TITEL
FÜNFZEHN BEIDE
   
AUTOR
Urs Odermatt
   
       
       
eingereicht von:
Alexandra Schild
Seiten:
96
Lektorin:
Dr. Nicoline Scheidegger
Fassung:
Januar 2006
Datum:
17. April 2006
Projektstatus:
in Finanzierung
Vorlage:
Drehbuch
angefragt von:
Nordwest Film AG
GENRE:
Schwarze Komödie
   
SPIELORT + ZEIT
Deutschland, Litauen. Gegenwart.
   
       
LOGLINE:
Zoë, eine junge erfolgreiche Tennisspielerin, entdeckt eines Tages, daß sie in Litauen eine Zwillingsschwester hat, die als Darstellerin in Pornofilmen arbeitet. Sie holt Bo
żena nach Deutschland und engagiert sie als ihr Double für Autogrammstunden und öffentliche Auftritte. Bald ersetzt sie Zoë auch bei ihrem neuen Freund. Bei einem Streit darüber stößt Zoë ihre Schwester aus dem Fenster, ohne Zeugen. Zoë wird Nummer eins im Tennis. Bevor sie ihr Leben als Star fortsetzen kann, muss sie Bożenas Rolle in ihren vertraglich vereinbarten Pornostreifen abarbeiten.

KURZKOMMENTAR:
Das Drehbuch überzeugt durch eine sehr bildstarke Gliederung des Handlungensstranges und durch schnelle Szenenwechsel. Der Autor spielt originell mit detailliert ausgearbeiteten, spritzigen, schlagfertigen Dialogen. Gekonnt werden zwei Welten einander gegenübergestellt, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Profisport und Pornofilmszene.

LEKTORAT
 
exzellent
gut
mittelmässig
schlecht
Handlung:
 
x
   
Figuren:
x
     
Struktur:
x
     
Dialoge:
x
     
Originalität:
x
     
         
Marktpotential Kino:
x
     
Video/DVD:
x
     
TV:
x
     
EINSCHÄTZUNG:
 
empfohlen
berücksichtigen
nicht empfohlen
STOFF:
x
   
AUTOR:
x
   
FAZIT:
KOMMENTAR


A.        Thema

Was ist erstaunlicher, wunderbarer, erschreckender im Leben als ein Doppelgänger? Das allgemeine Entzücken, das Zwillinge hervorrufen, führt dazu, daß sie in Mythen, in der Literatur, in Theater und Film gerne als Motiv aufgegriffen werden. Verwechslungsspiele nähern sich der Frage, wie die Gesellschaft mit der doppelten Ausführung eines Menschen umgeht. Unser Blick richtet sich bei Zwillingen fasziniert neugierig auf die Gemeinsamkeiten der zwei Personen. Bezaubert verwirrt betrachten wir das vermeintliche Mißgeschick der Natur. Der alten Frage nach der Determinierung unseres Charakters öffnet sich dadurch eine Pforte, durch welche spähend wir uns Rückschlüsse erhoffen auf unser Selbstverständnis als individualistische Wesen. Die Gewißheit unserer Einzigartigkeit als Ausdruck unseres innersten Ichs wird durch ein Duplikat in ihren Grundfesten erschüttert. Wo verläuft die Grenze zwischen Individualität und Uniformität?

Wir werden in die Welt geworfen und erhalten unterschiedliche Startbedingungen. Was nur wäre geworden, wären wir ganz woanders aufgewachsen? Hätten andere Eltern gehabt? Ein anderes Umfeld? An Zwillingen, die im Säuglingsalter getrennt wurden, läßt sich ein solch ansonsten gezwungenermaßen imaginär bleibendes Experiment genüßlich verfolgen. Mit dieser uns allen bekannten Fiktion spielt das Drehbuch. Bożena wuchs bei ihrem Vater in Litauen auf. Zoë mit ihrer Mutter in Deutschland, bis diese vor sechs Jahren bei einem Autounfall verunglückte. Die Aufteilung der Zwillinge erfolgte willkürlich und hätte auch umgekehrt ausfallen können.

