Urs Odermatt ist für sein Film- und Fernsehschaffen im ganzen deutschsprachigen Raum bekannt. Schauspieler wie Götz George. Jürgen Vogel oder Mathias Gnädinger arbeiteten unter seiner Regie. Als Schauplatz für das neue Spielfilmprojekt hat er den Aargau ausgewählt der für ihn eine Vielfalt von spannenden Motiven bietet.

Zu Gast bei Autor und Regisseur Urs Odermatt, der seit 2002 in einer Loft auf dem Areal der ehemaligen Spinnerei Kunz wohnt. Jahrelang hatte der gebürtige Nidwaldner aus dem Koffer gelebt, bis er in Unterwindisch an den Ufern der Reuss das damalige Abbruchgelände entdeckte und sofort wusste: "Hier will ich bleiben."

Aus der chaotischen Baustelle schuf er sein persönliches, 360 Quadratmeter grosses Paradies; ein riesiger offener Raum für alle Lebensbereiche, sparsam möbliert, nichts, das von den raffinierten baulichen Details ablenkt. Klare Linien und den Blick für das Ganze braucht Urs Odermatt auch in seiner Arbeit als Regisseur. Beim Casting für die Hauptrollen zum neuen Aargauer Spielfilm Der böse Onkel scheinen seine Augen überall zu sein. Wie ein Dirigent, der sein Orchester leitet, weist er die Crew hinter Kamera, Mikrofon und Scheinwerfer an. Achtet gleichzeitig auf Sprache, Gestik und Mimik der Schauspielerinnen.

Die jungen Darstellerinnen, die sich für die Hauptrollen der Teenager Saskia und Nadja beworben haben, müssen im Part der Mädchen, die sich in ihrer Entwicklung zur Erwachsenen oft zerrissen und einsam fühlen, mit viel Persönlichkeit überzeugen. Ihre Ausstrahlung soll das Publikum in Bann ziehen. Dazu fordert die schnelle Rhythmik des mit Pointen gespickten Textes einiges an Können ab.


Erfolgreiche Biografie

Der 54jährige Urs Odermatt hat im deutschsprachigen Raum einen festen Stellenwert als Drehbuchautor und Regisseur für Film, Fernsehen und Theater. Das cineastische Handwerk lernte er bei den polnischen Altmeistern Krzysztof Kieślowski und Edward Żebrowski. 1990 gründete er die Nordwest Film AG, über die Junior Producerin Jasmin Morgan Odermatts aktuellen Spielfilm auf die Beine stellt.

Zahlreiche Schauspielgrössen arbeiteten unter seiner Regie, darunter Götz George (2008 Mein Kampf), Suzanne von Borsody und Nadja Uhl (1996 Zerrissene Herzen), Mathias Gnädinger (1988 Gekauftes Glück), Michael Gwisdek und Jürgen Vogel (1994 Wachtmeister Zumbühl). Er schuf Folgen für so erfolgreiche Fernsehserien wie "Tatort" oder "Polizeiruf 110" und ist Herausgeber dreier Bildbände, die die Arbeit seines Vaters Arnold Odermatt als Fotograf für die Nidwaldner Polizei dokumentieren.


Start mit kleinem Budget

Urs Odermatts neuer Spielfilm ist eine No-Budget-Produktion. Alle Mitwirkenden arbeiten auf 100%-Rückstellung und erhalten ihre Gagen erst, wenn der Film in den Kinos Geld einspielt. Kameramann Markus Rave dreht mit einer Red One - im professionellen Bereich als technologisches Wunderwerk mit brillanter Bildqualität gepriesen. Drehstart soll im Sommer 2009 sein, der Filmstart in den Schweizer Kinos ist auf Mai 2010 vorgesehen.

