In Basel sterben grundlos Leute. Ohne ersichtliche Todesursache, für die Gerichtsmediziner und die Politiker ein Rätsel, für die Presse ein gefundenes Fressen. Ein älterer Arzt, Doktor Zinstag, stellt fest, dass die scheinbar zusammenhanglosen Todesfälle doch durch eine Gesetzmässigkeit verbunden sind: Die Häuser der Verstorbenen bilden auf dem Stadtplan eine Spirale, deren Endpunkt Zinstags Haus bildet. Zinstag kommt zum Schluss, dass die Opfer nicht an einer Krankheit, sondern am Tod selbst sterben: Ein neuer Totentanz in Basel.
Diese makabre Geschichte hat sich der Basler Journalist André ausgedacht, der fasziniert ist von der Totentanz-Obsession seiner Stadt. Er entwickelt seine Idee in einem Spielfilm. Bald aber lassen sich Fiktion und Realität nicht mehr richtig trennen. André erfährt von seiner Figur Zinstag, dass er an Aids sterben wird. Er beschliesst, sich dem Tod nicht widerstandslos zu ergeben und seinem Leben noch einen Sinn abzuringen. Der fiktionale Doktor Zinstag seinerseits erkennt, dass dem neuen Totentanz nur Einhalt zu gebieten ist, wenn sich nicht alle vom Tod mitreissen lassen und irgendeiner den Spiess umdreht...
Oberhalb der Abdankungshallen steht auf dem Friedhof Hörnli in Basel bei Riehen eine Gruppe von gegen hundert Trauergästen um ein frisches Grab, darunter auch eine ganze Vereinsmusik in hellblauen Uniformen. Die Leute harren seit zwei Stunden frierend an ihren Plätzen aus und lauschen immer wieder von neuem der Grabrede des weisshaarigen Pfarrers, während sich die Fahnen der Vereinsvertreter leise im Wind bewegen. Die Trauerschar wird noch weiter zwei Stunden, bis etwas über zwölf Uhr mittags an diesem bedeckten Samstagmorgen, in der Kälte stehen, immer wieder die Hüte abnehmen und eben erst angezündete Zigaretten wegwerfen. Der Verstorbene wird ihnen dafür nicht speziell dankbar sein. Er hat nämlich gar nie gelebt: Die am vergangenen Samstag auf dem Hörnli beobachtete Szene ist Teil der Dreharbeiten zum Spielfilm Der Tod zu Basel, den eine Equipe des Schweizer Fernsehens unter der Regie von Urs Odermatt (Gekauftes Glück) während der nächsten sieben bis acht Wochen in Basel dreht. Und die eingangs geschilderte Geschichte ist die Geschichte des Spielfilms, das heisst: beim Film des Journalisten André handelt es sich um einen Film im Film. Hauptdarsteller sind Günter Lamprecht (André), Wolfram Berger, Hilde Ziegler und Ueli Jäggi. Produziert wird der Film von der Abteilung Dramaturgie des Schweizer Fernsehens.
Geschäftig eilt der Regisseur Urs Odermatt (Gekauftes Glück) auf dem "Set", dem Drehplatz, umher. Er gibt hier einem Hauptdarsteller noch einen Hinweis, formiert dort eine Gruppe der frierenden Statisten um und spricht immer wieder per Funk mit seinen beiden Regieassistenten. In Jeans und Jacke kaum weiter auffällig, kennzeichnet ihn nur der Bügel über der Dächlikappe als wichtige Person: Daran sind ein Kopfhörer und ein Mikrofon befestigt. Ohne lautes Gebrüll können die mit Walky-Talkies ausgerüsteten Equipenmitglieder so ständig mit dem Regisseur sprechen.
Die erste Einstellung der Grabszene ist "gestorben". Fünfmal muss der Pfarrer seine Ansprache halten, während die Hauptdarsteller aus der Trauergesellschaft einige Schritte beiseite treten, gefolgt von der auf Schienen laufenden Kamera. Klebstreifen an den Rädern des Schienenwagens und an den Schienen zeigen dem Schiebemann jeweils, wie weit er den Kamerawagen bewegen muss. Odermatt glaubt, dass "die Erste und die Dritte in Frage kommen", das heisst, dass die Einstellung in zwei brauchbaren Versionen vorliegt. Für die vielleicht fünfzehn Sekunden Film müssen die Statisten lange ausharren. "Da kann man sich ja den Tod holen!" tönt's irgendwo... Zum Glück nicht den Tod, aber immerhin einen Schwächeanfall erleidet einer der Musiker. Die Garderobiere wird sich um ihn kümmern, während die Umbauarbeiten für die nächste Einstellung der gleichen Szene über die Bühne - oder hier eben über den Vorplatz zu den Gräberfeldern - gehen. Da sitzt jeder Handgriff. Innerhalb von Minuten sind die fünf Meter Schienen abgebaut, die Kamera neu plaziert, sind die Tonkabel umgelegt und die Scheinwerfer in der Höhe richtig eingestellt. Aus dem Requisitencar des Fernsehens (mindestens sechs SRG-Fahrzeuge stehen herum, davon zwei grosse Techniklastwagen) muss ein neuer Telephonhörer geholt und mit einem Attrappenkabel versehen werden, weil in der Telephonkabine, in welcher der Schauspieler Wolfram Berger im Vordergrund ein Gespräch führen muss, einer der modernen Hörer installiert ist. Ein moderner Hörer, das geht natürlich nicht. Denn der fiktionale Teil der Handlung spielt - den Kostümen und Autos nach zu schliessen - irgendwann in den dreissiger Jahren. A propos Autos: Aus der ganzen Schweiz hat man eigens für diesen Zweck einige Oldtimer-Jaguar herbeigefahren. Auch sie werden jetzt für die zweite Einstellung extra umparkiert, damit sie besser ins Bild passen. Die Kamera steht jetzt neben der besagten Telephonkabine, welche vom vorherigen Standpunkt aus gerade noch im Hintergrund sichtbar war - so dass der Schauspieler, welcher den Anruf tätigen soll, gesehen werden konnte. Vom neuen Standpunkt aus soll die gleiche Szene umgekehrt gefilmt werden: Die Kabine steht im Vordergrund, die Protagonisten lösen sich im Hintergrund aus der Trauerschar und gehen auf die Kamera zu. Vor der Telephonkabine steht eine alte Vespa mit Seitenwagen, offensichtlich von der "Ausstattung" liebevoll mit künstlichem Staub und Dreck verschmiert. Mit dem Ding soll der Telephonbenutzer herbeigefahren sein. Im nächsten Bildausschnitt wird nur der Lenker des Fahrzeugs sichtbar sein; damit die Wirkung dennoch nicht verloren geht, wird der Rückspiegel so total verstellt, dass darin Wolfram Berger in der Kabine für die Kamera gespiegelt wird.
