Kora (15)
Auf der Schwelle zwischen Mädchen und junge Frau ist Kora keine Schönheit, aber sie ist sicher die schönste auf St. Agnes. Sie hat entdeckt, daß ihre aufkeimende Sexualität den Männern deutliche Signale gibt, und sie mag - auch wenn sie deren Inhalt lieber nicht bis ins letzte verstehen will - die damit verbundene Macht. Beobachtet sie, wie Männer auch Signale von anderen Frauen mit Interesse registrieren, reagiert sie mit großer Eifersucht. Reizbar, launisch, aber voller Tatendrang. Kokett und mit vielen Träumen und Wünschen, die sie aber schnell langweilen, wenn sie Wirklichkeit werden. Ein eigensinniges Naturkind in einer kleinen, engen Inselgemeinschaft.

Morten (45), Koras Vater
Ein rätselhafter Antiheld und ehemaliger Lehrer,  der sein düsteres sexuelles Interesse an sehr jungen Mädchen mit Charme und Gutmütigkeit vor der Welt verbirgt. Hinter seiner kindlichen Verspieltheit verbirgt sich eine große Leere und eine unerfüllbare Sehnsucht nach einem anderem Leben. Die Liebe zu seiner Tochter trennt er tapfer von seiner dunklen Triebwelt, auch wenn dies seine ganze Willenskraft erfordert. Ein guter Vater und ein guter Ehemann, aber mit  tausend Schuldgefühlen und deshalb nicht fähig, sich gegen die ungerechte Verleumdung zu wehren.

Isabel (30), Koras Mutter
Obwohl sie in der Blüte des Lebens steht, ist sie voller Angst, bald alt und welk zu werden und die Liebe ihres Mannes zu verlieren. Die Eifersucht auf ihre Tochter wird zu einer Obsession, wie wir sie aus Arther Millers "View from the Bridge" kennen. Isabel handelt wie eine Figur aus dem Alten Testament: Auge um Auge, Zahn um Zahn - nur Rache und Vergeltung bringt Genugtuung. Voller destruktivem Selbsthaß steht sie vor dem Spiegel und versucht, ihn zu zertrümmern: Wir verstehen es nicht - wir sehen eine attraktive Frau.

Linda (15), eine Fremde
Sie ist nicht hübscher als Kora, aber sie kommt aus Frankreich, verdreht mit ihrer Fremdheit den Männern den Kopf und wird auf der Insel Objekt der Begierde. Kora mag sie vom ersten Moment an nicht, obwohl die beiden viel gemeinsam haben. Linda weiß genau, was gut ist und was böse, und weil sich das Böse, das ihr angetan wurde, nicht zum Guten wenden läßt, macht auch sie sich bereits die ersten Gedanken um Rache und Vergeltung. Doch ein Unfall kommt ihr zuvor, macht sie zu einer früh sterbenden Heldin und erspart ihr das Schicksal vorzeitiger Verbitterung.

Krupp (49), mit Morten in der Zelle
Ein Verbrecher im Knast, der sein Einbrecherhandwerk für den ehrenwertesten aller Berufe hält. Krupp hat ein ganz klares Weltbild, das ihn Mörder und Schläger meiden und vor allem Sexualverbrecher für das letzte überhaupt halten läßt. Die Komplizenschaft mit Morten bewegt sich auf ganz dünnem Eis.

Arnold (29), Koras Freund

Simon, Lindas Großvater

Der Alte, Isabels Vater

Pater Salvian

*

Kora
Es war unser Spiel. Ich durfte auf deinen Beinen sitzen. Du hast mich den Bus steuern lassen. Schon als Kind hast du mich den Bus steuern lassen. Alle haben mich beneidet. Alle haben mich bewundert. Warum Linda? Es war unser Spiel.

*

Morten
Zuhause fahre ich den Bus. Meinen alten Bedford. Gemüse. Die Post. Bier. Touristen. St. Agnes ist eine kleine Insel. Und Schulbus. Kora und ihre Freundinnen. Kora ist meine Tochter. Die Knaben gehen zu Fuß. Müssen später zur Armee. Festland. Im Schulbus fahren nur die Mädchen. Bei mir vorne auf der Sitzbank ist die Fahrt umsonst. Natürlich wollen sie alle bei mir vorne sitzen. Das Fahrgeld sparen! Aber ich bin gerecht. Jeden Tag ist eine andere an der Reihe. Zum Abschied gibt es einen Klaps auf den Hintern. (...) Ich kann nicht nein sagen. Ich konnte in meinem ganzen Leben nie nein sagen. Ich habe immer sofort kapituliert. Vor jeder Versuchung. Ich esse mehr, als ich scheißen kann. Ich... - Aber Kora ist meine Tochter. Ich bin unschuldig. Kora ist meine Tochter. Ich würde mir eher die Hand abhacken lassen.

