne gezeigt wird: Wir sind uns bewusst, dass der Roman schon 1993 erschien, kurz danach kam der Film und die Bühneninszenierungen. Damit ist die Geschichte einer Gruppe von Mehrfachabhängigen im schottischen Edinburgh ziemlich genau so alt wie der liberale Schweizer Kurs in Sachen Sucht, den die hiesige Drogenpolitik seit 1992 verfolgt. Ob sich die Dinge dadurch zum Besseren oder zum Schlechteren entwickelt haben, ist wohl noch nicht abschliessend zu sagen. Sicher ist: Sucht ist sichtbar in St.Gallen, allen Wegweisungen zum Trotz. Am Hauptbahnhof, im Stadtpark, um das Theater herum, in den Fussgängerzonen, Unterführungen und Bussen. Am Marktplatz kündete lange ein Kranz von einer tödlichen Messerstecherei in der Drogenszene. Doch das sind nur die dramatischen Ausschläge am oberen Ende der Skala, die Sensationen am Rande. Sucht hat auch ein Alltagsgesicht.
Torkelnde Teenager am Bohl. Bierselige Burschenschaften. Kiffende Kinder auf dem Weg zur Kantonsschule. Wir haben es alle gesehen, Sie alle sehen es täglich. Es ist das untere Ende der Skala, aber es ist dieselbe Skala. Das glauben Sie nicht? Fragen Sie einen Süchtigen aus Ihrem Bekanntenkreis. Da haben Sie keinen? Wetten, dass Fettsucht, Magersucht, Tablettensucht, Spielsucht, Sex- und Beziehungssucht, Arbeitssucht, Nikotinsucht und der allgegenwärtige Alkoholismus sind Süchte, deren Auswirkungen wir nicht nur im Stadtpark oder der Unterführung beobachten können, als voyeuristische Zaungäste auf der Schattenseite des Lebens. Sie sind mitten unter uns, wir sehen sie am Arbeitsplatz, in der Nachbarschaft, in der Familie, oft genug auch beim morgendlichen Blick in den Spiegel. Sucht ist im Kopf, und sie bleibt auch dort, selbst wenn wir noch so lange trocken oder clean sind, selbst wenn der Körper sich scheinbar vollständig erholt hat: Sucht ist für immer. Süchtigsein gehört zum Menschsein, wie Kranksein allgemein. Die Tatsache, dass nicht jeder Mensch süchtig wird, hat so viel Beweiskraft wie die Tatsache, dass nicht jeder Mensch jegliche Krankheit bekommt. Ein starker Wille schützt vor Sucht so sicher wie Brokkoli vor Brustkrebs.
Wenn der Schweizer Regisseur, Dramatiker und Drehbuchautor Urs Odermatt dreizehn Jahre nach Erscheinen des Romans jetzt Trainspotting als Schweizer Erstaufführung im Studio des Theaters St.Gallen zeigt, geht es nicht um den zoologischen Blick auf eine soziale Randgruppe. Auch nicht um eine nochmalige theatralische Verständigung über das, was wir alle schon wissen: Drogen sind lebensgefährlich. Es geht auch nicht um die Inszenierung altbekannter Fixer-Tableaus mit den üblichen Requisiten: Löffel, Kerze, Spritzbesteck. Auch Heilerde und Randensaft bleiben aussen vor, die im Theater gerne Blut und Durchfall abgeben. Im fast leeren Raum des Studios, den Rainer Sinell gestaltet, wird das Publikum zwar von den Galerieplätzen herabschauen wie auf ein Raubtiergehege. Doch was es dort sieht, ist keine fremde Spezies, Homo addictus. Es sind Schauspieler, Menschen, die nicht mit illegalen Substanzen umgehen, sondern mit ihrem ureigenen Spielmaterial, der Sprache. Denn jenseits alles naturalistischen Voyeurismus überzeugt Trainspotting durch die Fähigkeit des Autors, den rastlosen Zustand des Gehirns im Sog der Sucht in eine treibende, rhythmische, suggestive Sprache zu bringen, die scheinbar dem Strassenslang abgelauscht, in Wirklichkeit aber hochartifiziell ist. Was daran überrumpelt ist weniger die geschilderte Situation als die Schilderung selbst, die gewaltigen, skurrilen, ekelhaften, traurigen und komischen Wortschwalle, in denen Welshs Figuren ihren Alltag beschreiben - auch wenn dieser Alltag dem durchschnittlichen Theaterbesucher noch so fern liegt, so zieht ihn die Sprache der Süchtigen doch immer wieder in ihren Bann, weil sie zurückführt an ihren Ursprung, zu dem schwarzen Loch im Kopf, in dem alle ungestillten Bedürfnisse hausen und nach Ersatzbefriedigung schreien: Der Ort der Sehn-Sucht, den wir alle in uns tragen. Um zu diesem Ort zu gelangen, braucht es keine Requisiten. Die Schauspieler führen uns dorthin auf der Überholspur der Sprache, im selbstmörderischen Tempo der Satzkaskaden, vorbei an der Schreckensgalerie unserer inneren Bilder, die im Rhythmus der Texte an uns herandonnern und wieder verschwinden wie Hochgeschwindigkeitszüge in abgelegener Landschaft: Trainspotting.
Jan Demuth: Schwarze Löcher im Kopf, Terzett 04/05.