Gestern begannen an der "Uhreninsel" die Dreharbeiten zur Hitler-Satire Mein Kampf mit Götz George.

"Urs, möchtest du ne' Probe sehen", ruft die Regieassistentin ihrem Chef Urs Odermatt zu. "Nein, wir drehen gleich", ruft der zurück und verfolgt die entstehenden Aufnahmen gleich am Monitor.

Odermatt führt Regie im Film Mein Kampf, in dem es um Hitlers frühe Jahre in Wien geht. Sieben Drehtage in Wien hat das Team deshalb schon hinter sich. Jetzt wird bis Mitte Juni in Zittau gedreht. Gestern fielen die ersten Klappen rund um die "Uhreninsel".

Auch Hauptdarsteller Götz George war dabei. Er spielt den Juden Schlomo Herzl, den väterlichen Freund Hitlers. Zunächst ist er aber nicht zu sehen. Vor der Kulisse des Männerwohnheims, in dem Hitler wohnt, haben in der Mittagszeit indes einige Statisten Aufstellung genommen, die in ihren schwarzen Kutten und schmutzig geschminkten Gesichtern wirklich verwahrlost und arm aussehen. Es sind hauptsächlich Zittauer.

Auch echte Schauspieler sind natürlich in der Gruppe, die in der Szene fotografiert werden soll. Bernd Birkhahn ist dabei, der schon bei Kommissar Rex mitspielte, und Karin Neuhäuser, die Hitlers Wirtin, Frau Merschmeyer spielt. Nur Tom Schilling, der Hitler spielt, hat heute drehfrei.

Nachdem die Szene ein paarmal geprobt und dann mit Originalton gedreht wird - mal bei Sonne, mal als "Schattenvariante", wird "Herr George" über Funk gebeten, sich für die nächste Szene einzufinden.

Und dann kommt er. Kaum zu erkennen, so runzelig und alt ist er geschminkt. Doch seine Stimme ist unverkennbar. Das ist Götz George. Sagen muß er in dieser Szene nicht viel. Allerdings äußert er seinen Unmut über den anwesenden Pressefotografen.

Die Handvoll Zuschauer, die in sicherem Abstand neugierig zusehen, stören dagegen keinen. Nur ruhig sollen sie sein, denn Hintergrundgeräusche darf es nicht geben. Ein Anwohner muß den laufenden Motor seines Autos ausmachen. "In Wien war viel mehr Krach", erzählt Jasmin Morgan. Die 28jährige ist die Set-Fotografin. Sie hält die Szenen und alles Drumherum fest und ist Teil eines etwa 30köpfigen Filmteams.

Am Montag war das Team aus Wien angereist. Am Abend hatte es im "Weberhof" eine kleine Willkommensparty gegeben - zur Einstimmung auf die harten Arbeitstage, die nun bis zum 16. Juni anstehen. Drehorte sind dabei vor allem Baderstraße, Breite Straße, Amalienstraße und der Mandauer Berg. Auch Nachtdrehs sind geplant, unter anderem an den Zittauer Fleischbänken.

Die Drehorte wurden oder werden für den Film, der im Wien von 1910 spielt, umgestaltet. Dafür ist das Szenenbild-Team um Carola Gauster verantwortlich. Sie hat beispielsweise den Komplex an der Uhreninsel entworfen: Die Metzgerei von Frau Merschmeyer, deren Hof und das Männerwohnheim, das nach den Dreharbeiten wieder abgerissen wird. Auch das Haus, in dem sich der Uhrenladen "Uhreninsel" befindet, ist in die Dreharbeiten einbezogen. Hier werden die Schauspieler geschminkt hier ist auch ein Pausenraum eingerichtet.
Daniela Pfeiffer: Götz George dreht in Zittau, Sächsische Zeitung, Dresden, 7. Mai 2008
If only the Academy of Arts in Vienna had taken him as a student. Then he might have pursued his dream to become an artist - very likely a mediocre one - and the world would have been spared. But young Adolf Hitler was rejected. What we see in the prologue of Mein Kampf, a disturbing feature film directed by Urs Odermatt, is an utterly desperate and skinny young man in shabby clothes. Bruised by the academy's snub, he has tears in his eyes and a rope around his body, and he throws himself from a giant viaduct. Cut.
 
