Was erwarten Sie von der Umsetzung von 'Dieses. Kleine. Land.' auf der Bühne? Sie haben ja den Regisseur Urs Odermatt sehr frühzeitig kennengelernt, als ihr Stück noch gar nicht geschrieben war?

Ich bin da sehr offen. Der Regisseur Urs Odermatt, der aus der Schweiz kommt, einem kleinen Land, ein Mann, der auch Filme macht, auch sehr radikal mit der Bühne umgeht, sehr radikal mit den Schauspielern, der wird mich sicher sehr erschrecken, aber auch erfreuen. Ich habe ja schon die Bühnenbildentwürfe gesehen, und alles ist ganz anders, als ich das beschrieben habe. Wenn jemand aus der Distanz heraus Neues entdeckt, wenn er etwas härter oder weicher macht, dann bin ich sehr froh darüber. Das Theaterstück ist nur ein Teil des Theaters, ein wichtiger Teil, aber da kommen die Schauspieler, das Bühnenbild, der Regisseur hinzu. Ich werde staunen. Das Erstaunen, heißt es bei den Griechen, ist der Beginn aller Philosophie.
Aus: Michael Birkner: 'Ich brauche nichts zu erfinden...', Werkstattgespräch mit Alfred Gulden,
Programmheft zur Uraufführung, Saarländisches Staatstheater, Saarbrücken 2005



"... als (...) Beispiel für das breite Spektrum an Inszenierungsstilen im Schauspiel des Saarländischen Staatstheaters seien die am verstörendsten die Erwartungen ans Sprechtheater durchkreuzenden Arbeiten des Film- und Theaterregisseurs Urs Odermatt erwähnt. Seine Uraufführungen von Rolf Kemnitzers Die Bauchgeburt und Alfred Guldens Groteske Dieses. Kleine. Land. konfrontieren den Zuschauer mit einer Überfülle der sprachlichen und körperlich-gestischen Zeichen. Informations- und Impuls-Überfülle verweisen durch die filmschnittartige Videoclipästhetik auf das Ausschnitthafte unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit und den Charakter des Sinnzusammenhangs als perspektivisches Konstrukt. Der Zuschauer muß seine kontemplative Haltung gegenüber dem Dargestellten ganz aufgeben und bewußt selektiv wahrnehmen. Die Grenze zum Nicht-semantisch-Faßbaren wird bei dieser Darstellungsform überschritten: Energetik tritt dort an die Stelle von "Sinn", wo der Abgrund der Kommunikationslosigkeit und die Pervertierung von Sinnfragen zu reinen Machtfragen im Zuschauer evoziert werden soll. Odermatts Theater der rhythmisierten, verfremdeten, chorischen Stimmen und der expressiven Körperlichkeit versucht mit dem zu konfrontieren, was man auf der Oberfläche des medialen Theaters nicht sieht."
Aus: Michael Birkner: Nur keine Komplexe - 15 Jahre Theater für das Saarland, Texte, Bilder, Daten zur Intendanz
von Kurt-Josef Schildknecht, Gollenstein Verlag, Blieskastel 2005, ISBN 3-938823-07-0