Zwillinge sind Sympathieträger. Jeder Werber weiß das. Zwillinge nehmen für sich ein. Zwillinge amüsieren uns. Zwillinge mogeln sich in unsere Herzen.

Gleichzeitig beunruhigen Zwillinge auch. Unschuldige Experimente der Natur zwar, doch verunsichert das blosse Vorhandensein von Zwillingen jene Gewißheit menschlicher Individualität, die dem abendländischen Weltverständnis so teuer ist: Wir sind nicht so einzigartig, wie wir glauben. Die Natur erlaubt sich, ein im Entstehen begriffenes Wesen, die befruchtete Eizelle, zu klonen und als Dividuen in die Welt zu schicken. Hat das böse Spiel mit der Verwechselbarkeit in unserer normalsterblichen Welt vielleicht den Charme des Außergewöhnlichen, bekommt die Vorstellung, einer unserer Stars aus der Glamourwelt des Sports oder der Kultur könnte in Wirklichkeit die Summe zweier sich abwechselnden Personen sein, etwas Verstörendes.

Am Anfang zu Fünfzehn beide stand eine Zeitungsnotiz, die über Beobachtungen an getrennt aufgewachsenen, eineiigen, also vollständig erbgleichen Zwillingen berichtete. Mediziner und Psychologen versprachen sich vom beobachteten Unterschied in Temperament, Neigung und Begabung Rückschlüsse auf den Anteil der Umwelt an der Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen. Er scheint viel geringer zu sein, als es sich Bildungspolitiker und Soziologen erhoffen. In Amerika führte man Zwillinge zusammen, die im Zweiten Weltkrieg als Kleinkinder an verschiedene Familien zur Adoption freigegeben worden waren, erstaunlicherweise aber ganz ähnliche Lebenswege gegangen sind und in unzähligen Einzelheiten die gleichen Gewohnheiten entwickelt haben. Daß sie sich glichen wie ein Ei dem andern, das ist biologisch bedingt. Daß sie die gleiche Biermarke tranken, ihren Kindern die gleichen Namen gaben, mochte Zufall sein. Einen überaus irritierenden Eindruck hinterließ aber die Tatsache, daß sie unabhängig voneinander die gleichen, für ganz individuell gehaltenen Gebärden und Marotten hervorgebracht hatten. Am erstaunlichsten war für manchen Beobachter die Identität ihres Lachens.

Die vielleicht überraschendste Beobachtung war aber die paradoxe Tatsache, daß früh getrennte Zwillinge sich oft viel ähnlicher sind als gemeinsam aufgewachsene: Zwillinge, die sich nicht kennen, haben keine Veranlassung, Abgrenzungsmechanismen in Gang zu setzen. Ihre Persönlichkeit, ihre Individualität wurde nicht Tag für Tag von einem perfekten Duplikat in Frage gestellt. Das erbgleiche Programm konnte sich ungestört durchsetzen.

Im Theater und in der Literatur ist der Doppelgänger-/Zwillingskonflikt ein uraltes und häufig gearbeitetes Motiv. Meist im Genre der Komödie; das sich abzeichnende Verwechslungsangebot weist schnell diesen Weg. Nicht selten wußten Autoren und Dramatiker die Austauschbarkeit ihrer Protagonisten mit einem amourösen Hinterhalt zu würzen. Im Kino, wo bühnentaugliche Abstraktion und Behauptung nicht funktionieren, sind Geschichten wie Fünfzehn beide in der Regel nur mit einer Doppelrolle zu besetzen. Auch mit modernster Aufnahmetechnik und den neuen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters bleibt diese Aufgabe eine besondere Herausforderung für die Hauptdarstellerin, die Kamera und die Regie. Und eine besondere Attraktivität für das Publikum.

*

Fünfzehn beide spielt in zwei völlig entgegengesetzten Welten. In der hermetischen, klinischen Gute-Laune-Welt der Sponsoren, Medienaufgeregten und Turnierveranstalter dreht die Sauberfrau Zoë ihre immer gleichen warmgebadeten und einsamen Kreise.

Im Dreck und von unten sieht Bo
żena ihre eigene erbarmungslose Welt, eine Welt, die ihr jede Härte und jede Demütigung abverlangt, die ein Mensch hinnehmen muß, wenn er auch mit schlechten Karten überleben will.