Yet this is not a story of suicide, but the beginning of something else. Adolf Hitler, an orphan at age 19, had left his hometown of Linz for Vienna in 1909 in the hopes of entering the arts academy there. According to some biographers, he spent three months in a shelter for homeless men in Meidling, in south-west Vienna. This is where the film is set.
 
Mein Kampf is a powerful film, adapted from a play of the same name by the late George Tabori, an important German playwright of Hungarian-Jewish origin. Of little importance is what is fact and what is fiction. What resonates is its unambiguous wisdom, humour and chutzpah.
 
The setting transports viewers to Vienna in 1910. The city has a high density of poor Jewish people, a high unemployment rate and run-down quarters - fertile ground for the needy pride of nationalism and anti-Semitism. "A quick war would solve all our problems," complains a frustrated butcher, referring to the Jews in his district.
 
Tom Schilling, a German actor, turns in a compelling performance as the young, unsophisticated, neurotic, insecure and totally uptight Adolf. Schlomo Herzl (Götz George), an older Jewish man in the neighbouring bed in the shelter, ends up feeling sympathy for the poor bumpkin. He takes Adolf under his wings, despite warnings from a friend who glimpses signs of greater distress. The film follows the awkward dynamic of this relationship: the more Adolf benefits from Schlomo's help, the more he mutates into a devil. Schlomo helps Adolf understand his power to talk big. Calamity takes its course. In this parable of good and evil, good deeds inspire toxic ends.
 
The film is not afraid of injecting humour into this unique origination myth. Yet Mein Kampf is ultimately a very serious attempt to once again understand the pathology of a profoundly sick and commanding man.
Cornelia Günther: Imagining a Young Hitler, More Intelligent Life, The Economist, London, 24. März 2011.



Historisch herrlich unkorrekt...
Berliner Zeitung, 3. März 2011



Auch Filmproduzenten aus dem Ausland entdecken Mitteldeutschland als unverbrauchten Drehort. Die Nähe zu Berlin erweist sich als Vorteil.

Beinahe wäre Budapest Wien geworden. Auf der Suche nach einem Straßenzug, der noch so aussieht wie ein Häuserensemble aus der Zeit des jungen Adolf Hitler, wurden die Leute von Schiwago-Film schnell in der ungarischen Hauptstadt fündig. "Sogar eine Baulücke für unsere Männerwohnheimkulisse gab es dort", erzählt Produktionsleiter Frank Zahl. Doch leider hatte eben diese Brache schon ein Investor gekauft, der mit seinem Bauprojekt nicht warten wollte. Also war Budapest doch nicht das geeignete Wien für einen Film nach George Taboris Hitler-Farce Mein Kampf, und die "Location Scouts" mussten weiterziehen. Sechzehn Orte in Mitteldeutschland fuhren sie ab. "Da gab es wirklich schöne Ansichten. Aber Thüringer Fachwerk und Schiefer eignet sich nicht für unser Vorhaben." Erst ganz am Schluss, am 30. Dezember, kam man auf Zittau.

In einer Mischung aus Ironie und Fatalismus sagen Zittauer manchmal, ihre Stadt beginne eben mit "Z" und danach komme nichts. Dabei ist Zittau schon lange nicht mehr das Ende der Welt. Spätestens seit der EU-Erweiterung vor vier Jahren liegt die einst reiche Handels- und Industriestadt wieder mitten in Europa. War Zittau wie andere historische Städte in DDR-Zeiten dem Verfall preisgegeben, ist es heute in seinem Zentrum bis auf wenige Straßenzüge vorbildlich saniert. Aber gerade eine dieser heruntergekommen Ecken, die so genannte Uhreninsel, fasziniert die Filmleute. Kaum eine andere Stadt sehe so "österreichisch" aus, meint Zahl.