Kontrastiert wird die Welt einer wohlerzogenen, behüteten, erfolgreichen, ehrgeizigen Tennisspielern, die am Beginn eines großartigen Lebens steht mit der Welt einer mit Elend, Gewalt, Verwahrlosung und Rücksichtslosigkeit umgebenen Pornodarstellerin, die bereits zu viel gesehen hat, keine Zukunftsaussichten und keine Träume mehr hat. Wir verfolgen das Aufeinanderprallen dieser Welten. Zoë, die ihre Schwester zu instrumentalisieren versucht. Bożena, die alles will und sich nicht länger abspeisen läßt. Moralisch gesehen gewinnt keine der beiden. Der Schwesternkonflikt erlangt seinen Höhepunkt beim Streit um den gemeinsamen Liebhaber und endet mit einem vermeintlichen Mord an der Schwester aus dem Osten.


B.        Figuren

Zoë ist eine international bekannte Tennisspielerin, kurz vor dem ganz großen Durchbruch. Sie reist viel, wohnt in Luxushotels, ausgedehnte Trainingseinheiten und Disziplin bestimmen ihr Leben. Interviews, Pressekonferenzen und Autogrammstunden füllen die karge Freizeit. Ehrgeiz und Professionalität im Umgang mit der Öffentlichkeit paaren sich hier mit Einsamkeit und einer Weltunerfahrenheit. Ihre aufkeimende Sexualität entwickelt sich in ihrer Verliebtheit zu Ronaldo. Und prallt auf die unverzagt draufgängerische Direktheit ihrer Schwester, die keine Gelegenheit ausläßt, ihr ihren Lover abspenstig zu machen.

Bożena ist Zoës Zwillingsschwester, die als Pornodarstellerin sich und ihren trinkenden Vater über die Runden bringt. Ihrem elenden Leben versucht sie durch Drogen zu entkommen. Sie lebt mit einem Mann, den sie nicht liebt. Nicht Ehrgeiz prägt ihren Charakter, aber zu kämpfen hat sie gelernt. Sie kennt die Welt nur von unten, trotzdem tut sie fürs Überlegen alles. Männer sind in ihrem Leben Abwechslung, Unterhaltung bloß. Eine emotionale Bedeutung oder Bindung scheint sie nicht mehr aufbauen zu können. So fehlt ihr das Verständnis für die Aufgebrachtheit ihrer Schwester.

Kowalski ist der Onkel der Mädchen und der Trainer von Zoë. Schwul, ein Schinder alter Schule, kitzelt er aus Zoë hervorragende Leistungen heraus. Er stellt sich beschützend hinter sie und scheut letztlich selbst nicht vor einem Mord an deren Schwester zurück - als Schutz vor deren Eindringen in ihr Leben, das ihre Tenniskarriere zu gefährden droht.


C.        Struktur und D.        Handlung

Das Drehbuch beginnt mit einem Albtraum. Zoë, eine international erfolgreiche junge Tennisspielerin, träumt in einer Badewanne eines luxuriösen Hotels sitzend, daß sie auf einer Opernbühne vergewaltigt wird. Noch ahnt sie nicht, daß der Traum sich nur kurze Zeit später bewahrheiten wird. Das ist der Preis, den sie für ihre erste Erprobung der Verwechselbarkeit mit ihrer Schwester Bożena zahlt, welche sie zufällig in einem Pornostreifen entdeckt hat. Vom Filmstudio erhält sie die Adresse und fährt nach Litauen, nicht ohne daß sie ihrem Trainer und Onkel Kowalski eine Photographie ihrer vermeintlichen Doppelgängerin zukommen läßt.

Bożena dreht an schmuddligen Orten schmuddlige Szenen, roh und skrupellos ist der Umgang. Sie verpaßt sich einen Kick auf Achterbahnen, auf denen stehend sie sich todeshungrig bloß einen Bruchteil vor Tunneleingang duckt.

Zoë wußte nichts von ihrer Schwester. Sie blickt durch sie in ein Leben, vor dem ihr graut. Verwahrlosung, Armut, Drogen. Aus einer Mischung von Zuneigung, Mitleid und Eigennutz heraus nimmt sie Bożena mit nach Deutschland. Sie soll als ihr Double den unersättlichen Begehrlichkeiten der Fans nach Repräsentation nachkommen, im öffentlichen Fitneßstudio trainieren, Autogramme erteilen. Ausgedacht für solcherlei unliebsame Aufgaben, entgleitet Zoë aber die Kontrolle über ihre Schwester. Nach längerer Abwesenheit in Litauen - Pornodreh - kehrt Bożena nach Deutschland zurück. Sie erweist sich für Zoë als Geist, den sie gerufen hat und nun nicht mehr los wird. Die Absicht Zoës, Bożena im Hintergrund für sich arbeiten zu lassen, scheitert an deren kämpferischer Natur. Sie läßt sich keinen Platz zuweisen. Läßt sich nicht klein halten. Zoë hatte immer alles. Jetzt mischt sie sich ein. Genießt den Ruhm und die Beachtung. Gibt ungefragt Pressekonferenzen. Sie nimmt mehr und mehr Zoës Stellung ein, auch in der Liebe.

