Es herrscht Krieg im Dorf. Von sexuellem Missbrauch ist die Rede. Die zugezogene Trix Brunner macht den Sportlehrer als Übeltäter aus. Und Trix' Tochter Saskia mutiert zur Hass-Maschine. Urs Odermatts Theatererstling Der böse Onkel raut das zähe Problemgenre mit viel Brit-Furor à la Ravenhill auf. Viel Klischees und kollektives Psychodrama: Doch in den besten Regie-Momenten zaubert Odermatt tieferlotendes Traumbilder-Theater in die Tonne.

Es gab eine Zeit, da das Thema sexueller Missbrauch richtig Mode wurde. Landauf, landab spielte man gutgemeinte Präventions-Stücke mit Titeln wie "Mein Körper gehört mir!". Und irgendwann, als auch noch das Vorarlberger Projekttheater die hinterste Provinz mit Stücken wie Vatertag problemversorgte, als auch noch die Gruppe Pur mit Kinder sind tabu aufsprang, flaute das Interesse auch wieder ab - so ist das leider im Zeitalter der medienbeeinflussten Massen und massenbeeinflussten Medien.


Blick ins Auge des Taifuns

Der böse Onkel, der Theatererstling des Drehbuchautors, Bühnen- und Filmregisseurs Urs Odermatt, hat mit derlei Political Correctness wenig am Hut. Im Gegenteil: Odermatts Stück blickt ins Auge des Taifuns und geht der "Faszination des Bösen" auf den Grund. Zunächst allerdings mit einer ganzen Reihe wohlfeiler Klischees. Klar, dass der mädchengrapschende Schwimmsportlehrer Armin Tom Jones' Sex Bomb grölt und Ausländer hasst. Klar doch, dass Trix, die Mutter der Armin-Schülerin Saskia, eine besserwisserische Alt-68erin ist. Ebenso naheliegend, dass der schwule Musiklehrer Dr. Jacobi x-beinig stottern, häufig seine Brille verlieren und sich am Ende erhängen muss.

Doch auf der Grundlage dieses eher schmalen Knallchargen-Plots entwickelt Odermatts Stück dann doch eine erstaunliche Breite, eine ungeahnte Tiefe, eine sogartige Rasanz. Sexueller Missbrauch von Abhängigen, so zeigt der Verlauf seines 120-Minuten-Dramas, ist nur eine Facette von vielen vernetzten Themen: Das Dorf als verschworene Gemeinschaft, der Aussenseiter als Sündenbock, der Kampf der Generationen - all das verknüpft der Autor zu einer ambitioniert gepatchworkten Zeitanalyse.

Wobei Odermatt als Regisseur dazu neigt, seinen realistisch grundierten, drehbuchartig gestrickten Bühnen-Plot per Inszenierung zu stilisieren, zu abstrahieren. Dorfladen, Kneipe, Gemeindehaus, Zeitungsredaktion - Bühnenbildner Dirk Seesemann beschränkt sich auf eine einzige Chiffre, ein Schwimmbad-Interieur.


Röhren-Auftritt

Und der Auftritt der Schauspieler durch Röhren ist mehr als ein Gag: Die Mimen purzeln wie Rohrpostsendungen auf die Bühne. Jeder Auftritt eine mehr oder weniger geglückte Rutschpartie. Jeder Auftritt eine kleine Menschen-Geburt. Ein tiefer, ungebremster Fall auf den harten Boden der Bühnen-Wirklichkeit.

Odermatts Regie und Seesemanns Ausstattung ermöglichen es, dass die Schauspieler recht frei-assoziativ mit dem Stoff umgehen können. Cornelia Hampens zugezogene Mutter Trix Brunner ist die beherzte Frau mit verwitterten Idealen, Michael Schernthaners Sportlehrer Armin der körperkultige Grossmaul-Narziss. Sabine Hollweck wertet ihre Schulamtsdirektorin als kämpferisch-leidende Dicke auf, und Felicitas Breest zeichnet Saskia als einsame Tochter einer sich selbst verwirklichenden Mutter Trix, als Wutmaschine, als Zombie-Girl, das in geistigen Amokläufen Kettensägen-Massaker und (gespenstisch aktuelle) Pumpgun-Salven zusammenphantasiert: "Abgefackelt. Abgeschlachtet", "Im Toaster geröstet", "Gevierteilt", "Binladenisiert, Gebusht, Geblairt, Geschrödert", "Hiroshima. Nagasaki".

Odermatt verunsichert scheinbar klare Pro-und-Contra-Positionen: Am Ende kapituliert Trix ("Ich komme nicht zurecht - ich brauche Hilfe") und legt einen Brand. Tochter Saskia, so deckt der Epilog auf, war als einzige Schülerin selbst kein Opfer des bösen Onkels. Und das Sportlehrer-Paar macht weiter wie bisher. "Liebst du mich?" fragt Anja Kimmelmanns tonlose Silvia. "Ja, ich dich auch", flüstert der böse Narziss Armin.

Viel Nacktheit, fiese Schimpfe und tapferes Frontalspiel. Dass die Mimen ab und zu aus dem Spiel rausfallen, über ihr Schicksal klagen ("Kunst? In Reutlingen?") und zu Bettlern mit künstlichem rumänischem Darmausgang mutieren ("Kaufen Sie ein Programmheft? Bitte!"), trägt zwar nicht wirklich zur Erhellung des Themas bei, dokumentiert aber schön ironietriefend, dass es die "kleine Tonne" in der theateruninteressierten Großstadt Reutlingen nicht eben leicht hat. Dennoch: Odermatt hat sich umgeguckt, kreuzt als Autor Kroetzens Dorftragödien mit Ravenhills kaputtem Brit-Furor, gibt noch Castorf-Wildheit und Splatter-Movie bei - ein überladener, aber streitbarer Versuch. Als routinierter Regisseur strafft er seinen Theatererstling aber zur rasanten Groteske.

Statt banaler Anklage zaubert er in einigen exzellent choreographierten Szenen tiefer lotende (Alb-)Traumbilder auf die Bühne. So kommt es, dass in den besten Momenten all die angerissenen Themen plötzlich verknüpft scheinen. Dann avanciert die Inszenierung zur bizarren Zeitanalyse, zu einem dunkel funkelnden Essay über Sexualität und Macht.
Otto Paul Burkhardt: Liebst du mich? Ja, ich dich auch - Urs Odermatt inszeniert seinen Theatererstling als Furioso über Sexualität und Macht, Reutlinger Nachrichten, 29. April 2002.



Monique Cantré, Reutlinger General-Anzeiger, 29.4.2002.

dhe., Schwäbisches Tageblatt, 29.4.2002.

Otto Paul Burkhardt, Reutlinger Nachrichten, 29.4.2002.

Otto Paul Burkhardt, Reutlinger Nachrichten, 25.4.2002.

Kathrin Kipp, Reutlinger Nachrichten, 23.3.2002.

Jürgen Spiess, Reutlinger Nachrichten, 19.4.2002.


can., Reutlinger General-Anzeiger, 12.4.2002.