Tatsächlich spielten die Österreicher Zittau im Siebenjährigenkrieg erst einmal übel mit. Jahrzehnte zog sich danach der Wiederaufbau hin. Fast alle Gebäude im Zittauer Zentrum stammen deshalb aus der Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts. "Wo sie nicht saniert sind, erzählen sie die Geschichte vom Rand-Wien der damaligen Zeit", sagt Zahl. Und Regisseur Urs Odermatt schwärmt von einer kleinen "außerhabsburgischen Ecke". Deshalb trifft dieser Tage der von Nachwuchsstar Tom Schilling gespielte junge Hitler im Männerwohnheim des Zittauer Wien-Nachbaus auf den jüdischen Buchhändler Schlomo Herzl (Götz George), der ihn vor dem Untergang in der Großstadt retten will und im am Ende sogar rät, in die Politik zu gehen.

Insgesamt 33 Drehtage sind bis zum 18. Juni im deutsch-tschechisch-polnischen Dreiländereck geplant. Derzeit suchen die "Location Scouts" noch Hände ringend nach einer Eisenbahnbrücke für die Szene eines Selbstmordversuchs von Hitler. Das Zittauer Viadukt über die Neiße wäre zwar ideal für den Dreh. Doch müsste dann die grenzüberschreitende Bahnverbindung für eineinhalb Tage unterbrochen werden. Ein anderer, schon sicher geglaubter Drehort musste wieder aufgegeben werden. Eigentlich war das Theater im tschechischen Liberec (Reichenberg) als Wiener Oper geplant. "Hier sind uns ein Stadtfest und der viele Verkehr dazwischen gekommen", sagt Zahl. Kurzfristig kann die Crew nun in den polnischen Teil von Görlitz ausweichen, wo der Kulturpalast eine gute Kulisse abgeben wird.

Das nur knapp 40 Kilometer von Zittau entfernte Görlitz war schon in den vergangenen Jahren mehrfach Drehort für zum Teil aufwendige internationale Produktionen. 2003 wurden Teile der Stadt zu einem Pariser Quartier, als Szenen für den Kinofilm In 80 Tagen um die Welt mit Jackie Chan entstanden. Vor wenigen Wochen erst haben sich neun Drehtage lange Teile der Stadt an der Neiße für den Film Der Vorleser nach einem Roman von Bernhard Schlink in das Heidelberg der fünfziger Jahre mit Straßenbahn, Kopfsteinpflaster und grauen Hinterhöfen verwandelt. In der Geschichte beginnt der 15 Jahre alte Michael eine Affäre mit der 21 Jahre älteren Straßenbahnschaffnerin Hanna (Kate Winslet).

Schon sehen manche Görlitz auf dem Weg zu einer Filmstadt. Die kommunale Wirtschaftsförderung arbeitet an einer Werbekampagne, die Görlitzer sind ein wenig stolz darauf, dass mittlerweile sogar Paparazzi den Weg an die deutsche-polnische Grenze finden und Leute wie Kate Winslet auf Schritt und Tritt verfolgen.

Nicht nur Görlitz zieht Filmteams an. Derzeit entstehen Sequenzen für den Film The last Station mit Helen Mirren in Sachsen-Anhalt. In dem Streifen geht es um die letzten Lebensmonate des russischen Dichters Leo Tolstoi - er starb auf einem Bahnhof. Im brandenburgischen Wittenberge werden häufig Geschichten gedreht, die in der DDR spielen. "Location Scouts" sind regelmäßig begeistert von der Patina des Verfalls. Komparsen stehen geduldig und zu unschlagbar niedrigen Tagespauschalen zur Verfügung. Schon im Postproduktionsprozess befindet sich der Streifen The Countess (Die Gräfin), in dem Julie Delpy eine slowakische Gräfin spielt, die im Blut von Jungfrauen gebadet haben soll, um ewige Jugend zu erlangen. Von der "location" Mitteldeutschland zeigte sich Delpy beeindruckt, als sie Anfang des Jahres im Meißener Dom und vor der Albrechtsburg sowie auf Burg Kriebstein im Zschopautal drehte.

Produzenten, Regisseure und Schauspieler loben, dass es in Ostdeutschland noch viel Unverbrauchtes und Authentisches gibt, das nicht wie mancher Ort im Westen "totgedreht" ist. Zunehmend lockt das auch internationale Produktionen in den Osten. Während vor allem in Amerika alles aufwendig nachgebaut werden muss, gibt es in Mitteldeutschland historische Burgen und Bauten als Originalkulisse. Was die Filmleute sonst noch brauchen, lässt sich leicht beschaffen. "Für unser Wiener Männerheim war altes Holz nötig - für die Zittauer Handwerker kein Problem. Wir profitieren von der ostdeutschen Findigkeit" berichtet Frank Zahl.

