KOMMENTAR
A. Thema
Was ist erstaunlicher, wunderbarer, erschreckender im Leben als ein Doppelgänger? Das allgemeine Entzücken, das Zwillinge hervorrufen, führt dazu, dass sie in Mythen, in der Literatur, in Theater und Film gerne als Motiv aufgegriffen werden. Verwechslungsspiele nähern sich der Frage, wie die Gesellschaft mit der doppelten Ausführung eines Menschen umgeht. Unser Blick richtet sich bei Zwillingen fasziniert neugierig auf die Gemeinsamkeiten der zwei Personen. Bezaubert verwirrt betrachten wir das vermeintliche Missgeschick der Natur. Der alten Frage nach der Determinierung unseres Charakters öffnet sich dadurch eine Pforte, durch welche spähend wir uns Rückschlüsse erhoffen auf unser Selbstverständnis als individualistische Wesen. Die Gewissheit unserer Einzigartigkeit als Ausdruck unseres innersten Ichs wird durch ein Duplikat in ihren Grundfesten erschüttert. Wo verläuft die Grenze zwischen Individualität und Uniformität?
Wir werden in die Welt geworfen und erhalten unterschiedliche Startbedingungen. Was nur wäre geworden, wären wir ganz woanders aufgewachsen? Hätten andere Eltern gehabt? Ein anderes Umfeld? An Zwillingen, die im Säuglingsalter getrennt wurden, lässt sich ein solch ansonsten gezwungenermassen imaginär bleibendes Experiment genüsslich verfolgen. Mit dieser uns allen bekannten Fiktion spielt das Drehbuch. Bożena wuchs bei ihrem Vater in Litauen auf. Zoë mit ihrer Mutter in Deutschland, bis diese vor sechs Jahren bei einem Autounfall verunglückte. Die Aufteilung der Zwillinge erfolgte willkürlich und hätte auch umgekehrt ausfallen können.
Kontrastiert wird die Welt einer wohlerzogenen, behüteten, erfolgreichen, ehrgeizigen Tennisspielern, die am Beginn eines grossartigen Lebens steht mit der Welt einer mit Elend, Gewalt, Verwahrlosung und Rücksichtslosigkeit umgebenen Pornodarstellerin, die bereits zu viel gesehen hat, keine Zukunftsaussichten und keine Träume mehr hat. Wir verfolgen das Aufeinanderprallen dieser Welten. Zoë, die ihre Schwester zu instrumentalisieren versucht. Bożena, die alles will und sich nicht länger abspeisen lässt. Moralisch gesehen gewinnt keine der beiden. Der Schwesternkonflikt erlangt seinen Höhepunkt beim Streit um den gemeinsamen Liebhaber und endet mit einem vermeintlichen Mord an der Schwester aus dem Osten.
B. Figuren
Zoë ist eine international bekannte Tennisspielerin, kurz vor dem ganz grossen Durchbruch. Sie reist viel, wohnt in Luxushotels, ausgedehnte Trainingseinheiten und Disziplin bestimmen ihr Leben. Interviews, Pressekonferenzen und Autogrammstunden füllen die karge Freizeit. Ehrgeiz und Professionalität im Umgang mit der Öffentlichkeit paaren sich hier mit Einsamkeit und einer Weltunerfahrenheit. Ihre aufkeimende Sexualität entwickelt sich in ihrer Verliebtheit zu Ronaldo. Und prallt auf die unverzagt draufgängerische Direktheit ihrer Schwester, die keine Gelegenheit auslässt, ihr ihren Lover abspenstig zu machen.
Bożena ist Zoës Zwillingsschwester, die als Pornodarstellerin sich und ihren trinkenden Vater über die Runden bringt. Ihrem elenden Leben versucht sie durch Drogen zu entkommen. Sie lebt mit einem Mann, den sie nicht liebt. Nicht Ehrgeiz prägt ihren Charakter, aber zu kämpfen hat sie gelernt. Sie kennt die Welt nur von unten, trotzdem tut sie fürs Überlegen alles. Männer sind in ihrem Leben Abwechslung, Unterhaltung bloss. Eine emotionale Bedeutung oder Bindung scheint sie nicht mehr aufbauen zu können. So fehlt ihr das Verständnis für die Aufgebrachtheit ihrer Schwester.
Kowalski ist der Onkel der Mädchen und der Trainer von Zoë. Schwul, ein Schinder alter Schule, kitzelt er aus Zoë hervorragende Leistungen heraus. Er stellt sich beschützend hinter sie und scheut letztlich selbst nicht vor einem Mord an deren Schwester zurück - als Schutz vor deren Eindringen in ihr Leben, das ihre Tenniskarriere zu gefährden droht.
C. Struktur und D. Handlung
Das Drehbuch beginnt mit einem Albtraum. Zoë, eine international erfolgreiche junge Tennisspielerin, träumt in einer Badewanne eines luxuriösen Hotels sitzend, dass sie auf einer Opernbühne vergewaltigt wird. Noch ahnt sie nicht, dass der Traum sich nur kurze Zeit später bewahrheiten wird. Das ist der Preis, den sie für ihre erste Erprobung der Verwechselbarkeit mit ihrer Schwester Bożena zahlt, welche sie zufällig in einem Pornostreifen entdeckt hat. Vom Filmstudio erhält sie die Adresse und fährt nach Litauen, nicht ohne dass sie ihrem Trainer und Onkel Kowalski eine Photographie ihrer vermeintlichen Doppelgängerin zukommen lässt.
