Die Schauspieler agieren einmal streng im Gleichschritt und korrekt wie ein Uhrwerk. Im nächsten Moment sind sie wild und ausgelassen wie eine Punkrockband.

Bei der Uraufführung der Groteske Dieses. Kleine. Land. zeigte das Ensemble des Saarländischen Staatstheaters am Freitagabend über zwei Stunden hinweg körperliche und stimmliche Höchstleistungen. Das von dem aus Saarlouis stammenden Schriftsteller Alfred Gulden geschriebene Stück soll zeigen, wie Heimat und Identität mißbraucht werden kann.

Bei der Umsetzung hat der Schweizer Theater- und Filmregisseur Urs Odermatt den Schauspielern viel abverlangt und auch den Zuschauern einiges zugemutet. Das Publikum honorierte die Leistung dennoch mit viel Applaus.

Dieses. Kleine. Land. hatte das Saarländische Staatstheater im Jahr 2003 bei Gulden in Auftrag gegeben. Damals war das 50. Jubiläum des Saarreferendums, das am 23. Oktober dieses Jahres gefeiert wurde, in Sicht. Am 23. Oktober 1955 hatten sich die Saarländer für die "kleine Wiedervereinigung" mit Deutschland und gegen eine weitere Autonomie ihres Landes entschieden. Gulden wollte das Stück aber nicht im Historischen, sondern in einem modellhaften kleinen Land ansiedeln.

Das kleine Land soll aufgelöst werden. Dagegen gibt es heftigen Widerstand. Der "Chef" (Michael Hiller), der nach einem Unfall im Rollstuhl sitzt und keine Hände mehr hat, kämpft fanatisch für die Unabhängigkeit. Darsteller Hiller, der die meiste Zeit in einer Inkontinenz-Unterhose und eingewickelt in Frischhalte-Folie im Rollstuhl sitzt, schlüpft in verschiedenste Identitäten, spricht längere Passagen Russisch und imitiert beeindruckend Politiker von Adolf Hitler bis Erich Honecker.

Der "Chef" holt sich den ehemals berühmten und inzwischen dem Alkohol verfallenen "Dichter" (Maximilian Wigger) an seine Seite, damit er die Ideen und Aktionen in schlagkräftige Worte packt. Der Gegner und "Widersacher" (Marcel Bausch) des "Chefs" ist ein Emporkömmling, der in Wirtschaftskreise aufgestiegen ist und an der Auflösung des kleinen Landes arbeitet. Der Chef und sein Widersacher hassen einander seit ihrer Jugend. Ihr Machtkampf reißt persönliche Abgründe auf.

Gespickt ist das Stück mit dutzenden unverhofft vorgetragenen Schlager- und Volkslied-Bruchstücken, Fußball-Parolen und Werbesprüchen. Melodien bekannter klassischer Musik gackern die Figuren nach wie Hühner. Der Text der deutschen Nationalhymne wird ersetzt durch Texte wie "Laßt das Monster auf die Bühne".
Uraufführung von 'Dieses. Kleine. Land.' gefeiert, dpa, 19. November 2005



Es ist nicht nur kein Schlüsselstück über Zustände im Saarland, es ist überhaupt kein gutes Stück. Nur höflichen Applaus gab es für die Uraufführung von Alfred Guldens Dieses. Kleine. Land am Freitag in der Alten Feuerwache. Auch Urs Odermatts überaus einfallsreiche Regie und das glänzend agierende Ensemble konnten nichts mehr retten.

Um von vorneherein mit einer irrigen Vorstellung aufzuräumen, die womöglich auch die Herren Lafontaine, Klimmt und Maas in diese Uraufführung drängte: Alfred Guldens Stück Dieses. Kleine. Land. ist - bewußt, so Gulden - kein Schlüsselstück über dieses kleine Land Saarland. Obschon als Auftragswerk des Staatstheaters aus Anlaß der Saarabstimmung vor 50 Jahren konzipiert, hat Gulden - von jeher der Region wie kein anderer Autor in produktiver Haßliebe verbunden - seiner Heimat darin keinen Spiegel vorgehalten. Guldens verunglückte Groteske in dieser Weise umdeuten zu wollen, führt ins Leere. Der Spiegel bleibt blind. Insoweit provoziert Dieses.Kleine. Land. gerade nicht jene "schmerzhafte Standortbestimmung", die Karl Richter (im Nachwort des Textbuchs) darin auszumachen meint. Dazu leidet das Stück zu sehr an Überkonstruiertheiten und einer holzschnittartigen Psychologie. Was in bemerkenswertem Gegensatz zur sprachlichen Versiertheit des Stücks, seiner Musikalität, steht.

