André Ratti skizzierte zwei Jahre vor seinem Sterben an Aids die Idee, Markus Kutter (Miterfinder der einst kreativsten Werbeagentur) schrieb das Drehbuch, Urs Odermatt führte Regie: Der Tod zu Basel, er holt sich seine Leute mit einem Mal wieder so, dass Ratlosigkeit sich breitmacht. Namentlich die Pathologen wissen den Lebenden nicht mehr mit Ursache und Folge zu dienen. Ihr Befund: Kein Befund! Da fehlt dann die Beruhigung für die Bleibenden. Über diesem Abgrund versuchen sich die Bürger zu behaupten, und auf dieser Handlungsebene entwickelt sich die Geschichte, gelegentlich belebende Züge der Kriminalstory annehmend. Der alte Arzt (Dietmar Schönherr) setzt Basels historische Figuren des Totentanzes auf den Stadtplan, auf die Sterbeorte, und erkennt die einzige offenkundige Gesetzmässigkeit: die Parabel, die sich im Unendlichen verliert - und zwingend wiederkehren muss.

Das Studierzimmer stammt aus der Zeit grassierender Pestilenz, die Autos waren neu in den Baujahren der ersten Wasserstoffbomben, die TV-Direktübertragung vom Bett des Aidskranken ist von heute und morgen. Das Immerwährende des Totentanzes durchdringt die Zeit und die Handlungsebenen, macht folgerichtig auch nicht halt vor dem Schneidetisch, auf dem Der Tod zu Basel für die Zuschauer sichtbar montiert wird, der Tod Regieanweisung erhält, auf seinem (Basler) Piccolo Erik Satie zu spielen. Der Reigen wird nicht aufgelöst, denn die Geschichte ist kein Märchen, sie ist vielmehr dem Leben und dem Tod abgeschaut, vielschichtig ist sie, mystisch und wundervoll unzeitgeistig. Ein Fanal aus den depressiven Niederungen der oberrheinischen Tiefebene, doch frei von Tranigkeit und Psychomuff, dank der (deutschen) Schauspieler von neuer schweizerischer Qualität und ohne falsche Langsamkeit.
Morpheus: Ohne Tranigkeit und Psychomuff, Die Weltwoche, 30. Januar 1992.



In einem Tramwagen der Basler Verkehrsbetriebe bleibt an der Endstation eine Frau einfach sitzen: Sie ist tot. Auf einer Bank in einer öffentlichen Parkanlage ergeht es wenig später einem Stadtstreicher nicht besser. Dann ereilt den ehemaligen Polizeidirektor das gleiche Schicksal. Schliesslich erwischt es ein kleines Mädchen: Die Menschen in Urs Odermatts Fernsehfilm Der Tod zu Basel sterben ohne ersichtlichen Grund. Der Gerichtsmediziner Huber (Siegfried Kernen) stellt jedesmal fest: "Todesursache unbekannt." Sein Chef, Professor Rüegg von der Pathologie (Nicolas Lansky), ist erbost - weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Die Presse bauscht die Fälle auf, die Politiker suchen nach Ausreden.

Professor Rüeggs Assistent Andreas Zinstag (Stephan Walz) wohnt bei seinem Onkel, dem pensionierten Arzt Jean-Jacques Zinstag (Dietmar Schönherr), der sich schon immer für alternative Denkmodelle interessiert hat. So sucht er auch jetzt nach einem geistigen Hintergrund der Ereignisse. Es zeigen sich Entsprechungen zwischen den Opfern und den Figuren des berühmten Basler "Totentanzes". Darüber hinaus entdeckt Zinstag: Die mysteriösen Todesfälle liegen geographisch auf einer Spirale, deren Ende sein eigenes Haus ist. Als der Tod (Ueli Jäggi) dann eines Tages tatsächlich bei ihm anklopft, ist er vorbereitet.