Träumt Zoë in Litauen beim ersten Treffen mit ihrer Schwester, argwöhnend über deren Integrität - daß diese sie zu vergiften sucht - so ist es letztlich vermeintlich Zoë, die den Schwesternmord begeht. Im Affekt stößt sie sie vom Balkon.

Gegenseitiger Neid prägte den Schwesternkonflikt. Zoë wurde vom Leben verwöhnt und kann sich alles leisten. Was hat Bożena, das Zoë ihr neidet? Sie ist wagemutig und kopflos, stürzt sich ins Leben und überschreitet Grenzen, lebendig und ungezwungen gibt sie sich den wenigen Genüssen hin, die ihr das Leben bietet. Mühelos gelingt es ihr, ihrer Schwester den Freund auszuspannen.

Mit dem Tod der Schwester ist es nun Zoë, die ihrerseits das Leben ihrer Schwester annimmt. Aus Angst vor mafiösen Übergriffen und vor dem moralischen Debakel einer Preisgabe der zwielichten Machenschaften dreht sie die mit ihrer Schwester vertraglich vereinbarten Filme.

Drei Jahre später. Die Schlußszene nimmt die todeshungrige Unbekümmertheit ihrer Schwester Bożena in anderer Form wieder auf. Nicht Achterbahn diesmal, sondern eine rasante Fahrt mit geschlossenen Augen in ihrem Porsche über eine Ausfallstraße zeichnen von Zoës Lebensgefühl. Sie ist Nummer eins im Tennis. Hat alles erreicht, was sie erreichen wollte. Alles? Zu welchem Preis?

Das Drehbuch arbeitet mit kurzen Einstellungen. Die hohe Schnittfrequenz vermittelt ein rasantes Tempo. Kontraste werden gekonnt präsentiert. In der einen Szene träumt Zoë im Luxushotel in der Badewanne sitzend von einer Vergewaltigung auf der Opernbühne. In der nächsten Szene dreht ihre Schwester in einem vergammelten Unterstellraum in Litauen eine Sexszene. Fiktion und Realität aufgenötigter Sexualität. Ausschnitte des Alltags zweier Fünfzehnjähriger. Ruhm und Erniedrigung in enger Vermaschung.

Allgegenwärtig sind die Fernsehübertragungen von Zoës Tennisturnieren und Interviews. Sie werden als Anschlußstellen für Ereignis- und Ortswechsel genutzt und verweben versiert die Szenen ineinander. Sie geleiten uns in Attilas Wohnung in Litauen, der gerade besoffen von mafiösen Pornoproduzenten heimgesucht wird. Oder führen uns in Gwisdeks Wohnwagen, seinem Büro für Ermittlungen.

Kleine humoristische Zwischenfälle wie die verlorene Papierrolle in der Toilette eines Restaurants oder der von Gwisdek ins Wasser beförderte Rollstuhlfahrer unterstreichen die videoclipartige Montage des Films und verleihen ihm einen schalkhaften Ton.


E.        Dialoge

Das Drehbuch liest sich einnehmend, kurzweilig, humorvoll und berauschend. Knappe scharfe Dialoge mit viel Wortwitz sind das Markenzeichen des Films. Der Autor führt so zwanglos wie virtuos in einer verruchten Tonart durch die Wortgefechte. Die Figuren werden prägnant gezeichnet und ohne Mitleid an ihre Abgründe geführt. Ein rasantes Tempo, schnelle Szenenwechsel, gekonnte Wechsel der Schauplätze verleihen der Geschichte eine treibende Dynamik.


F.        Zuschauer

Das Verwechslungspotenzial der Zwillinge ist eine reizvolle Ausgangslage, auf der die frechen Dialoge und die mit großer Erzähllust durchsexualisierten Szenen ein breiteres Publikum anzusprechen vermögen. Der Film richtet sich insbesondere an ein junges urbanes und dank seiner charmanten Unverschämtheit nicht zuletzt weibliches Publikum.