*

Isabel
Du lügst. Ich kann diese Lügen nicht mehr ertragen. Du tust nur deine gottverdammte Pflicht. Du bist so gottverdammt anständig. Ich halte das nicht mehr aus. Ich habe keine Kindertitten mehr. Wann hast du mich das letzte Mal nackt gesehen? Seit Jahren weiß ich Bescheid. Seit Jahren weiß ich, woran du denkst, wenn du mit mir schläfst. Seit Jahren fühle ich mich alt und verbraucht. Aber ich bin keine dreißig. Mein Gott, ich bin keine dreißig. Und ich habe sogar Angst vor meiner eigenen Tochter.

*

Linda
Das kannst du mir nicht antun. Ich bin kein Straßenkind. Meine Eltern sind katholisch. Du hast mich geschändet. Du hast mir meine Unschuld geraubt. Ich bekomme ein Kind. Jetzt mußt du deine Pflicht tun. Du mußt deine Frau verlassen und mich heiraten. Du bist kein schlechter Mensch und weißt, was du zu tun hast. Jetzt bin ich deine Frau.

*

Arnold
Einmal ist das erste Mal. Warum nicht jetzt?

*

Krupp
Du fickst Kinder. Wäre ich noch Soldat, ich würde dir die Eier wegschießen.

*

Simon
Mein ganzes Leben habe ich auf See verbracht. Wer da draußen keine Angst hat, stirbt. Man muß Respekt haben vor der See. Mut schadet nicht. Aber wer keinen Respekt hat, wird es bitter bereuen.

Linda
'Viktoria.' Dein Schiff hieß auch 'Viktoria', nicht wahr?

Simon
Es war das Schiff meines Vaters.

Linda
Er hat es dir gegeben.

Simon
Es ist trotzdem seines geblieben.

Linda
Es ist gesunken.

Simon
Ein Schiff sinkt nicht. Es stirbt. Der Tod auf See hat einen Namen. Wie eine Landschaft in einem fremden Land. Aber er ist eine Bestie. Der Tod auf See ist eine Bestie mit Zähnen wie Glasscherben. Der Tod auf See heißt Plateau des Minquiers.

Linda
Ein Riff?

Simon
Bei Flut sind es nur ein paar winzige Felsen. Kaum Platz genug für eine Boje oder eine Flagge. Aber bei Ebbe! Bei Ebbe werden die Felsen zu Tausenden von gefräßigen Zähnen. Zähnen aus Granit. Zähne aus dem härtesten Stein der Welt. Bei Ebbe ist das Plateau des Minquiers eine Steinwüste von der Größe Liechtensteins. Wehe, du bist ein paar Minuten zu spät. Dann kannst du nur noch beten. Du siehst nichts als Wasser und weißt, du bist schon verloren. Die Strömung gibt dir keine Chance. Du weißt, jeden Augenblick wird er aus den Fluten auftauchen. Der Rachen des Plateaus des Minquiers. Es gibt keinen Ort auf den Meeren dieser Welt, wo mehr Schiffe liegen. Mit zerschmetterten Knochen und aufgeschlitzten Bäuchen. - Eines Tages kam ein fremdes Boot, und mein Vater sagte: Das ist Anna. Und Annas Vater sagte zu Anna: Das ist Simon, und er wird dich heiraten. Die Väter haben die Hände geschüttelt. Sie waren zusammen zur See.

Linda
Das ist ja furchtbar.

Simon
Was ist daran fruchtbar?

Linda
Dieser Kuhhandel.

Simon
Furchtbar ist, daß keine Stunde vergeht, wo mir Anna nicht fehlt.

Linda
Ich habe nie erfahren, warum sie gestorben ist.

Simon
Sie war krank. Sie hat nie darüber gesprochen. Ich habe sie nie danach gefragt. Sie hätte es nicht gewollt.

Linda
Hast du nie von der Liebe geträumt?

Simon
Liebe? Wir haben miteinander das Leben verbracht. Wir haben füreinander gesorgt. Wir sind miteinander alt geworden. Was kann denn mehr sein?

Linda
Die freie Wahl.

Simon
Ein Mann liebt sein Schiff. Ein Mann liebt seinen Sohn. Kein Vater schickt seinen Sohn zum Juden, wenn er ihm sein eigenes Schiff geben kann. Das Schiff, das er kennt.

Linda
Und wenn sich der Vater täuscht?

Simon
Und wenn du dich täuschst? Wenn du die falsche Wahl triffst? - Ich hatte ein gutes Leben. Anna hatte ein gutes Leben. Wirst du das einst sagen können?