Die episodenhaft aufbereitete und mit Krimielementen durchsetzte Fantasy-Geschichte spielt auf der Ebene eines Films im Film. Dieser Film wird vom Journalisten André (Günter Lamprecht) gedreht, während sich Basel auf seine Fasnacht vorbereitet. Andrés Lebensgefährte Harry (Ueli Jäggi), ein Schauspieler und Musiker, spielt im Film die Figur des Todes. Doch auch andere Figuren des Films im Film treten auf der "realen" Ebene in Erscheinung: So erweist sich Professor Rüegg als einer jener sturen Schulmediziner, die ihre Patienten nur als klinische Fälle betrachten. Und Andreas Zinstag ist ein Assistenzarzt, der nach einer medizinischen Untersuchung André mitteilen muss, dass dieser an Aids sterben wird. Damit kommt auf beklemmende Weise eine dritte Ebene ins Spiel, die mit der Entstehungsgeschichte des Films zusammenhängt. Ältere Kenner der Medienszene werden im Journalisten André unschwer André Ratti, den seinerzeitigen Leiter des DRS-Wissenschaftsmagazins "Menschen Technik Wissenschaft" erkennen. Rattis schockierendes Selbstbekenntnis vor laufender Kamera, er sei homosexuell und habe Aids, wird vom Journalisten André im Film wiederholt. Mit Günter Lamprecht wurde wohl einer der wenigen Schauspieler gefunden, die durch ihre überzeugende Ausstrahlung in der Lage sind, Rattis Worte ohne jegliche Peinlichkeit auszusprechen.

Dass Rattis tragisches Schicksal überhaupt in diese filmische Totentanz-Beschwörung hineinverwoben wurde, hat seinen guten Grund: André Ratti war es nämlich, der als erster die Idee zu einem Film hatte, in dem das mittelalterliche Totentanz-Motiv in die Gegenwart verlegt wird. Ratti wohnte damals in einer Wohnung am Rhein gegenüber dem ursprünglichen Standort des "Totentanzes", "den Totentanz im Rücken und die Chemie im Visier", wie Markus Kutter es formuliert, der vom damaligen "MTW"-Redaktor gebeten wurde, ein Drehbuch zu diesem Thema zu schreiben. Es entstand eine erste Drehbuchfassung, mit der der Autor nicht zufrieden war. "Dann erkrankte André Ratti an Aids und starb", erinnert sich Markus Kutter. "Der Film war unmöglich geworden. Bis ich im Gespräch mit Dramatik-Chef Martin Hennig begriff, dass der Stoff unterdessen noch eine ganz andere Dimension bekommen hatte: Ein Mann der Medien entwirft einen Film über den Tod zu Basel - und wird von seiner Geschichte selbst eingeholt."

Dass Der Tod zu Basel, wie er nun vorliegt, nicht nur düstere, sondern auch ausgesprochen skurrile und groteske Elemente enthält, ist durchaus im Sinne des verstorbenen André Ratti - und des jungen Schweizers Urs Odermatt, dem es vortrefflich gelang, die verschiedenen Handlungsebenen und Motive miteinander zu einer ebenso beklemmenden wie sarkastisch-heiteren Bilderfolge zu verschmelzen. "Man muss sich über den Tod auch lustig machen können", sagt Odermatt, der seinerzeit schon in seinem Spielfilm Gekauftes Glück bewies, wie gut er tragische Motive mit schwarzem Humor aufzulockern versteht.
Gerhart Waeger: Ein Totentanz in Krimimanier, TR7, Zürich, 4/1992.



Unter den Journalisten des Schweizer Fernsehens DRS war André Ratti (1935-1986) der philosophische Kopf. Der gebürtige Basler, der eine Lehre als Buchhändler absolviert hatte, war ein begieriger Leser, und über alles liebte er die Debatte. Sein Denkvermögen war scharf, und wenn er formulierte, was er auf eine virtuose Art konnte, kam es immer wieder zur Provokation. Nicht so sehr darum, weil er auf die Pointe setzte - so herauszufordern erschien ihm zu kostenlos -, sondern aus dem Grunde, dass er sich weigerte, das Leben, das eigene sowohl wie das gesellschaftliche, zu harmonisieren. Niemand wird je seinen Auftritt vergessen, als er, eben Präsident der Aids-Hilfe Schweiz geworden, sich öffentlich zu seiner Krankheit bekannte.

