Thema
Das Stück bezieht sich auf zwei aktuelle gesellschaftliche Themen. Es exemplifiziert einerseits Dynamiken sozialer Ausgrenzung am Beispiel einer dörflichen Solidargemeinschaft und spürt andererseits unterschiedliche Facetten rund um das Thema des sexuellen Übergriffs auf.
Wird dörfliches Leben landläufig mit einer Solidargemeinschaft assoziiert, wo Hilfsbereitschaft, freundschaftliche Nachbarschaftsbeziehungen und emotionale Bindekräfte noch vorhanden sind, wo Vertrautheit anstatt Anonymität vorherrscht, wo ein Klima der Wärme und Mitmenschlichkeit zu finden ist, so sehen einige in einer solchen Gemeinschaft intakte Überreste und utopische Restbestände einer ehemals funktionierenden Gesellschaft. Diese - so eine beliebte Version der Gegenwartsdiagnose und der Gesellschaftskritik - ist einer eisig kalten Gesellschaft gewichen, die mit einer zunehmenden Entsolidarisierung, mit Rücksichtslosigkeit, Härte und Gleichgültigkeit einhergeht, in der ein jeder sich selbstsüchtig seinen eignen Interessen widmet. Als Prototyp wird an die moderne Stadt gedacht.
Diese Zeitdiagnose vergisst allzu oft die Schattenseiten einer solcherart idealisierten Vergemeinschaftungsform. Dass diese einhergeht mit einer klaren Festlegung der Zugehörigkeit und somit mit einer Abgrenzung gegen außen, zum Rest der Welt, ist bloß die Kehrseite derselben Medaille. Der Preis einer engmaschigen Vergemeinschaftung stellt im Extremfall eine Planierung jeglicher Individualität dar. Jedes Abrücken von gängigen Normen wird mit Ausgrenzung sanktioniert, alles Fremde und Andersartige abgelehnt. Der Zwangscharakter einer Gemeinschaft offenbart sich in dem Moment, in dem Einzelne die kollektive Ordnung zu erschüttern versuchen. Eine besondere Fasson derselben Mechanismen zeigt sich zudem auch in jenen Gemeinschaften, denen die Freiheit zum Austritt kaum innewohnt, wie dies von Kindern und Jugendlichen in Bildungsinstitutionen erlebt wird und wo Ausgrenzung besonders unerbittlich greift.
Nicht die negativen Aspekte einer modernisierten Gesellschaft werden in diesem Stück thematisiert, ausgeleuchtet werden vielmehr die Schattenseiten einer ländlichen Dorfgemeinschaft, einer intakten Ordnung sozusagen, deren Zwangscharakter sich aber niemand zu entziehen vermag.
Der Stoff des Stücks lehnt an ein weiteres aktuelles und delikates Thema an, an jenes des sexuellen Übergriffs auf Minderjährige. Er verwahrt sich jedoch dagegen, eindimensional als Wortführer einer der kontrahierenden Interessenvertreter zu fungieren - die der Opfer oder der unschuldig Verurteilten - und leuchtet unterschiedliche Facetten der Problematik gekonnt aus. Durch den cleveren Schachzug, die Hauptfigur schuldig unschuldig eine Strafe absitzen zu lassen, verwahrt sich das Stück sowohl gegen eine moralische Freisprechung Armins wie auch gegen eine einseitige Verfemung der Falschanschuldigung einer Jugendlichen.
Struktur
Schauplatz ist ein Dorf in der Schweizer Provinz, ein sexueller Übergriff das Motiv, auf dem aufbauend der Rachefeldzug, der Kampf der Heldin um vermeintliche Gerechtigkeit gedeiht. Eröffnet und gerahmt wird durch eine der Schlussszenen, womit bereits zu Beginn ein Spannungsmoment erzeugt werden kann: die beiden Schwerverbrannten Trix Brunner und Frau Fricker sind dazu verdammt, im gleichen Zimmer eines Spitals - einer Art Vorhölle - endlos repetitiv zu dialogisieren, sich anzufehden; stimmlos, gedanklich bloß.
Das Publikum wird daraufhin entführt auf eine rasante Fahrt durch ländliche Verschrobenheiten. Wie Puzzlestücke reihen sich Szenen zu einem Bilderbogen, der Einsicht verleiht in Dynamiken gemeinschaftlich-solidarischen Zusammenhalts und sozialer Ausgrenzung. Mittels exaltierter Zwischenfälle wird dem Stück eine absurd komische Note verliehen.
Die Hauptkonfliktlinien werden parallel etabliert. Wir erfahren vom Zwist der pubertierenden Saskia mit ihrer Mutter, der sich in Beschimpfungen und gegenseitigen Anfeindungen äußert; verfolgen die strammen Praktiken des Turnlehrers Armin im Sportunterricht, welche alternieren zwischen militärischem Trill und sexueller Zudringlichkeit. Nach einem vermeintlichen sexuellen Übergriff Armins auf ihre Tochter nimmt Trix Brunner den Kampf um Gerechtigkeit auf, stößt jedoch allenthalben auf taube Ohren. Selbst der Journalist Koniecka, ein ehemaliger Freund, kann ihre moralische Empörung nicht teilen.
