Männer lassen die Hosen runter, Frauen brechen durch eine riesige Leinwandvagina auf die Bühne. So hinterrücks defloriert prangen die gespreizten Schamlippen dem Oldenburger Publikum direkt ins Gesicht. Die Premiere von Philip Marbers Hautnah löste unter der Regie von Urs Odermatt den Titel des Stückes ein und trennte dadurch nach der Pause im Oldenburgischen Staatstheater zartbesaitetere Theatergängerinnen von den aufgeschlosseneren. Die bildeten dann aber eine klare Mehrheit und quittierten die Inszenierung mit viel Beifall. Doch da übertreiben die Oldenburgerlnnen auch gerne mal.

Vor einer riesigen Videoleinwand treffen vier Menschen aufeinander, um es Goethes Wahlverwandtschaften nachzutun. Doch was schon im Zeitalter der Aufklärung schief ging, wird natürlich in cyberanimierten Zeiten perverser, brutaler, aber nicht glückbringender. Der verhinderte Schriftsteller und Nachrufautor Dan (Roman Kohnle) trifft die naive Stripperin Alice (Jördis Johannson) und beutet ihre Lebensgeschichte für seinen Roman aus. Kurz darauf lernt er die Foto-Künstlerin Anna kennen und fährt auf sie ab. Immer auf der Suche nach Stoff für seine Geschichten loggt er sich unter ihrem Namen in der Chat-Gruppe "London fickt" ein und preist "seine" epischen Titten, auf die wiederum "spitze Spritze" Larry abfährt. In einem boulevardesken Missverständniskuddelmuddel lernt Larry die echte Anna kennen. Der selbstverliebte, zynische Arzt Larry und die exaltierte Künstlerin Anna werden ein Ehepaar. Was sie allerdings nicht davon abhält, es auch mit Dan und Alice zu treiben. Denn jeder weiß Bescheid, nichts hat irgendwas zu bedeuten.

Und doch wird die Frage "Bist du gekommen?" so mörderisch wichtig, daß sie die eigentliche Frage verdeckt: Was bedeute ich dir? Nein, so zu reden fällt diesen Egomanlnnen nicht mehr ein. Schließlich können Larry und Anna nur noch aufeinander einprügeln, weil sie anders keine Sprache mehr finden für Verletztheit, die in diesem total veröffentlichten Diskurs über Sex - als postmodemes Kürzel für ein außerirdisches Phänomen namens Liebe - nicht mehr sein darf.

In diesem Stück rührt die Verletztheit erst aus dem totalen Zwang zur Veröffentlichung, die alles entwertet. Sprache wird bei Marber zum Datenträger. Sie läuft teilweise rückwärts im Mund der Schauspielerinnen. Doch auch richtig abgespult, ergibt sie oft nur inhaltsleeren Salat.

Die Inszenierung von Urs Odermatt macht das Deutliche noch deutlicher. So läßt Dan zu seinem "Ich liebe Dich" sinnfällig Seifenblasen fliegen. Auf der Leinwand spulen die Redenden ihren Text ab. Es ist ein tonloses Bild zu den vielen Entschuldigungen, die keine Konsequenz haben. Denn als Offenheit getarnte Geständnisse sind nur eine andere Art, Exhibitionismus und Voyeurismus zu befriedigen. In körperlicher Gewalt suchen Anna und Larry zugleich Grenzen und wirklichen Kontakt.

Joanne Gläsel als Anna und Jürgen Lorenzen als Larry sind in diesem elenden Clinch mimisch und physisch enorm präsent. Und sie bewahren die Inszenierung, die vor Wortwitz und dazu improvisierten Einfallen nur so bersten will, auch vor inflationärer Überfülle.
Marijke Gerwin: Wie das Lotterleben so spielt - Sie fickten und sie schlugen sich, Taz, Bremen, 5. April 2000



Eine junge Frau liegt am Boden, krümmt sich vor Schmerzen, wimmert. Neben ihr, völlig aufgelöst, ein junger Mann: "Hast Du Spaß mit ihm gehabt?", schreit er sie an und tritt ihr in den Bauch. Sie weint. "Wann? Wie oft?", brüllt er weiter.