Da André Ratti, publizistisch am Bildschirm, aber auch schreibend, einer war, der nicht verdrängte, war er auch nicht versucht, den Tod zu tabuisieren. War für ihn der Tod auch nicht die Quelle der Frömmigkeit, die Erfahrung von dessen ständiger Gegenwärtigkeit jedenfalls war der Ursprung seines Nachdenkens. Das machte ihn zu einem Unbequemen, wie er denn das Bequeme auf keinen Fall liebte. Basel dünkte ihn wie keine andere Stadt unseres Landes der Ort zu sein, an dem manifest geworden ist, dass der Gedanke an den Tod dabei hilft, das Leben zu erringen.

Der Totentanz, so sinnierte André Ratti, hat in Basel eine kulturelle Tradition, und zwar nicht einzig in der klassischen Gestaltung des Themas in Hans Holbeins Holzschnitten. Entschieden stärker in das öffentliche Bewusstsein eingewirkt hat die Darstellung des Todes von Basel auf der Kirchhofsmauer des Dominikanerklosters, die berühmteste, wenn auch nur mehr in Kopien erhaltene Darstellung auf deutschem Sprachgebiet. Es war keineswegs eine apokalyptische Neigung, die André Ratti auf die Idee brachte, das so vertraute Thema des Totentanzes in einem Film, der den Charakter eines Reigens haben sollte, neu aufzunehmen. Markus Kutter, den er zum Schreiben eines Drehbuches animierte, muss übereinstimmend mit ihm den Antrieb verspürt haben, das Thema dem in unserer Konsumwelt wuchernd sich ausbreitenden Tabu zu entreissen zu versuchen.

Als André Ratti starb, erwies sich die weitere Arbeit an diesem Drehbuch als unmöglich. Jahre der Distanz mussten dahingehen, bevor der Autor wahrnehmen konnte, dass genau dieser eine Tod, und die erschütternde Offenheit, wie André Ratti in dessen Erwartung gehandelt hatte, der Darstellung des Themas den eigentlichen dramaturgischen Halt zu geben imstande war. So führte er ins Drehbuch jene Figur ein, welche nun die zentrale Figur des Films ist, einen Filmemacher, der einen Film dreht, dessen Geschichte von rätselhaftem Sterben, das sich die Ärzte und die Behörden nicht erklären können, handelt. Dieser Filmemacher, an Aids erkrankt, macht, wie das André Ratti selber getan hat, sein eigenes Sterben öffentlich.

Sowenig wie die Totentänze des Mittelalters, sofern sie dramatisiert worden waren, geistliche Schauspiele waren, und sowenig die graphischen Darstellungen des Totentanzes eine kirchliche Angelegenheit gewesen sind, tauchen nun auch hier kirchlich-religiöse Überlegungen auf: der Sinn, den der zum Sterben verdammte Filmemacher seinem eigenen Tod zu geben versucht, ist denn auch die Warnung an die Gesunden, sich der Wirklichkeit zu stellen, sich nicht in die Verdrängung davonzustehlen, nicht gottergeben abzuwarten.

Der Film, unter dem Titel Der Tod zu Basel zustande gekommen, ist von Urs Odermatt realisiert worden. Die Wahl dieses Regisseurs überrascht, kennt man von ihm bisher doch eher Derbes (wie Gekauftes Glück). Dass offensichtlich auch eine andere Möglichkeit in ihm lebendig ist, bringt er nun an den Tag. Obgleich man zuweilen doch wieder mit szenischen Augenblicken konfrontiert wird, in denen ein Anflug von blossem Narrenspiel spürbar wird. Das Thema allerdings bestimmt die Düsternis der Atmosphäre, die, dank vielem Nachtdunkel, stilistisch durchgehalten ist.

Die Form des Reigens, angelegt um die zentrale Figur des Filmemachers und dessen Arbeit am Montagetisch, lässt sich erspüren. Doch wird sie immer wieder aufgehoben, weil eben nicht der Tod den Rundgang bestimmt, auch wenn er personifiziert, als schwarz vermummter Edelmann, auftritt. Es ist dieser Bruch, der zwei Ebenen schafft, welcher der Aufmerksamkeit zuweilen zuwider wirkt. Doch gebannt wird sie durch den Anspruch, den die Darsteller, allen voran Günter Lamprecht in der Rolle des Filmemachers, stellen. Hier gewinnt der Film eine Intensität, die er von Bild und Montage her sonst nicht durchgehend besitzt.
ms. (Martin Schlappner): Blick auf den Bildschirm - 'Der Tod zu Basel', Neue Zürcher Zeitung, 28. Januar 1992.