Seit Monaten kundschaftet Odermatt mit Jasmin Morgan Locations in den Bezirken Brugg und Baden aus. Warum ausgerechnet hier? "Die grossen Städte und die Bergdörfer sind im Schweizer Film gut bekannt. Der Aargau ist eine Art 'neue Kino-Schweiz', die noch Unbekanntes, Spannendes in sich birgt." Ein grosser Teil der Crew, die im Hintergrund mitarbeitet, stamme aus der Region, erzählt er begeistert. "Wir wurden bis jetzt mit grosser Offenheit empfangen. Ich empfinde das Mittelland als sehr liberal und habe es mir viel schwieriger vorgestellt, hier Fuss zu fassen", schliesst Odermatt.
Ursula Burgherr: Grosses Kino aus dem Aargau, Aargauer Zeitung, Aarau, 3. April 2009.
Wir haben kein Geld, aber wir machen einen Spielfilm fürs Kino.

Wir machen keinen Erstling und keinen Studentenfilm, sondern einen No-Budget-Film mitten im Arbeitsleben.

Wir sind keine Anfänger, sondern erfahrene Profis, die wissen, was sie tun und was sie wollen. Wir machen nach vielen erfolgreichen kommerziellen Fernseh- und Kinofilmen einen absolut selbstbestimmten radikalen Autorenfilm, ohne die Einmischung Dritter.

Da Cast, Crew und Lieferanten mit 100%iger Rückstellung mitmachen, brauchen wir nur ein kleines Cashpolster für Verpflegung, Bureaukleinkram und Diesel.

Jeder Mitarbeiter vor und hinter der Kamera bekommt einen Vertrag mit einer prozentualen Erlösbeteiligung. Die Summe dieser Beteiligungsprozente bildet unseren Rückstellungsfond. Der Film gehört nach der Fertigstellung vollständig uns; jeder Rückfluss nach dem Kinostart fließt in diesen Fond und wird gemäß der Prozente ausgeschüttet.

Wir wissen, dass so ein radikales Geldmodell nicht allen möglich ist. Besetzung und Crew sind Partner ab Ende 40, die sich so ein Abenteuer leisten können und wollen, oder unter 35, die noch die berufliche Herausforderung suchen. Dazwischen fehlt verständlicherweise, wer jeden Tag junge Mäuler stopfen und ein frischerworbenes Haus abzahlen muß.

Soziale Kompetenz ist bei jedem Film wichtig. Bei Der böse Onkel ist es die wichtigste Mitarbeitertugend überhaupt, da so ein ungewöhnliches Arbeitskonzept nur funktionieren kann, wenn alle hinter und vor der Kamera sich in hohem Masse respektieren und wertschätzen, wenn jeder Ja statt Vielleicht und Mal-sehen einbringt, und wenn Spaß eine Hauptmotivation der Zusammenarbeit ist.

*

Wieder einmal wird die Frage gestellt: Wie darf sich die Kunst im Steinbruch der Wirklichkeit bedienen? Was darf sie aus den Bruchsteinen, die sie aus selbst erfahrener oder aus erzählter Wirklichkeit schöpft, Neues bauen? Anlass für die Diskussion ist ein Spielfilm, der sich offenbar beim als "Fall Köbi F." bekannt gewordenen Wirklichkeitsstoff bedient. Es geht um sexuellen Missbrauch. In der Möriker Wirklichkeit - die die meisten von uns auch nur medial vermittelt bekommen haben - ging es um einen Turn- und Sportlehrer, der sich an Kindern und Jugendlichen verging. Um was und um welche (fiktiven!) Figuren es im Film mit dem geplanten Titel Der böse Onkel geht, wissen wir nicht. Wir werden ins Kino gehen und dann beurteilen, ob wir den Film gelungen, weniger gelungen, missraten finden.
 
Nun sucht aber eine Schulpflegerin, die unmittelbar in den Fall Köbi F. involviert war, darüber ein Buch geschrieben hat und ohne Zweifel verdienstvoll dazu beitrug, dass die Machenschaften des Turn- und Sportlehrers justiziabel wurden, die Öffentlichkeit und erhebt den Anspruch, beim Drehbuch mitreden zu dürfen, ja mitreden zu müssen. Warum denn? Müsste so gedacht nicht auch Köbi F. mitreden dürfen, ja mitreden müssen? Und alle anderen, die glauben, die wirkliche Wirklichkeit zu kennen?
 