Fünfzehn beide dreht am Ende unser moralisches Selbstverständnis auf den Kopf: Die pflegeleichte Sauberfrau erweist sich als berechnendes, eiskaltes Monster, das über Leichen - auch über die ihrer eigenen Zwillingsschwester - geht, wenn die Karriere dies verlangt.

Die arme Schwester in Osteuropa hingegen, die Pornofilme der üblen Sorte drehen muß, um ihr Überleben und das ihres versoffenen Vaters zu sichern, behält auch in der Kloake des Lebens ihre Integrität und ihre Würde und geht mit den denkbar schlechtesten Voraussetzungen, die man haben kann, als positive Heldin aus der Geschichte.
 
Fünfzehn beide
spielt in einer fiktiven Welt, die es in dieser überhöhten Verdichtung gar nicht gibt. Unsere Absicht ist es nicht, mit präzise recherchiertem Realismus einer vermeintlichen Wirklichkeit auf die Spur zu kommen. Vielmehr möchten wir mit dem Umweg über die Mittel der absurden Komik, der minimalistischen Verknappung der Dialogführung und dem spielerischen Umgang und dem Variieren mit Halbwahrheiten und einschlägig bekannten Klischees unsere eigene subjektive Authentizität finden, eine Authentizität, die sich aus den Figuren und ihrem selbstbestimmten Handeln ergibt, und nicht etwa aus einem klar nachvollziehbaren zeitlichen oder geographischen Bezug.

Fünfzehn beide spielt zwar zu etwa gleichen Teilen in einer westeuropäischen Großstadt und in der baltischen Provinz. Aber das ist eine Laune des Zufalls und wurde von uns so gebaut, weil filmisches Erzählen klare und aussagekräftige Bilder braucht und wir diese Bilder im Nebeneinanderstellen dieser beiden sehr entgegengesetzten Lebensentwürfe auch finden.

Natürlich könnte man einwenden, daß Litauen oder Lettland sich heute oft westlicher geben und westlicher aussehen als manche Ecke Österreichs, und dass man spätsowjetische Tristesse durchaus auch in einigen heruntergekommenen Gegenden Deutschlands drehen könnte.

Aber ein Statement zu diesem gesellschaft- und fortschrittvergleichenden Diskurs zu setzen, ist nicht unsere Absicht. Wir wollen eine überdrehte, verdrehte, etwas absurd gedrehte schwarze Komödie erzählen und suchen dafür nachhaltige, starke Bilder, die schnell kommunizieren und nicht so schnell verblassen.
Urs Odermatt

Polizist
Hauchen Sie mich an. Oder wollen Sie gleich blasen?

Kowalski
Ich bin so nüchtern wie Sie, Herr Polizist.

Polizist
Führerschein. Fahrzeugschein. Kranken- schein.

Kowalski
Ich habe einen Geldschein.

Polizist
Wollen Sie mich bestechen?

Kowalski
Die Buße bezahlen.

Polizist
Aussteigen. Alle.

Kowalski
Alle?

Polizist
Alle beide. Oder sehen Sie noch jemanden?

Kowalski und Zoë
Nein!



Zoë
Nur das Resultat zählt!

Kowalski
Warum tun wir das? Warum läßt du dich von mir quälen und schinden? Warum opferst du deine Jugend? Warum schläfst du kaum eine Nacht in deinem eigenen Bett? Warum hast du mehr Flugmeilen als ein Linienpilot, aber weniger Freunde als Robinson auf seiner verdammten Insel? Warum? Geld? Erfolg? Ruhm? Reisen um die ganze Welt? In der Zeitung stehen? Alles Kinderkram. Ich werde dir sagen, warum du Spitzentennis spielt: Um den Menschen ein Stück Unsterblichkeit in die Herzen zu spielen. Das ist es, was uns alle antreibt. Nur dafür lohnt es sich zu leiden. Etwas Bleibendes schaffen. In Erinnerung bleiben
. (Schweigen.) Du hast nicht gewonnen. Du hast verloren. Die Menschen werden dich vergessen.

Zoë
Du wirst es nicht glauben, aber ich beneide dich. Nicht die Pornos, natürlich. Und was du dir da in die Arme spritzt. Aber... Du hast alles, was ich nicht habe. Alles, was ich mir nicht kaufen kann.

Bożena
Leszek.

Zoë
Den könnte ich ganz bestimmt kaufen.

Bo
żena
Was kannst du nicht kaufen?