Fernsehmoderator André Ratti ("Menschen, Technik, Wissenschaft") hatte die Idee, einen Film über den Tod zu Basel zu machen. Markus Kutter sollte das Drehbuch schreiben. Ratti erkrankte an Aids, starb im Oktober 1986. Die erste Drehbuchfassung (1983/84) blieb liegen. Erst 1989 griff Kutter den Stoff wieder auf, Schweizer Fernsehen und WDR machten mit, und der Nidwaldner Urs Odermatt inszenierte den dämonischen Tanz um Leben und Tod 1990.

Eine Todesseuche grassiert in Basel. Der Tod schlägt unerwartet zu, plötzlich wie aus heiterem Himmel, ohne Vorwarnung, unerbittlich, endgültig. Mediziner, Wissenschafter, Politiker und Industrielle (Chemie) finden keine Erklärung, keinen Bazillus, keine klinische Ursache. Das Herz steht still. Exitus. Es wird gar erwogen - wie weiland während des Golfkriegs -, auf die Basler Fasnacht zu verzichten. Es gibt kein Entrinnen.


Tödliches Rätsel

Die Ursachenforscher - der Gerichtsmedizinier Huber (Siegfried Kernen), Kantonsarzt Zäslin (Hans-Michael Rehberg), Professor Rüegg (Nicolas Lansky) und sein Assistent Andreas (Stephan Walz) - stehen einem tödlichen Rätsel gegenüber. Einer hat die richtige Spur aufgenommen, Jean-Jacques Zinstag (Dietmar Schönherr), Arzt im Ruhestand. "Das Leben hört auf. Die Leute sterben am Tod", sagt er. Keine schleichende Krankheit, keine inneren oder äusseren Verletzungen, der Sensemann höchstpersönlich ist der Verursacher, derjenige, der die Menschen nach seinen eigenen Regeln abberuft. Zinstag entdeckt auch innere Verbindungen zwischen den rätselhaften Todesfällen. "Sie sterben in aller Öffentlichkeit", und die Todesspirale (auf dem alten, mittelalterlichen Stadtplan) führt zu seinem Haus. Zinstag fängt den Tod (Ueli Jäggi) vor seiner Haustür ab, verleitet ihn zu einem Gläschen Branntwein und schlägt ihm ein Schnippchen, denn er ist nicht allein im Haus, schützt seinen Neffen Andreas, den Jungmediziner...

Diese filmische Parabel ist eingebunden in eine Rahmenhandlung. Wir erleben den Filmer André (Günter Lamprecht) auf dem Set, am Schneidetisch und im Spital. Der Mann, der seinen Lebensgefährten Harry (Ueli Jäggi), Schauspieler und Musiker, überredet, den Sensemann zu spielen, erfährt, dass er an Aids erkrankt ist und übergibt Harry den unfertigen Film. André, der Regisseur, der seine Krankheit publik macht, ist André Ratti. In ihm verknüpfen und vereinen sich Wirklichkeit und Fiktion. Das filmische Spiel vom mysteriösen Todesreigen am Rheinknie wird merkwürdig real, die Parabel vom Tod, der die Menschen persönlich aufsucht, tritt aus den Filmkulissen, von der Tür Zinstags ans Krankenbett Andres. Der Aidskranke findet sich wieder beim Fährmann, der den Styx überquert und zur Toteninsel (das Bild von Böcklin hängt in Basel) ansteuert. Filmfiguren wechseln sozusagen die Seiten, treten ins (Fernseh-)Leben Andrés. Die Grenzen werden fliessend, für den Zuschauer machmal schwer durchschaubar.

Der deutsche Spitzenschauspieler Günter Lamprecht (Berlin Alexanderplatz) bietet eine überzeugende Probe seiner mimischen Kraft. Überhaupt besticht die Verfilmung Der Tod zu Basel vom Nidwaldner Urs Odermatt (Gekauftes Glück) durch seine vortreffliche Besetzung. Nachwuchsschauspielerin Marie-Thérèse Mäder, die eine eher undankbare Rolle als sexy Krankenschwester Gabi zu bewältigen hat, zeigt, was sie hat und an der Schauspielakademie gelernt hat. Szenenkenner werden den alten Radiohasen Christoph Schwegler am Mikrophon wiedererkennen oder den Humoristen Viktor Giacobbo als Polizisten.