Das Team von Der Vorleser war auf der Suche nach der richtigen Straßenbahn in der Sächsischen Schweiz fündig. Die Babelsberger Produktionsfirma lieh sich Triebwagen Nummer fünf und Beiwagen Nummer 12 von der historischen Krinitzschtalbahn in Bad Schandau aus, ließ den Zug in Beige neu lackieren, mit zeitgenössischen Werbeaufklebern versehen, mit einer großen Portion Schmutz übergießen und im Inneren auf alt trimmen. Zwar ist der Zug längst wieder auf einem Tieflader in die Sächsische Schweiz zurückgekehrt, sein "Filmkostüm" wird er aber die ganze Saison 2008 über behalten, denn Ende Juni soll Kate Winslet auch in die Sächsische Schweiz kommen, damit dort Sequenzen mit der "Heidelberger Straßenbahn" gedreht werden können.

Lange Zeit gab es die Hoffnung, Mitteldeutschland könne - mit dem Zentrum Leipzig - zu einer neuen Filmregion werden. Doch vor allem die Produktionsszene mit den Zentren München, Hamburg, Köln und zunehmend Berlin braucht kaum zusätzlichen Kapazitäten. Konsequent setzt deshalb die Mitteldeutsche Medienförderung (MDM) auf die Vermarktung der Drehorte, und dabei erweist sich die Nähe zu Berlin nun als großer Vorteil. Regelmäßig bietet die von den Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen sowie dem Mitteldeutschen Rundfunk und dem ZDF gebildete Gesellschaft so genannte Location-Touren für Regisseure und Produzenten an. Auf der Internetseite der MDM finden sich Städteporträts und ausführliche Hinweise für Drehgenehmigungen. Zudem fördert die MDM Filmprojekte - die Hitler-Farce Mein Kampf etwa wird mit 350.000 Euro unterstützt. Auch Fortbildungsveranstaltungen für Bürgermeister hat die MDM im Programm. Produktionsleiter und Szenenbildner zeigen den Kommunalpolitikern, wie sie Filmleute am besten unterstützen können. Der Zittauer Oberbürgermeister Arnd Voigt weiß auch ohne Nachhilfe, worauf es ankommt. So versucht er, die Sache mit dem Bahnviadukt für den Selbstmordversuch Hitlers zu regeln. Sogar an Bahnchef Hartmut Mehdorn hat sich Voigt schon gewandt. "Das Filmprojekt ist eine Riesenchance für Zittau, auf sich aufmerksam zu machen." Schon ein wenig ironisch sei freilich die Wendung, dass sich der Charme der unsanierten Uhreninsel als Chance für die Stadt erwiesen habe. So gut gefällt dem Oberbürgermeister die morbide Szenerie, dass er die Wiener Männerheim-Kulisse noch über den Sommer als Touristenattraktion stehen lassen will.
Reiner Burger: Zittau wird Wien, Görlitz Paris, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 7. Juni 2008



In Zittau wird zurzeit der Kinofilm Mein Kampf gedreht. Die Stadt bietet ideale Drehbedingungen für Taboris Hitler-Farce.

Das Problem mit dem Viadukt lässt Zittaus Oberbürgermeister Arnd Voigt keine Ruhe: Wie überzeugt man die Bahn-Chefs in Deutschland und Tschechien davon, die grenzüberschreitende Verbindung über die Neiße für anderthalb Tage zu unterbrechen? Wegen Filmdreharbeiten! Das rührige Stadtoberhaupt will sich jetzt an Bahn-Chef Hartmut Mehdorn persönlich wenden. Schließlich lässt Voigt seit Monaten nichts unversucht, um dem 50köpfigen Filmproduktionsteam, das Zittau als Drehort auserkoren hat, unter die Arme zu greifen.

