I.
Felix
"Wie war der Tag?"
Sonja
"Tablettengruppe war. Supermarkt. Rumgelaufen. 'Hawaiiviertel', 'Kaufplantage', 'Bikinibar'. So ein Ouatsch."
Felix und Sonja sind ein Paar. Sie erwarten ein Baby als Bauchgeburt. Damit ist der natürliche Vorgang einer normalen Schwangerschaft gemeint. In jener Zeit aber haben sich die Vorzeichen ins Gegenteil verkehrt. Das Natürliche entwickelt bedrohliche Ausmaße, weil es sich jeglichem Kalkül entzieht. Sonja kämpft mit der Unsicherheit nicht zu wissen, was auf sie zukommen wird: "Ich merk was in meinem Bauch. Manchmal geht's durch den ganzen Körper spazieren. Wenn ich nur wüsst, ob's gutartig ist oder bös. Es ist so unbekannt."
II.
Felix ist derjenige, der sich darum bemüht, vergangenes Wissen zu rekonstruieren, vielleicht, um sich selbst zu einer Identität zu verhelfen. Er redet über den Prozess der Evolution: "Sonja! Sonja! Sonja! Die sucht ein Meer vielleicht. Dabei ist eins in ihr drin. Ich such oft ein Meer, wenn ich durch die Nacht spazier. Der Mensch kommt am dem Meer. Damals. Das waren Zeiten, am Meer. Das war ein andres Leben. Das sich versteckt, jetzt."
Felix will die bevorstehende Geburt live ins Netz stellen. Dies erweckt Begehrlichkeiten. Peter, Felix' Bruder erscheint, und will teilhaben am Vermarktungsprozess. Larissa, eine Figur wie Schneewittchen, erscheint und sucht den Kontakt zu Felix. Einige Chaner melden sich zu Wort: entweder wollen sie das Baby kaufen, mit einem Werbevertrag ausstatten oder in die Kindergartengruppe aufnehmen.
III.
Rolf Kemnitzers Stück Die Bauchgeburt spielt in der Zukunft. Es herrscht eine Endzeitstimmung, die Menschen werden beherrscht von rigiden Machtstrukturen. Es gibt Überwachungssysteme, Leute werden eingestellt und wieder gefeuert.
Die Medien spielen eine dominierende Rolle; gesellschaftliche Kommunikation findet fast ausschließlich über Internet und Monitor statt. Drogen betäuben. Spürbar ist die soziale Verkümmerung: Alle sind anwesend, aber mit sich beschäftigt. Das "Gemeinsame" ist Vorführung, ist Spiel.
Felix: "Man muss nichts sagen. Ich hab's ausprobiert, wo ich hier saß die ganze Zeit, da hab ich die ausprobiert, die ganze Sprache. Die spricht nicht. Jeder sitzt auf seinem eignen Planeten. Dazwischen der unendliche Raum. Den gibt's. Den hab ich erlebt in meinem Kopf."
Schließlich kommt das Baby zur Welt.
Holger Schröder: Melodie der Erinnerung, Gedanken über Rolf Kemnitzers Stück "Die Bauchgeburt", Programmheft zur Uraufführung, Saarländisches Staatstheater, Saarbrücken 2002.