Moderner "danse macabre"

Der Film, mit einem Budget von etwa 1,4 Millionen Franken in Coproduktion mit dem WDR hergestellt, fordert das Femsehpublikum, er öffnet sich und verschliesst sich. Der Film pendelt, schlägt feine ironische Töne an, macht aber auch vor Klischees nicht halt. Er wird todernst, makaber, aber auch grotesk und burlesk. Der paffende Pathologe Rüegg und das Sexbömbchen in Schwesternkluft, Gabi, die sich mehr naiv als leidenschaftlich dem Herrn im weissen Kittel hingibt, sind Karikaturen, die kaum überzeugen als Figuren.

Der Tod zu Basel entpuppt sich als moderner "danse macabre" und reisst Themen an, die uns berühren, bewegen, auch wenn wir sie am liebsten verdrängen. Der Tod ist allgegenwärtig, Umweltkatastrophen, Aids und Krebs, Unfälle, Drogen. Der Tod holt das Leben ein, zeigt seine Fratze (im Film kommt er freilich als höflicher Mann in Schwarz daher), macht seinen Job. Schauplatz ist Basel, aber die Geschichte könnte auch anderswo spielen. Dass Basel freilich als Chemiemetropole mehrheitlich nur idyllische Kulisse bietet, ist ein Manko. Die Chemiewerke stehen nur am Rande, sind nicht mehr als ein (drohendes?) Fragezeichen. Hier hätten sich sicher auch andere Interpretations- und Darstellungsmöglichkeiten geboten...
rbr. (Rolf Breiner): Ein moderner Totentanz am Rheinknie, Luzerner Zeitung, 24. Januar 1992.



Unerklärliche Todesfälle schockieren im TV-Film Der Tod zu Basel die Bevölkerung: Günter Lamprecht spielt einen Journalisten, der selber vom Tod eingeholt wird. Das Drehbuch zu diesem anspruchsvollen Film schrieb Markus Kutter nach einer Original-Idee von André Ratti.

Ein Halstuch umgebunden, müde und schwitzend, sitzt André (Günter Lamprecht) am privaten Schneidetisch. Er sieht sich Szenen aus seinem Spielfilm an, in dem mysteriöse Todesfälle die Stadt Basel aufschrecken. Doch André ist selber krank. Die böse Erkältung entpuppt sich als eine Vorstufe zu Aids...

In doppelter Brechung befasst sich Der Tod zu Basel mit einem der letzten Tabus unserer modernen Gesellschaft, mit dem Tod. Vor etwa fünf Jahren hatte der TV-Mann André Ratti die Idee zu einer modernen Totentanzgeschichte. Der Basler Publizist und Drehbuchautor Markus Kutter: "Dann erkrankte André an Aids und starb. Der Film war unmöglich geworden. Bis ich begriff, dass der Stoff unterdessen noch eine ganz andere Dimension bekommen hatte: Ein Mann der Medien entwirft einen Film über den Tod zu Basel und wird von seiner Geschichte selbst eingeholt." In der Tradition des Totentanzes, der ja auch ein skurriler "Danse macabre" sein kann, schrieb Kutter darauf das Drehbuch um. Für die Inszenierung konnte - nachdem etliche abgelehnt hatten - der junge Schweizer Erfolgsregisseur Urs Odermatt (Gekauftes Glück) verpflichtet werden.


Narrenspiel

Und so tanzt denn der Tod persönlich (Ueli Jäggi) über den Basler Stadtplan und schlägt nach einem alten Vers "König, Kaiser, Edelmann" und alle ändern Stände auch. Nur einer erkennt dieses tragische Narrenspiel: Ein alter, verschrobener Professor (Dietmar Schönherr), der das Spiel annimmt... Nicht vergebens gibt es in der Humanisten- und Chemiestadt Basel einen Platz, der Totentanz heisst.

Auch in künstlerischer Form ist das Thema "Tod" in Basel immer wieder verarbeitet worden. In kunstvoll-moderner Art und Weise geschieht das jetzt in diesem TV-Film: Weil es zwei auch stilistisch höchst unterschiedliche Spielebenen gibt, kommentiert sich jede Figur selber. Die Fabel wird an der Wirklichkeit gemessen...

