Kleine Länder gibt es viele, überall auf der Welt und seit Alters her. Der Wille zur Eigenständigkeit, die Liebe zum eigenen Land und seinen Menschen sowie ein gewisser Regionalstolz geraten in diesen kleinen Ländern nicht selten in Widerspruch zur Möglichkeit einer Auflösung in einen größeren Staatenverbund und der Erweiterung der Perspektiven. Innere Zerrissenheit und Widersprüche in sich selbst (wie kann man das Eigene lieben, wenn man sich gegen das Andere abschottet und umgekehrt?), die Spaltung in fanatische "Regionalisten" und "Globalisierer" dient dabei häufig den Machtinteressen Einzelner, die Land und Leute zu ihren Zwecken instrumentalisieren. Daß das Politische oft privat motiviert ist, bildet einen Ausgangspunkt von Alfred Guldens Stück Dieses. Kleine. Land.  Es problematisiert das Pro und Contra (Auflösung oder Unabhängigkeit) zum Modell eines kleinen Landes und hinterfragt das Wahnhafte einseitiger Lösungen (Verlust oder das plakative Überstrapazieren von Identität) ebenso kritisch wie deren Mißbrauch im persönlichen Machtkampf Einzelner. Alfred Guldens Theaterstück verweist durch die groteske Darstellung eines defizitären Heimat- und Identitätsverständnisses darauf, daß "Welt" wie "Winkel" in keinem Ausschließungsverhältnis zueinander bestehen können, sondern daß das Eigene nur über die Erfahrung des Fremden, das Fremde nicht durch die Aufgabe des Eigenen entdeck- und lebbar ist.

Die Handlung in Kürze: Eine geschichtliche Krisensituation hat das von Alfred Gulden modellhaft konstruierte "kleine Land" in verfeindete Lager gespalten. Gefährdet ist seine Eigenständigkeit. Die eine Seite, welche die Auflösung des Landes betreibt, ist weitgehend unsichtbar und in der Gestalt eines "Widersachers" verkörpert, der an der geplanten Schließung eines Kaufhauses und von Filialen einer landeseigenen Bank beteiligt ist. Auf der anderen Seite hat sich eine Untergrundorganisation formiert, um durch spektakuläre Aktionen die Öffentlichkeit gegen den Ausverkauf und für die Verteidigung der Unabhängigkeit des Landes zu mobilisieren. Die Aktionen enden zwar zunächst im Chaos, die Eigendynamik des Scheiterns ruft aber die Presse auf den Plan und den Zuspruch einiger Persönlichkeiten des Landes hervor, die an der Ruhestörung interessiert sind. Danksagungen gehen beim Drahtzieher und Kopf der politischen Bewegung ein, dem "Chef". Einst ein berühmter Erfinder, seit einem Unfall aber zum "Totalkrüppel" geworden und an seinen Rollstuhl gefesselt, überwacht der Chef die Operationen von einer Zentrale aus. Er empfindet seine Reduktion (auf "Kopf und Schwanz", wie er immer wieder sagt) als Konzentration auf das Wesentliche. Außerdem hat er sich durch technische Apparaturen perfekte Kommunikationsmöglichkeiten geschaffen. Da ihm noch jemand fehlt, der seine Ideen und Aktionen in schlagkräftige Worte packen kann, heuert er einen Dichter an, der in dem kleinen Land einmal eine Berühmtheit war, seit Jahren aber sein Dasein als Trinker und Kneipenpoet fristet. Für den Dichter eine Auferstehung, für den Chef eine "gewaltige Stimme, ein Donnerton, der dieses kleine Land aus seinem Schlaf reißen soll". Animiert durch die PR-Erfolge, greift der Chef bald zu härteren Mitteln und läßt durch seine Handlanger einen pressewirksamen Bankraub durchführen. Die Grenze zwischen politisch-theatralem Happening und realem Gewaltakt wird immer durchlässiger, je obsessiver der Wille des Chefs nach einem politischen Richtungswechsel sich auf die Degradierung und schließlich die Vernichtung seines Feindes, des "Widersachers", richtet. Die Gegenspieler hassen einander seit ihrer gemeinsam verbrachten Kindheit - ihr Machtkampf läßt das Krebsgeschwür kenntlich werden, das in jeder Form von Politik wächst, die sich auf den Willen zum bedingungslosen Machtgewinn reduzieren läßt.
Michael Birkner: Vorwort zum Stück, Programmheft zur Uraufführung, Saarländisches Staatstheater, Saarbrücken 2005