Das Stück flicht gekonnt surreale Stilelemente ein, wie etwa den Dialog des toten Dr. Jacobi mit Saskia, welche beide der Beerdigung von Dr. Jacobi beiwohnen, als Zuschauer, als Außenstehende; oder welche als Beobachter ein Geschehen kommentieren, wie etwa die Tötung des Papageis. Solch erzählende Elemente lösen den Zuschauer aus dem aktuellen Geschehen heraus und flechten einen Moment der Reflexion in die Szenerie, wo Begebenheiten nachgesonnen wird, wo Motive ergründet werden, wo der legere Ton erzählerischer Gleichgültigkeit kontrastiert mit der Absurdität und Schonungslosigkeit der Ereignisse.
An das Publikum gerichtete Mono- und Dialoge werden im szenischen Ablauf vor aktuelle Ereignisse gesetzt. Sie wecken unsere Neugierde, leiten stilsicher über zum nächsten Geschehen und flechten spielerisch Wortgefechte und Parallelitäten zu den Ereignissen ein.
Trix Brunner gewinnt ihren Kampf. Sie verliert dabei ihr Leben oder was man als solches bezeichnen könnte, sie opfert ihren Verbündeten, Dr. Jacobi, der den schikanösen Spielen von Armin nicht standhält, und sie verliert ihre Tochter Saskia, welche sich, psychisch in desolatem Zustand, als Opfer ihres Kampfwillens sieht - in der letzten Szene begleiten wir das Gespräch zwischen ihr und ihrer Freundin Nadja im Sanatorium. Die Gewissheit allerdings, "wenn man beliebt ist, kann man sich alles ungestraft erlauben", mit der sich Armin dreist durch das Stück hangelt, wird am Schluss außer Kraft gesetzt. Armin sitzt - für das falsche Verbrechen zwar - für drei Jahre hinter Gitter, als schuldig Unschuldiger.
Stück für Stück tasten wir uns entlang der Verschachtelung von Szenen vor zum erzählten Handlungsstrang, vor- und zurückgeworfen in der Abfolge der Ereignisse. Eine chronologische Erzählstruktur wird vermieden, gespielt wird mit zeitlichen Versetzungen.
Figuren
Die gelungene Figur des Sportlehrers Armin verleiht dem Stück eine schalkhaft spritzige Note. Ein athletisches Mannsbild, infam, forsch, ruchlos, schmissig, verwegen und selbstverliebt, von den einstigen Lorbeeren seines sportlichen Erfolges zehrend und im Dorfe zur Ikone stilisiert, ergötzt er sich an den blühenden Körpern seiner jungen Schülerinnen, die Grenzen des Statthaften skandalös und schmählich überschreitend. Die Figur ist ausdrucksvoll lebendig entworfen und erhält ihre Kontur in ihrer konsequent unreflektierten Lüsternheit und Niedertracht. Seine Devise, "wenn man beliebt ist, kann man sich alles ungestraft erlauben", scheint so lange zu funktionieren, bis sich Trix Brunner einmischt. Als selbständige und starke Frau, der ihr Außenseiterstatus im Dorfe nicht viel auszumachen scheint, steht sie für ihre Rechte ein und lehnt sich spitzzüngig und beharrlich bis starrsinnig auf gegen die Omnipotenz Armins, gegen das Schweigen im Dorfe. An ihr als Dorffremden wie an Dr. Jacobi als Ansässigen zeichnet sich die soziale Ausgrenzung als ein Leitmotiv des Drehbuchs ab. Bleiben auch die Motive des Rachefeldzugs von Trix Brunner ausgerechnet an Frau Fricker ebenso wie die Unterstützung durch Dr. Jacobi noch etwas vage, wirkt die Figur dennoch greifbar und wirklichkeitsnah.
Saskia als weitere Hauptfigur wird durch ihre Wechselhaftigkeit in den Gefühlslagen zu einer Identifikationsfigur für Mädchen in der Pubertät. Differenziert und schonungslos gezeichnet, schwankt sie zwischen herbem Hass auf die Mutter und die Welt und Gefühlen von Verletztheit und Einsamkeit. In der Phase der Identitätsfindung kämpft sie zusätzlich mit ihrem Ausschluss aus der dörflichen Gemeinschaft und benutzt die Anschuldigung des sexuellen Übergriffs als phantasiertes, herbeigesehntes Zeichen sozialer Zugehörigkeit.
Dialoge
Das Stück hört sich einnehmend an, kurzweilig und berauschend. Schlagfertige Dialoge sind sein Markenzeichen. Angeschlagen wird eine saloppe bis verruchte Tonart, fast magnetisch durchsexualisiert in fast allen Szenen und Nebenszenen. Ein rasantes Tempo, schnelle Szenenwechsel, gekonnte Wechsel der Schauplätze verleihen der Geschichte insbesondere in der zweiten Hälfte eine treibende Dynamik.
Erzählende, an den Zuschauer gerichtete Elemente sind exzellent gesetzt und unterstützen wirkungsvoll die Charakterzeichnung der Figuren und den Fortgang des Geschehens. Gespielt wird mit irrealen Elementen, wo sich Wirklichkeit und Fiktion verschieben, wenn sich beispielsweise in der Szene von Dr. Jacobis Selbstmord ein Radiosprecher Bezug nehmend auf dessen Monolog äußert. Stimmen aus dem Off nehmen Bezug zu aktuellen Passagen, mischen sich ein, reflektieren.
Mit viel Humor werden zweideutig eindeutige Passagen eingeflochten. Zwanglos und unzimperlich wird jedwelche Gelegenheit genutzt, Mehrdeutigkeiten auszuloten, frivole, knisternde, schamlose Wortgefechte entstehen zu lassen.
Lektorat: lic. phil. Nicoline Scheidegger, Institute for Organization and Administrative Science, Universität Zürich, Zürich 2006.