Regisseur Urs Odermatt weiß das Engagement sehr zu schätzen. Schließlich ist die Filmgroteske Mein Kampf nach George Taboris herausragendem Theaterstück eine sehr aufwendige Kinoproduktion. Und eine, in die schon im Vorfeld hohe Erwartungen gesetzt werden: Mit dem großen Mimen Götz George und Nachwuchsstar Tom Schilling in den Hauptrollen thematisiert der Film Leben und Aufstieg des jungen Hitler im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts. Hitler (Schilling) kommt als 21jähriger aus der tiefsten österreichischen Provinz in die Großstadt, wo sich ausgerechnet ein Jude, der herzensgute Schlomo Herzl (George), seiner annimmt...

Seit Ende April laufen die Dreharbeiten in der Dreiländereck-Stadt. Eine der letzten noch unsanierten Ecken Zittaus, ein stark verfallener Straßenzug im Zentrum, dient als Kulisse für das Wien im Jahre 1910. Was den Stadtsanierern seit Jahren größtes Kopfzerbrechen bereitet, betrachtet Odermatt als "großes Geschenk". In dieser kleinen "außenhabsburgischen Ecke" habe das Produktionsteam genau das Flair entdeckt, das es in 17 Städten vorher und auch im heutigen Wien nicht gefunden hatte.


Internationales Interesse

33 straffe Drehtage sind vorgesehen am Set in Zittau, wo neben den vorhandenen Gebäuden extra noch die Filmkulisse des alten Wiener Männerwohnheims aufgebaut worden ist, in dem ein großer Teil der Geschichte spielt. Gedreht wird auch im Theater Liberec (Reichenberg), das im Film die Wiener Oper sein wird. "Wir treffen überall auf große Unterstützung und viel Verständnis", sagt Produzent Martin Lehwald von der Schiwago Film GmbH. Nur die Schluss-Szene auf dem Neiße-Viadukt, die werde wohl noch ein Riesenproblem.

Götz George hat derweil ganz andere Probleme. Er muss sich einleben in seine Rolle, die er als "sehr ernsthaftes Projekt" bezeichnet - und in der er ganz aufgeht. Eine Stunde dauert es jeden Tag in der Maske, ehe der 70jährige zum Juden Schlomo wird: Zerlumpt, verlottert, gebeugt - aber immer mit einem warmherzigen Blick. Da bleibt wenig Raum für anderes. Von Zittau hat George bisher nur ein paar Blicke aus dem Autofenster erhaschen können, erzählt er: "Halb fünf aufstehen, Maske, drehen, halb zehn ins Bett. Es ist sehr hart und anstrengend."

Von 8.30 Uhr bis weit in den Abend hinein dauern noch bis Mitte Juni die täglichen Dreharbeiten - interessiert verfolgt von den Zittauern und viel beachtet von den Medien im In- und Ausland. "Hitler - das ist ein wichtiges Thema für uns", sagt Fernsehjournalist Dimitri Pogorzhelski vom größten russischen Privatsender NTW. "Vor allem interessiert uns, wie die Deutschen mit diesem dunklen Kapitel ihrer Geschichte heute umgehen."

Sie tun es mit scharfsinnigem Wortwitz und feinen Dialogen, mit tragikomischen Szenen und rührend-grotesken Bildern. "Ganz in George Taboris Sinne", freut sich Wolfgang Bergmann, Leiter des ZDF-Theaterkanals. Der Sender gehört zu den zahlreichen Co-Produzenten und Förderern des außergewöhnlichen 2,7-Millionen-Euro-Filmprojekts. Voraussichtlich 2009 soll Mein Kampf in die deutschen Kinos kommen.
Jana Ulbrich: Tolle Kulisse für Götz George, Sächsische Zeitung, Dresden, 16. Mai 2008



Nach Görlitz, wo im Frühjahr Szenen des Hollywoodfilms Der Vorleser gedreht wurden, ist nun eine weitere Stadt in der Oberlausitz Kulisse für einen bedeutenden Streifen: In Zittau im Dreiländereck zu Tschechien und Polen wird seit zehn Tagen der Kinofilm Mein Kampf gedreht. Der Film nach Motiven des gleichnamigen Theaterstücks von George Tabori, das auch schon am Cottbuser Staatstheater inszeniert wurde, ist hochkarätig besetzt. Götz George spielt den Juden Schlomo Herzl, Tom Schilling den jungen Hitler. Und eine Ecke Zittaus verwandelt sich bis Mitte Juni in das Wien von 1910.