Schonungslos offen stellt Patrick Marber in seinem Stück Hautnah das Beziehungsleben zweier Paare dar, ihre verzweifelte Suche nach einer dauerhaften Bindung, ihre Sehnsucht nach Liebe und ihre Gier nach körperlicher Ausschweifung. Im London der neunziger Jahre trifft die junge Alice (Jördis Johannson), eine Gelegenheitsstripperin, zufällig Dan (Roman Kohnle), einen Nachrufschreiber, der gern Romancier geworden wäre. Die beiden ziehen zusammen. Ihnen begegnet der Arzt Larry (Jürgen Lorenzen). Dan lernt die Fotografin Anna (Joanne Gläsel) kennen und fühlt sich auch zu ihr hingezogen. Anna verliebt sich jedoch in Larry, der wiederum nach einer zufälligen Begegnung mit Alice durchaus nicht abgeneigt ist... Es beginnt ein verhängnisvolles Spiel der Seitensprünge.

Im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters verzichtet Urs Odermatt fast völlig auf ein Bühnenbild und Requisite. Nur eine lange Bank dient der Begegnung der Figuren. Hier läßt der Regisseur sie stolpern, straucheln oder nur ruhig sitzen. Im Hintergrund eine riesige Video-Leinwand: Auf ihr laufen sichtbar, aber unhörbar die unendlichen leeren Dialoge der Figuren ab. Auf der überdimensionalen Homepage kommen sich die Flirtenden dagegen unter dem Stichwort "London fickt" näher. Hemmungslos geben sie sich in der anonymen, virtuellen Welt hin.

Mädchenhaft-naiv in Schuluniform-Outfit sowie biestig-lasziv als professionelle Tänzerin zeigt Jördis Johannson als Alice die Dialektik von Offenheit und Lüge, Identitätssuche und Rollenspiel. Meist zart, hilflos und etwas schusselig steht ihr Roman Kohnle als Dan zur Seite, als ein Suchender nach seinem Standpunkt und dem Sinn der eigenen Existenz. Eiskalt, berechnend und von seinen Trieben gesteuert geht dagegen Larry durch die Welt. Anna versucht sich als vermittelnde Instanz, entgeht weder Gewalt noch Schuldfrage und findet auch in einer festen Beziehung nicht ihr Glück.

Bei allem Pessimismus der Vorlage verleiht Odermatt den Figuren viel Charme und Witz und haucht ihnen zudem noch ein wenig Lokalkolorit ein. Er sorgt dafür, daß dem Zuschauer trotz aller Brutalität und Derbheit des Stückes das Lachen nicht vergeht. Doch das Publikum ist mittlerweile einiges gewöhnt. Und so dankte es den Schauspielern nach mehr als zwei Stunden mit ausgiebigem Applaus.
Ulrike Trapp: Ein moderner Beziehungsreigen, Nordwest-Zeitung, Oldenburg, 27. März 2000



Mark Ravenhills Shoppen und Ficken ist das häufigst gespielte Stück der englischen Jung-Dramatiker. Mit Einkaufen hat Patrick Marber nichts im Sinn. In seinem Hautnah geht es nur noch um Sex, den Urs Odermatt in seiner Inszenierung im Kleinen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters als vorwiegend witzige Szenenfolge schneller Nummern vorführt.

Betrügen macht Spaß, bringt wenigstens vorübergehenden Lustgewinn. Betrogen werden führt auf direktem Weg ins Jammertal und zu der Erkenntnis, daß Mann und Frau eben doch nur einsame arme Schweine sind. Das zumindest erkennt der Nachrufschreiber und erfolglose Buchautor Dan, wenn sein vorübergehend klarer Kopf zynisch funktioniert.. Dans Lust- und Leidensgenossen sind der neurotische Arzt Larry, die Fotografin Anna und die nette Gelegenheitsstripperin und Lebenskünstlerin Alice.

Alle Paar-Formationen, einschließlich Ehe, werden ausprobiert. Man liebt sich, trennt sich, versucht es noch einmal. Am Ende steht Frust ohne Anspruch auf Betroffenheit. Zumindest im Stück. Odermatt jedoch läßt Dan aus Eifersucht Alice ermorden. Sex mit einer Leiche sprengt den Rahmen der Beziehungskomödie. Aber der Regisseur will damit vermutlich keine Betroffenheit auslösen. Es ist nur einer von vielen, vor allem visuellen, Einfallen, mit denen er seine Duftnoten setzt.

