Die Sehnsucht ist uns Menschen wahrscheinlich das Menschlichste, weil wir das  nicht festgestellte Tier oder das Mängelwesen schlechthin oder das Wesen, das erst werden muß, sind. Dieser Anlage zum Offenen entspricht das Spiel, das nicht mit dem Tod endet, sondern stets wieder von vorn beginnen kann. Beim Spielen; wollen wir auch Erfahrungen machen und Erkenntnisse gewinnen, um einen Antrieb nach vorn zu bekommen. Und so tragen wir unsere Sehnsüchte auch immer wieder dorthin, wo auf Brettern gespielt wird - und werden beglückt oder enttäuscht. Bei Alfred Gulden Stück: Dieses. Kleine. Land., das in diesem Monat zum 17. und letzten Mal in der Alten Feuerwache gespielt wird, gab es beides, Bravos und Buhs, auch viel Verstörung, die man nachvollziehen kann, wenn man bedenkt, daß wir Spiele auch sehr stark kognitiv wahrnehmen und sehr gern auch als Sinnvolles oder gar -ganzes auffassen wollen. Ungewöhnlich an diesem grotesken Schauspiel in der Inszenierung von Urs Odermatt sind daher das konsequent musikalisch-chorische Inszenierungsprinzip sowie der Happeningcharakter der Vorgänge auf der Bühne ohne vierte Wand. Beides ist vom Stück her motiviert - von der Musikalität, der Sprache der Vorlage und durch eine Gruppe von Aktivisten im Zentrum der Handlung, in deren Tun Sinnfragen vollständig zu Machtangelegenheiten pervertiert sind. Die Groteske versucht hier, an das Gewaltsame und Zwanghafte im Politischen heranzukommen  und es durch scharfe Überspitzung manifest werden zu lassen, es erlebbar zu machen. Rhythmisierte Stimmen und Körperlichkeit sind Mittel in der Aktionskunst, auch mit dem zu konfrontieren, was man auf der Oberfläche des politischen Theaters draußen oder in den Medien nicht sieht und vielleicht auch nicht sehen will. Die Inszenierung hat in ihren stärksten Momenten dadurch etwas Unverdauliches, das man nicht zurückübersetzen kann in die Sprache des politischen Diskurses, das vielleicht nicht einmal semantisierbar ist und einen Moment des Schreckens hervorruft - einen Abgrund aufreißt. Aber während die Aktionisten im Stück in diesem verschwinden, gehen wir am Ende ja wieder nach Hause, und ein neues Spiel kann beginnen.
Michael Birkner: Am Rande, 'Theaterzeit.', Saarländisches Staatstheater, Saarbrücken, Januar 2006
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