Hitler ruht sich gerade in der Mittagssonne auf einem Liegestuhl aus. Und Christel Herrmann will zu ihm. Nicht zu Hitler, sondern zu Tom Schilling, dessen 26jährigem Mimen. Groß prangt sein Name auf einem Brief, den die 65jährige Zittauerin in der Hand hält. "Da drin ist ein Autogrammwunsch mit Rückumschlag", sagt sie. "Ich habe Tom Schilling am Wochenende im Tatort gesehen und fand ihn gut."

Und da sie von den Dreharbeiten in ihrer Heimatstadt gehört hat, schaut sie mal am Set an der Zittauer "Uhreninsel" vorbei. "Ist doch toll, wenn so große Schauspieler mal ruhige, verschlafene Städte sehen", meint sie und späht weiter durch das Tor auf den jungen Schauspieler. Doch rein zu ihm darf sie nicht - Produzent Michael Pokorny nimmt den Brief entgegen und murmelt etwas davon, dass es noch gar keine Autogrammkarten von Tom Schilling gebe. Denn eher werde nach Götz George gefragt. Doch von dem hat Christel Herrmann schon ein Autogramm.


Früh halb fünf aufstehen

Gleich geht auch der Dreh weiter in dem kleinen abgesperrten Viertel rund um Baderstraße, Breite Straße und Amalienstraße. Doch nicht, ehe auch Götz George einmal kurz zum Vorschein kommt. In einem zerlumpten Mantel mit abgeschabtem Hut betritt er die Szene, ein Visagist zupft noch etwas an Haaren und Bart herum. Über eine Stunde sitze er täglich in der Maske, berichtet der 69jährige Schauspieler. Das bedeute, früh halb fünf aufzustehen und abends spätestens halb zehn ins Bett zu gehen. "Der Dreh ist wirklich kein Kinderspiel, zumal es ein sehr ernsthaftes Projekt ist", sagt Götz George. Deshalb habe er auch keine Zeit, sich ausgiebig in Zittau umzuschauen. Nur einmal sei er kurz herumgefahren und habe gesehen, wie schön die Stadt sei.

Dann bahnt er sich seinen Weg durch die Scheinwerfer und Drehutensilien und entschwindet in das "Männerwohnheim", in dem der Jude Schlomo Herzl den jungen Hitler kennenlernt und durch seine gutmütige Art zum Geburtshelfer des Monsters wird.

Dieses Männerheim ist entgegen seiner Anmutung eine hundertprozentige Kulisse. Ein Klopftest an den Wänden bestätigt: Hier ist alles nur Deko. "Im Februar war hier noch grüne Wiese", sagt Regisseur Urs Odermatt, ein Schweizer. Doch außer dem Wohnheim ist alles echte Bausubstanz, die das Produktionsteam von Zittau als frühes Wien überzeugte: die Film-Metzgerei gegenüber ist ein leer stehendes Haus, das Postamt nebenan ein langgestrecktes Uhrengeschäft, das etwas umgestaltet wurde, aber trotz der Dreharbeiten auf der anderen Seite des Hauses geöffnet hat.

Man habe sich etwa 17 Städte angesehen, und Zittau habe in der Silvesternacht letzten Jahres das Rennen gemacht. "Es ist einfach perfekt als Wiener Viertel des Jahres 1910, weil es auch nichts Preußisches hat", so Odermatt. "Es wäre ein zu großer Aufwand gewesen, andere habsburgische Städte zurückzubauen." Auch Wien selbst, wo die ersten Szenen gedreht wurden, sei dafür nicht geeignet gewesen. Der einzige Nachteil der 29 000-Einwohner-Stadt Zittau sei, dass sie etwas abgelegen sei und es eine dreiviertel Stunde bis zur nächsten Autobahnauffahrt dauere, schmunzelt der Regisseur.