Bożena dreht an schmuddligen Orten schmuddlige Szenen, roh und skrupellos ist der Umgang. Sie verpasst sich einen Kick auf Achterbahnen, auf denen stehend sie sich todeshungrig bloss einen Bruchteil vor Tunneleingang duckt.
Zoë wusste nichts von ihrer Schwester. Sie blickt durch sie in ein Leben, vor dem ihr graut. Verwahrlosung, Armut, Drogen. Aus einer Mischung von Zuneigung, Mitleid und Eigennutz heraus nimmt sie Bożena mit nach Deutschland. Sie soll als ihr Double den unersättlichen Begehrlichkeiten der Fans nach Repräsentation nachkommen, im öffentlichen Fitnessstudio trainieren, Autogramme erteilen. Ausgedacht für solcherlei unliebsame Aufgaben, entgleitet Zoë aber die Kontrolle über ihre Schwester. Nach längerer Abwesenheit in Litauen - Pornodreh - kehrt Bożena nach Deutschland zurück. Sie erweist sich für Zoë als Geist, den sie gerufen hat und nun nicht mehr los wird. Die Absicht Zoës, Bożena im Hintergrund für sich arbeiten zu lassen, scheitert an deren kämpferischer Natur. Sie lässt sich keinen Platz zuweisen. Lässt sich nicht klein halten. Zoë hatte immer alles. Jetzt mischt sie sich ein. Geniesst den Ruhm und die Beachtung. Gibt ungefragt Pressekonferenzen. Sie nimmt mehr und mehr Zoës Stellung ein, auch in der Liebe.
Träumt Zoë in Litauen beim ersten Treffen mit ihrer Schwester, argwöhnend über deren Integrität - dass diese sie zu vergiften sucht - so ist es letztlich vermeintlich Zoë, die den Schwesternmord begeht. Im Affekt stösst sie sie vom Balkon.
Gegenseitiger Neid prägte den Schwesternkonflikt. Zoë wurde vom Leben verwöhnt und kann sich alles leisten. Was hat Bożena, das Zoë ihr neidet? Sie ist wagemutig und kopflos, stürzt sich ins Leben und überschreitet Grenzen, lebendig und ungezwungen gibt sie sich den wenigen Genüssen hin, die ihr das Leben bietet. Mühelos gelingt es ihr, ihrer Schwester den Freund auszuspannen.
Mit dem Tod der Schwester ist es nun Zoë, die ihrerseits das Leben ihrer Schwester annimmt. Aus Angst vor mafiösen Übergriffen und vor dem moralischen Debakel einer Preisgabe der zwielichten Machenschaften dreht sie die mit ihrer Schwester vertraglich vereinbarten Filme.
Drei Jahre später. Die Schlussszene nimmt die todeshungrige Unbekümmertheit ihrer Schwester Bożena in anderer Form wieder auf. Nicht Achterbahn diesmal, sondern eine rasante Fahrt mit geschlossenen Augen in ihrem Porsche über eine Ausfallstrasse zeichnen von Zoës Lebensgefühl. Sie ist Nummer eins im Tennis. Hat alles erreicht, was sie erreichen wollte. Alles? Zu welchem Preis?
Das Drehbuch arbeitet mit kurzen Einstellungen. Die hohe Schnittfrequenz vermittelt ein rasantes Tempo. Kontraste werden gekonnt präsentiert. In der einen Szene träumt Zoë im Luxushotel in der Badewanne sitzend von einer Vergewaltigung auf der Opernbühne. In der nächsten Szene dreht ihre Schwester in einem vergammelten Unterstellraum in Litauen eine Sexszene. Fiktion und Realität aufgenötigter Sexualität. Ausschnitte des Alltags zweier Fünfzehnjähriger. Ruhm und Erniedrigung in enger Vermaschung.
Allgegenwärtig sind die Fernsehübertragungen von Zoës Tennisturnieren und Interviews. Sie werden als Anschlussstellen für Ereignis- und Ortswechsel genutzt und verweben versiert die Szenen ineinander. Sie geleiten uns in Attilas Wohnung in Litauen, der gerade besoffen von mafiösen Pornoproduzenten heimgesucht wird. Oder führen uns in Gwisdeks Wohnwagen, seinem Büro für Ermittlungen.
Kleine humoristische Zwischenfälle wie die verlorene Papierrolle in der Toilette eines Restaurants oder der von Gwisdek ins Wasser beförderte Rollstuhlfahrer unterstreichen die videoclipartige Montage des Films und verleihen ihm einen schalkhaften Ton.
E. Dialoge
Das Drehbuch liest sich einnehmend, kurzweilig, humorvoll und berauschend. Knappe scharfe Dialoge mit viel Wortwitz sind das Markenzeichen des Films. Der Autor führt so zwanglos wie virtuos in einer verruchten Tonart durch die Wortgefechte. Die Figuren werden prägnant gezeichnet und ohne Mitleid an ihre Abgründe geführt. Ein rasantes Tempo, schnelle Szenenwechsel, gekonnte Wechsel der Schauplätze verleihen der Geschichte eine treibende Dynamik.
F. Zuschauer
Das Verwechslungspotenzial der Zwillinge ist eine reizvolle Ausgangslage, auf der die frechen Dialoge und die mit grosser Erzähllust durchsexualisierten Szenen ein breiteres Publikum anzusprechen vermögen. Der Film richtet sich insbesondere an ein junges urbanes und dank seiner charmanten Unverschämtheit nicht zuletzt weibliches Publikum.