Die meisten sind gar nicht schlecht und tragen - im Unterschied zur Mordszene - eher zur Entschärfung des sprachlich drastischen Stücks bei. Auf einer langen schmalen Holzbank (Bühne: Klaus Ulbrich) wird gelebt, geliebt, gestritten und geturnt. Auf einer riesigen Projektionswand werden kommentierende Filmausschnitte und Großaufnahmen, teilweise live von einer Videokamera aufgenommen, von den Gesichtern der Akteure gezeigt.


Tänzer und Prügler

Der Zuschauer, der den Überblick der bei Marber chronologisch klar gegliederten Handlung nicht verlieren will, sollte den im Programmheft geschilderten Ablauf lesen. Ganz ohne Hilfe wird er die tolle Leistung der vier Protagonisten als Stand-up-Comedians, Akrobaten, Tänzer oder Prügler nicht würdigen können. Allen voran Jürgen Lorenzen als durchgeknallter Larry. Roman Kohnle gewinnt Dan die besten Seiten ab, wenn er ohne Verrenkungen dem Jammer nachgeht. Jördis Johannson im Schulmädchen-Look läßt Alice mit naiver Selbstsicherheit durchs Horrorland ziehen, während Joanne Gläsel die harten Töne der weltgewandten Anna einbringt. Das Publikum applaudierte lang anhaltend.
Karin Güthlein: Am Ende bleibt nur der Frust, Nordsee-Zeitung, Bremerhaven, 31. März 2000



"Also, ich bin wirklich noch nie vorzeitig aus dem Theater gegangen, aber diesmal..." - O-Ton eines jungen Theaterbesuchers. Wer sich in der Pause in der Nähe der Garderobe postierte, konnte an die vierzig Leute beobachten, die fluchtartig das Weite suchten. Wenn eine Aufführung am Oldenburgischen Staatstheater derartige Reaktionen provoziert, dann muß etwas Besonderes geschehen sein. Passiert war eigentlich ein Glücksfall: Der Schweizer Regisseur Urs Odermatt hat Patrick Marbers Stück Hautnah auf wirklich hautnahe, mutige und ausdrucksstarke Weise auf die Bühne des Kleinen Hauses gebracht.

London, 1993-1996. Der Zufall führt zwei Frauen und zwei Männer zusammen. Die junge Alice (gespielt von Jördis Johannson), aus New York zurückgekehrte Stripperin, läuft blindlings vor ein Taxi, der Nachrufschreiber Dan (Roman Kohnle), der gerne Romanautor wäre, bringt sie ins Krankenhaus. Beide werden ein Paar. Dann verliebt sich Dan in die Fotografin Anna (Joanne Gläsel), die gerade eine gescheiterte Ehe hinter sich hat. Anna tut sich jedoch mit dem Arzt Larry (Jürgen Lorenzen) zusammen. Es folgt ein gegenseitiges Betrügen und Begehren, Trennen und Zusammenkommen und immer wieder das absurde Bedürfnis nach Wahrheit; ein ständiges Aufstellen und Überschreiten von Grenzen. Eines wird überdeutlich: Sie alle sind emotionale Krüppel auf der Suche nach Liebe und Bindung, gleichzeitig aber völlig unfähig dazu. Odermatt läßt seine Figuren turnen und sich verrenken, zappeln und balancieren, doch sie drehen sich im Kreis, können einfach nicht raus aus ihrer Haut. Es wird viel verlangt von den Schauspielern, noch mehr als sonst müssen sie absolute Knochenarbeit leisten, und alle vier leisten Außergewöhnliches.

Im Gegensatz zu Odermatts Inszenierung des Krüppels von Inishmaan verselbständigt sich die (meta-)ästhetische Ebene diesmal nicht, sondern wird durch kraftvolle Momente im Zaum gehalten. Bei aller absurder Komik verdeutlichen drastische und mutige Szenen immer wieder die innere Verwahrlosung der Figuren. Herausgekommen ist alles andere als ein gefälliger Theaterabend. Wer modernes und hochästhetisiertes aber dennoch ausdrucksstarkes Theater liebt, sollte sich diese Inszenierung nicht entgehen lassen.
Peer Brinkmann: Sie drehen sich im Kreis - Herausragende Inszenierung von Patrick Marbers 'Hautnah',
Diabolo, Oldenburg, Mai 2000