Journalismus hat die Pflicht und Schuldigkeit, die Wirklichkeit so sachgerecht und fair wie möglich darzustellen. Das ist gut so. Wie aber ist es mit der Kunst? Sie hat diese Pflicht und Schuldigkeit gerade nicht. Das ist auch gut so. Kunst bildet nicht ab, Kunst schöpft. Sie schöpft aus der Wirklichkeit der Geschehnisse, der überlieferten Erzählungen, der Fantasie. Sie hat nicht den Anspruch auf sachgerechte Darstellung. Im besten Fall schafft diese Kunst eine neue Wahrheit oder - wie Picasso einmal schön gesagt hat - "einer Lüge, die uns die Wahrheit erkennen lässt".
 
Ob Der böse Onkel gute Kunst wird, muss sich weisen. Damit ein Kunstwerk aber Kunstwerk werden kann, braucht der Künstler in jedem Fall die Freiheit, so aus der Wirklichkeit zu schöpfen, wie er es für gut, richtig und stimmig hält.
 
Hätte etwa Frau Else von Ardenne bei Theodor Fontane vorstellig werden sollen, um ihren Anspruch anzumelden, beim Roman Effi Bliest mitzuschreiben? Immerhin war sie das reale Vorbild für Fontanes Romanfigur. Der Gedanke erscheint uns heute ziemlich abwegig. Das Beispiel darf hier aber angefügt werden, weil es schön zeigt, wie Kunst sich im besten Fall verselbstständigt und zu etwas so Eigenem wird, dass niemand mehr nach Übereinstimmungen mit "wirklicher Wirklichkeit" fragt.

Effi Briest ist Effi Briest, nicht Frau von Ardenne. So darf auch Der böse Onkel zum "bösen Onkel" werden, nicht zu Köbi F. Den gibt's ja schon.
Urs Tremp: Wirklichkeit und Kunst-Wirklichkeit, Aargauer Zeitung, Aarau, 26. Juli 2009.

*

Hinter Urs Odermatt liegt eine ausserordentlich arbeitsintensive Zeit. Aber er wirkt frisch, gut gelaunt, motiviert.

Der Raum ist fast vollständig kahl. Schmucklos. Ein Arbeitszimmer halt, das im Moment nicht gebraucht wird. Immerhin: ein Tisch und zwei Stühle. Urs Odermatt sitzt ganz entspannt da, den Stuhl hat er etwas seitwärts weggerückt. Er wirkt zufrieden, erfüllt.

Odermatt ist kein Mann der langen Vorreden. Das könnte er sich auch gar nicht leisten. "Hinter dem Filmteam liegt eine sehr strenge Zeit. Nach einer zwei- bis dreijährigen Vorbereitungszeit haben wir innert sieben Wochen ungefähr 38 Drehtage bewältigt." Das bedeutet 15-Stunden-Tage, dazu kommen für Odermatt selber noch die Vor- und die Nachbereitung der Filmtage. "Drei bis vier Stunden Schlaf mussten meistens genügen", sagt er. "Ich bin selber erstaunt, wie wir das alles scheinbar mühelos bewältigt haben."

Erklärungen bietet er aber gleich selber. Einen wichtigen Grund sieht er in der Zusammensetzung des Teams. Insgesamt wirkten bis zu 84 Personen mit, alles Profis - und alle ohne Gage! "Es sind durchwegs Leute, die ähnlich ticken und die viel lieber ohne Geld etwas wirklich Reizvolles tun wollen, als sich für Geld zu langweilen." Odermatt wird konkreter: "Auf der einen Seite sind darunter viele junge Wilde, die dieses Projekt sozusagen als Empfehlung in ihre Vita eingliedern möchten. Anderseits sind da die alten Hunde, sehr erfahrene Berufsleute, die sich mit Haut und Haar dem Film verschrieben haben und über einen entsprechenden Erfahrungsschatz verfügen.» Odermatt sagt nicht nur einmal: "Es herrschte eine total gute Stimmung."