Ein erste "Trockenprobe" kann stattfinden. Irgend jemand stellt dabei fest, dass Berger, der sich eine dunkle Zigarette anzünden wird, bis jetzt ohne, nun aber plötzlich mit Filter raucht... Die Mundstücke werden abgerissen. Regisseur Odermatt findet, dass die Gruppe nach dem Weggang aus der Trauergemeinde einen Dialog führen soll. Während der zweiten Trockenprobe taucht der Tonmeister hinter einem Bus hervor: "Ihr könnt doch nicht plötzlich einen Dialog einbauen, ohne dass ich etwas davon weiss!" Das Mikrofon muss umplaziert, die Kabel müssen unsichtbar verlegt werden. Dabei zeigt es sich, dass die "Katze", die Fellhülle um das hochempfindliche Gerät, die Windgeräusche auf der Tonspur verhindern soll, zu breit ist: Das Mikrofon ist in seinem Versteck hinter dem Baum sichtbar. Odermatt lässt bei dieser Gelegenheit noch ein Fahrverbot demontieren, das irgendwo im Hintergrund störend wirken könnte. Schliesslich kann gedreht werden. Auch für diese Einstellung braucht es vier Takes, bis Odermatt zufrieden ist. Immer wieder überqueren im Hintergrund Leute in allzufarbigen Kleidern den grossen Platz zwischen den Gebäuden; im Film würde dies wohl kaum auffallen, aber es störte doch die Komposition des Bildes. Was sich leider nicht abstimmen lässt, ist der Wind: Hatten die Fahnen am Grab bei der ersten Einstellung leise geweht, so flattern sie jetzt in die Bise. Das könnte aufmerksamen Zuschauern im Endprodukt auffallen, wenn die Aufnahmen hintereinandergeschnitten werden. Auf dem Set merkt's aber im Moment niemand.
Endlich ist auch diese Aufnahme im Kasten. Aus einem weiteren Winkel soll das Ende der Grabrede gefilmt werden, bei welchem der Photograph mit seinem antiquarischen Knipskasten und Trichterblitz ein Bild der Trauerfamilie schiessen soll. Nachdem auch hier innert Minuten alles eingerichtet ist und die Statisten wiedereinmal ihre angerauchten Zigaretten wegschmeissen müssen, stellt sich heraus, dass der Blitz der Kamera nicht funktionstüchtig ist. Der für die Statisten zuständige Regieassistent sagt dem keine zwanzig Meter entfernt stehenden Odermatt Bescheid. Der reagiert ungehalten: Man habe den Mann mit Blitz bestellt. "Die Ausstattung" will mit einem Elektronenblitz aushelfen, der ausserhalb des Kamerasichtfelds dem untauglichen Glühlampengerät im richtigen Moment zu Hilfe kommen soll. Odermatt schimpft: Das nützt nichts, denn am Nachmittag soll eine Grossaufnahme des Fotografen gemacht werden - dann muss der Blitz sein Licht aus eigener Kraft aussenden.
Ohne dass gedreht wurde, wird die Arbeit schliesslich zugunsten des Mittagessens für die halberfrorenen Statisten unterbrochen. Noch während sie alle erlöst dem Restaurant vor dem Hörnli-Haupteingang zustreben, beginnen die Bühnenbauer die Schienen für den Kamerarun für die Dreharbeiten am Nachmittag aufzubauen. Regisseur Odermatt fragt das Scriptgirl, ob die Positionen der Statisten mit der Polaroidkamera festgehalten worden seien: Am Nachmittag wird eine Anschlussszene gedreht, bei welcher alle sich wieder an der haargenau gleichen Stelle die Beine in den Leib stehen werden...
Peter Sennhauser: 'Der Tod zu Basel' tanzt auch auf dem Hörnli, Basellandschaftliche Zeitung, Liestal, 13. Februar 1990.