Daß die Verbundenheit mit einem Landstrich Gefahr läuft in der Sackgasse Provinzialismus zu enden oder von modernen Kreuzrittern der Globalisierungspolitik eliminiert zu werden, ist Grundidee des Stücks. Ein Entweder-Oder-Prinzip, das keinen Platz für  Differenzierung läßt. Die Plausibilität seiner Charaktere opfert Gulden denn auch zugunsten krasser Überzeichnung.

Ein entstellter, vermögender Erfinder, "ein Stück Fleisch in einem Rollstuhl", will mittels skandalträchtiger Aktionen, für die er einen in Vergessenheit geratenen Dichter anheuert, und einer Untergrundbewegung den Ausverkauf seines Landes verhindern. Sein "Widersacher", der in eine einflußreiche Bankerfamilie eingeheiratet hat, setzt umgekehrt Regionalismus mit Engstirnigkeit gleich und betrachtet das Land als Verfügungsmasse in einem großen Profitspiel. Als der "Chef " seinen Intimfeind durch ein Sado-Maso-Video, in dem dieser sich zu einem grunzenden Schwein erniedrigt, in der Hand hat, wechselt der Erpresste im Handumdrehen die Seiten. Fortan markiert er den Lokalpatrioten. Beide, den Überzeugungen wie Kleider wechselnden "Widersacher" - herausragend: der gazellenartige Marcel Bausch, der virtuos auch noch einen Fußballpräsidenten, Intendanten, Filialleiter, Kultusminister Schreier und, und, und gibt - wie den seine Umgebung wie Marionetten dirigierenden "Chef" (Dämon und Wurm in einem: Michael Hiller), zeichnet Guldens Stück als Prototypen heutiger Politiker. Also ist der Kampf um dieses kleine Land gewissermaßen eine Mini-Version von Troja, das ohne die schöne Helena nicht denkbar wäre. Weil der "Chef" damals seine heutige Gattin (Ulrike Walther) eroberte, die auch sein alter Rivale umwarb, bekämpft dieser seither alles, was sein alter Nebenbuhler will.

Wären Guldens Figuren plausibler gestaltet, hätte die Herleitung öffentlicher Rollen aus privaten Beschädigungen das Stück am Ende womöglich erden können. Regisseur Urs Odermatt zerlegt dieses mit einigem Gewinn in seine Bestandteile, erfindet Szenen hinzu, läßt andere weg (Bühne und Kostüme: Dirk Seesemann). Und ignoriert die darin intendierten Video-Sequenzen, indem er, was im Stück Filmeinspielungen sind, laut- und szenenmalerisch spielen läßt. Wobei sich für Momente, wenn man die Guerillagruppe einer ehemaligen Sowjetrepublik zu erahnen glaubt, auch Beklemmung entsteht. Weil es hier dann mit einem Mal existenziell wird.

Nicht nur das Stück wird zerlegt und neu montiert, sondern auch dessen Figuren und deren Sprache. Sätze fallen immer wieder wie Kartenhäuser zusammen, aus deren Trümmern neue Fassaden erstehen. Alles wird bei Odermatt zum Zitat im Zitat, weshalb Schlager-Refrains angesungen, Worte wie Vinyl-Platten gescratcht und Szenen (wie von Gulden ausdrücklich angelegt) als Spiel im Spiel laufen. Immer wieder entsteht so ein mal chorisches, mal konzertiertes Sprechen, dessen Dialogstimmen sich über- und zerschneiden. Ein dekonstruktivistisches Verfahren, das Pantomime mit Slapstick und absurdes Theater mit Konkreter Poesie mischt.

Eine ganze Weile lang vermag dieses von Odermatt ganz ähnlich vor drei Jahren bei der Saarbrücker Uraufführung von Rolf Kemnitzers Die Bauchgeburt erprobte Zerlegungsritual zu fesseln und die dialogischen Qualitäten von Guldens Stück freizulegen. Quer durch die Feuerwache: Odermatt verbannt sinnfällig Guldens innerlich zerrissenen "Dichter" (Maximilian Wigger) während des zweistündigen Abends in die letzte Publikumsreihe. Irgendwann aber beginnt auch Odermatts Einfalls-Feuerwerk zu verglühen und sich zu wiederholen. Was bleibt, ist mitunter hochklassiges Schauspielertheater (in den weiteren Rollen: René Schack und Jörg-Heinrich Benthien.Urs Fabian Winiger, Kathrin Aebischer). Nur: Am Ende dieses Stücks ohne wirkliches Ende wissen wir nicht mehr über die inneren Befindlichkeiten welches kleinen Landes auch immer. Reichlich verhalten war denn auch der Applaus.
Christoph Schreiner: Der Spiegel fürs Saarland bleibt blind - Lokalpatrioten und eine Mini-Version von Troja,
Saarbrücker Zeitung, 21. November 2005