Die qualitativ hervorragende und aufwendige TV-Produktion zielt trotz populärer Schauspieler auf ein Publikum, das nachdenkt. Eine rechte Knacknuss für TV-Dramatikchef Martin Hennig, der eine so teure Produktion nicht auf einen Sendetermin am spätem Abend setzen kann. Hennig hofft, dass die Einschaltquoten trotz des anspruchsvollen Stoffes und der formal hohen Ansprüche annehmbar sein wird.

So oder so: Vorläufig ist Der Tod zu Basel die letzte grosse Einzelproduktion der TV-Dramatik. Serien haben künftig Vorrang. Wären in den letzten Jahren alle eigenproduzierten TV-Filme von der Qualität dieses Odermatt-Werks gewesen: Die Hinwendung zu Serien müsste noch mehr bedauert werden.
Peter A. Kaufmann: Makabrer Totentanz auf dem Basler Stadtplan, Oltner Tagblatt, 26. Januar 1992.



Die Weltwoche, Zürich, 30.1.1992.

Martin Schlappner, Neue Zürcher Zeitung, 28.1.1992.

Ursula Ganz-Blättler, Luzerner Zeitung, 28.1.1992.

Chandra Kurt, Aargauer Volksblatt, Baden, 24.1.1992.

Rolf Breiner, Luzerner Zeitung, 24.1.1992.

rbr., Luzerner Zeitung, 24.1.1992.
Schweizer Illustrierte, 14/1990.
Schweizer Illustrierte, 49/1989.
Im Betrieb (der Volksdruckerei, wo auch die Basler AZ produziert wird) selber war kaum etwas von der Arbeit des Fernsehens zu merken. Die Aufnahmen wurden nämlich nicht in der Druckerei gemacht, sondern in den Büros, die das Fernsehen schon seit Wochen gemietet hatte und die jetzt schlicht  zur Kulisse einer Filmszene umfunktioniert worden waren. BIoss die männliche Gipsfigur, die eines Tages plötzlich im Treppenhaus stand ("Ich bin schön erschrocken, als ich ihr beim Nachtdienst plötzlich gegenüberstand", gestand AZ-Redaktorin Annelise Kienle) und die offenen Türen und Fenster machten darauf aufmerksam, dass hier etwas los ist. Zum Glück herrschte draussen nicht eisige Kälte, waren alle im Hause froh, denn der Kabelsalat verhinderte das Schliessen von Fenstern und Türen. Die Tür zum Hausgang musste zudem offen bleiben, weil im Gang noch Beleuchtungshilfen eingerichtet waren - man musste also auch dort noch aufpassen, dass man nichts verstellte, sonst hätte die ganze ausgeklügelte Beleuchtung nicht mehr gestimmt.

Ich staunte nicht schlecht, mit welch primitiven Mitteln bei solchen Aufnahmen gearbeitet wird. Zur Aufhellung des Lichtes zum Beispiel dienen billige weisse Styroporplatten, und wenn ein Stuhl nicht ins Bild kommt, genügt der simpelste und unbequemste Hocker - es muss ja tatsächlich nicht immer das Teuerste und Beste sein. Was mich allerdings recht erstaunte und auch leicht betrübte, war der Umgang mit den Schauspielern. Nicht, dass sie etwa schlecht behandelt worden wären, ganz im Gegenteil, der Umgangston war ausgesprochen freundlich und zuvorkommend. Aber dass man Hilde Ziegler, die immerhin eine der Hauptrollen spielt, um Stunden zu früh an den Drehort bestellt und ihr dann nicht einmal einen Raum zur Verfügung stellt, in dem sie sich entspannen kann, sondern sie während der Einrichtungsphase wie eine Ware hin und her schiebt, weil sie prompt immer am falschen Ort sitzt, ist doch etwas despektierlich. Die Schauspielerin selber nahm es allerdings mit Humor - es war nämlich ihr letzter Drehtag, und sie schwelgte in Vorfreude auf Wien, wohin sie zur Première ihres Mannes Adolf Spalinger am nächsten Tag fuhr.