Aber ansonsten gefalle es dem etwa 50köpfigen Team der internationalen Koproduktion - unter anderem sind Schiwago Film Berlin, Dor Film Wien, Hugofilm Zürich und der ZDFtheaterkanal beteiligt - sehr gut in der Oberlausitz. "Einige Darsteller sind sogar über Pfingsten, als drehfrei war, hier geblieben und mit verbrannten Nasen aus dem Zittauer Gebirge, aus Liberec oder vom Olbersdorfer See wiedergekommen", so Produzent Martin Lehwald von Schiwago Film. Überhaupt habe die Stadt das Filmteam, das in Wohnungen und Hotels lebe, sehr freundlich aufgenommen.

"Es war sehr überraschend für mich, als die Produzenten am 2. Januar mit ihrem Anliegen in meinem Büro standen", sagt Zittaus Oberbürgermeister Arnd Voigt. Doch nach anfänglicher Skepsis wegen des Filmtitels - Voigt kannte Taboris Stück nicht - wurde man sich schnell einig. "Denn für Zittau bedeutet das ja auch, deutschlandweit oder sogar international in den Fokus zu rücken", so Voigt. Im Sommer soll mit Lenas Liebe sogar schon wieder ein Film in Zittau gedreht werden.


Tolle Gesichter gefunden

Und jetzt biete George Tabori mit seiner Hitler-Farce eine ganz neue und ironische Auseinandersetzung mit dem finsteren Kapitel deutscher Geschichte, meint Wolfgang Bergmann, Leiter des ZDFtheaterkanals. Es sei nicht alltäglich, dass ein Theaterstoff für einen Film geeignet sei. Und dies sei die erste Kino-Koproduktion, die der ZDF-Theaterkanal mittrage. Überhaupt wirken viele mit an dem 2,7 Millionen-Euro-Projekt, das unter anderem von der Mitteldeutschen Medienförderung unterstützt wird.

Besonderes Lob bekommen die etwa 40 Oberlausitzer Statisten. "Wir haben wirklich tolle Gesichter gefunden", so Urs Odermatt. Einer von ihnen ist Günter Winkler (41). Der arbeitslose Zittauer wurde in einem Dönerladen am Markt entdeckt und spielt einen Bewohner des Männerheims. Für seine Rolle musste er nicht viel verändert werden, "außer ein bisschen Dreck an den Händen und alter Kleidung", wie er sagt. Das Drehen gehe ihm leicht von der Hand, grinst er: "Ich muss ja nicht sprechen, nur mitspielen." Auch der Intendant des Zittauer Theaters, Roland May, gehört zum Ensemble - er spielt Hitlers Vater. "Es ist interessant, mit solchen historischen Figuren umzugehen", sagt er und überlegt, ob er Götz George vielleicht zu einer Lesung aus dessen neuem Buch am Zittauer Theater überreden kann.

Viel Zeit bleibt nicht an den straffen Drehtagen, die meist 8.30 Uhr beginnen und sich bis zu zwölf Stunden hinziehen. Bis zum 18. Juni ist das Film-Team noch zu Gast in Zittau. Das Theater im tschechischen Liberec soll noch als Wiener Oper dienen. Doch ein Problem gibt es derzeit im Dreiländereck: das Viadukt über der Neiße als Drehort für das Anfangs- und Schlussbild zu gewinnen. Denn die Strecke führe nach Polen, ein Stück durch Tschechien. "Schwieriger geht es wohl nicht mit den Zuständigkeiten", schmunzeln die Produzenten. Doch auch diese Hürde wird das Team wohl meistern.

2009 soll Mein Kampf in die Kinos kommen. Dann wird auch Christel Herrmann nach Zittauer Ecken auf der Leinwand Ausschau halten. Sie hoffe doch stark, dass sie Kinokarten bekomme, meint sie, ehe sie den Drehort wieder verlässt.
Steffi Schubert: Götz George im wienerischen Zittau - In der Oberlausitzer Stadt im Dreiländereck wird zurzeit der Kinofilm 'Mein Kampf' mit Starbesetzung gedreht, Lausitzer Rundschau, Cottbus, 17. Mai 2008



Philipp Oehmke: Acht Wochen mit Hitler, Der Spiegel, Hamburg, 27/2008