Meine beiden letzten Kinofilme Gekauftes Glück und Wachtmeister Zumbühl spielen in Oberrickenthal und in Napfmoos, zwei fiktiven Dörfern im Schweizer Kanton Nidwalden. Zwei fiktive Dörfer mit einer geschlossenen Gesellschaft, wo jeder jeden kennt, und jeder über jeden alles weiss. Zwei Dörfer, in denen es kein Geheimnis ohne Gerüchte und keine Gerüchte ohne Geheimnis gibt. Zwei Dörfer, wo das enge Nebeneinander von Mief und Gemütlichkeit, von Geborgenheit und Bevormundung eine verschworene Gemeinschaft bildet. Eine Gemeinschaft, an der der Mensch leidet; und wenn er sie verliert, leidet er am Verlust. Ich spreche nicht - wie man vielleicht denken könnte - von einer sozialistischen Gesellschaft, sondern von einer katholisch geprägten, alpinen Gesellschaft, wo die Berge den Menschen einschließen und beschützen, wo sie ihn einengen und abschirmen vom Übel dieser Welt.
Kora spielt in der gleichen Welt. Nur sind es nicht mehr Berge, die die Menschen vor der nächsten Stadt und vor andern Gedanken trennen, sondern das Meer. Kora spielt in der geschlossenen Gesellschaft einer Handvoll Inseln im Nordatlantik. Das ist der einzige Unterschied. Zwar hat die Schweiz, zwar hat Nidwalden keinen freien Blick aufs Meer. Trotzdem ist Kora eine sehr schweizerische Geschichte. Eine Geschichte aus einer Welt, wo die Welt noch in Ordnung ist. Eine Geschichte aus einer kleinen Welt, die sich gegen die große Welt abschottet. Einer Welt, wo man noch genau weiss, wer wir sind, und wer die andern. Wo man noch weiss, was gut ist und was böse. Was weiss, was schwarz. Und was rot. Eine Welt, wie wir sie kennen, gegen die wir alle kämpfen. Und eine Welt, die wir alle schon ein bißchen vermissen.
Kora ist ein digital gedrehter Low-Budget-Kinofilm. Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Low Budget und großes Kino? Natürlich nicht. Großes Kino heißt in erster Linie, mit sehr guten Schauspielern eine spannende Geschichte zu erzählen. Dafür braucht man keine riesigen Budgets, sondern - neben dem seriösen Umgang mit den vorhandenen Mitteln - vor allem Fleiß, Talent, Neugier und etwas Glück. Außerdem ist es bestimmt kein Nachteil, wenn meine erste Videoproduktion kein Erstling ist, sondern von der Erfahrung profitiert, die ich aus einem halben Dutzend konventionell produzierter Filme gewonnen habe.
Dennoch müssen nicht alle kleinen Filme aussehen wie die gefeierten dänischen Dogma-Filme. Für Kora stelle ich mir eine ganz andere Handschrift vor: Eine eher ruhige, statische Kamera - durchaus schnell geschnitten, aber ohne Hektik. Eine Auflösung mit vielen Nahaufnahmen und vielen Totalen, aber mit wenigen Einstellungen mittlerer Größe: Die Geschichte auf den Gesichtern der irischen Schauspieler und in der Weite der irischen Landschaft erzählt. Also eher eine Filmsprache in französischer Tradition, oder in der Schule meiner polnischen Lehrmeister, als nach dem aktuellen Zeitgeschmack im Kino. Aber war es nicht schon immer ein Erfolgsrezept, azyklisch zu denken, visuelle Modetrends zu ignorieren und den Spielfilmen etwas Zeitloses zu geben?
In zwei Recherchereisen an die Westküste Irlands habe ich sämtliche Motive für Kora gefunden. Fast alle Motive liegen in Connemara. Wer die Landschaft und das Licht Irlands kennt, dem brauche ich nicht zu erzählen, daß ich einen glücklichen Kameramann durch die irischen Landstrassen gefahren habe. Entstehen sollen allerdings nicht Bilder aus einem sonnendurchflutenden Land mit grünen Wiesen und blauem Meer. Kora spielt vielmehr in einer kargen Winterlandschaft mit Nebel, Sturm und Regen, in welcher Kora und Linda mit ihren vom pastelligen Farbkonzept abweichenden Kostümen die einzigen Farbtupfer im Bild sind.
Urs Odermatt