Wenn man sich Reportagen von Filmaufnahmen anschaut, wird immer wieder festgehalten, wie oft eine Szene geprobt wird. Von bis zu zwanzig und mehr Aufnahmen kann man da hören - für Der Tod zu Basel waren es, jedenfalls während unserer Anwesenheit, wesentlich weniger, obwohl Sekunden vor der ersten Probe noch schnell der Text abgeändert wurde. Da merkt man halt schon, dass Profis am Werk sind und Regisseur Urs Odermatt genau weiss, was er von wem verlangen kann.

Dass ausgerechnet Basel die Kulisse zu diesem Film bildet ist von der Geschichte her gegeben: André Ratti, der sie sich ausgedacht hat, war Zeit seines Lebens von der Basler Totentanz-Vergangenheit fasziniert. Er hatte auch eine groteske Todesfabel als Spielfilm verfasst und inszeniert. Nach seinem Tod, er starb ja vor zweieinhalb Jahren an Aids, wird nun die nach seinen Ideen vom Basler Markus Kutter geschriebene Story verfilmt. Neben Hilde Ziegler spielen Günter Lamprecht, Wolfram Berger und Ueli Jäggi weitere Hauptrollen - man kann auf das Resultat sehr gespannt sein.
Susann Moser-Ehinger: Das Fernsehen als Gast in der Volksdruckerei, Basler AZ, 27. März 1990.
In Basel ereignen sich rätselhafte Todesfälle: Leute sterben aus heiterem Himmel, in aller Öffentlichkeit, ohne ersichtliche Ursache. Ärzte und Politiker sind ratlos. Das ist die Geschichte des Films Der Tod zu Basel. Das Schweizer Fernsehen hat ihn nach einer Idee des 1986 an Aids verstorbenen TV-Moderators André Ratti realisiert.

Der Basler Publizist Markus Kutter schrieb das Drehbuch zu dem Film (...). Kutter erinnert sich: "Vor einigen Jahren kam André Ratti mit einem faszinierenden Filmthema zu mir: Die Totentanzstadt Basel erlebt als Gegenwart, dass der Tod persönlich zurückkehrt. Dann erkrankte André an Aids und starb."

Der Film war unmöglich geworden. Bis Kutter im Gespräch mit TV-Dramatik-Chef Martin Hennig begriff, dass der Stoff eine ganz andere Dimension bekommen hatte: "Ein Mann der Medien entwirft einen Film über den Tod zu Basel und wird von seiner Geschichte selbst eingeholt."

So wurde das Schicksal des Baslers André Ratti, der eine Geschichte über den Tod erdachte, ohne zu ahnen, dass er den Tod bereits in sich trug, in den Film hineingewoben. Mit dem Bekenntnis "Ich heisse André Ratti, ich bin 50, homosexuell, und ich habe Aids" hatte der Moderator von TV-Wissenschaftssendungen im Herbst 1985 die Fernsehzuschauer erschüttert.

Urs Odermatt und Michel Bodmer haben den Stoff fürs Fernsehen bearbeitet. Regisseur Odermatt (Gekauftes Glück) ist es gelungen, aus dem Tod zu Basel einen anspruchsvollen und über weite Strecken fesselnden Film zu machen.

André Ratti wird von Günter Lamprecht gespielt, einem der besten Schauspieler deutscher Zunge. Ein weiterer prominenter Darsteller im Tod zu Basel ist Dietmar Schönherr.

Einen starken Eindruck hinterlassen auch Ueli Jäggi, Hilde Ziegler und Siegfried Kernen. Eine Augenweide ist die vielversprechende Nachwuchsschauspielerin Marie-Thérèse Mäder, im Privatleben die Freundin von Regisseur Urs Odermatt.
René Hildbrand: Rattis langsamer Tod jetzt als TV-Film, Blick, Zürich, 13.Januar 1992.
In Urs Odermatts, 37, neustem Film Der Tod zu Basel ist Marie-Thérèse Mäder, 23, in einer heissen Bettszene zu bewundern. Doch das stört die frischgebackene Absolventin der Schauspiel-Akademie nicht: "Das gehört doch zum Beruf." Ihre wichtigste Rolle spielt sie sowieso im Privatleben von Regisseur Urs.
Muse und Denker, Schweizer Illustrierte, Zürich, 4/1992.