"Wir arbeiten beinahe ohne Geld." Wie ist das nur möglich? "Wir profitieren von vielen Sponsoren, die uns materielle Güter zur Verfügung stellen, Räumlichkeiten, Gerätschaften, Unterkünfte." Gerade mal 30 000 Franken stehen für laufende Ausgaben zur Verfügung. Und dies, nachdem Odermatt einen 5-Millionen-Film abgedreht hat! "Erstmals in meinem Leben mache ich einen Film, der ganz aus mir selbst heraus entsteht. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl: vollkommene Freiheit, absolute Selbstbestimmung. Ich muss auf niemanden Rücksicht nehmen, niemand redet mir rein. Noch nicht ein einziges Mal musste ich mir wegen des Publikums oder wegen der Auftraggeber irgendwelche Sorgen machen - einfach herrlich!" Und er ergänzt: "Üblicherweise muss man sich dauernd mit irgendwelchen Geldgebern herumschlagen, die ihre eigenen Vorstellungen einbringen wollen. Der eine verlangt Blau, der andere Grün, es wird ein bisschen herumgestritten, und kaum hat man sich geeinigt, kommt ein Dritter, der Rot haben will. Das kann sehr nervenaufreibend sein." Hier war es ganz anders: "Ich mache diesen Film aus Lust, nicht aus Kalkül." Für den Fall, dass der Film in den Kinos Erfolg haben sollte, hat man sich abgesprochen, wie ein Gewinn aufzuteilen sei. Alles hypothetisch, versteht sich.

Die einzelnen Szenen sind jetzt abgedreht, der Ton ist angelegt. Nun kommt aus Deutschland für drei Monate eine Cutterin. Odermatt rechnet damit, dass der Film bis Ende März fertig geschnitten ist. Im Frühjahr müssen zwar noch einige Aufnahmen nachgedreht werden, aber schon im kommenden Dezember will Odermatt einzelne Sequenzen so weit bearbeitet haben, dass er sie in einem Vorlauf den Sponsoren zeigen kann.

"Ich wusste genau, worauf ich mich da einlasse." Und nochmals wiederholt Odermatt: "Wir waren eine verschworene Gemeinschaft. Die Arbeit war ungemein beglückend, sie hat enorme Kräfte freigelegt." Schwungvoll erhebt er sich von seinem Platz, geht die Treppe hinunter und wendet sich wieder seinen Leuten zu. Es geht weiter.
Peter Belart: Alte Hunde und junge Wilde, alles Profis, Aargauer Zeitung, Aarau, 8. November 2009.

*

Vor drei Tagen wurde in Geroldswil im ausgewählten Kreis erstmals der Rohschnitt des Spielfilms Der böse Onkel von Urs Odermatt gezeigt. Produzentin ist die Fotografin und Lebenspartnerin des Regisseurs, Jasmin Morgan. Das Gesellenstück raubt ihr selbst den Atem.

Der neue Produktionsstandort, der als Stützpunkt für die Nachdreharbeiten und die Postproduktion des 90minütigen Films des 55jährigen ausgewanderten Stansers Urs Odermatt dient, liegt idyllisch versteckt am Rand von Dietikon. Ein Gönner stellt der Crew das Haus, das an die Villa Kunterbunt erinnert, kostenlos zur Verfügung. "Wir sind dankbar für die bemerkenswerte Unterstützung von Privatleuten, Firmen und Gemeinden", betont die dunkelhaarige Jasmin Morgan. Begegnet man ihr zum ersten Mal, kann man kaum glauben, dass die zarte, junge Frau Produzentin des polarisierenden Films ist, der sexuellen Missbrauch in einem Dorf schneidend scharf zeigt. "Ohne Jasmin gäbe es diesen Film nicht", erklärt Urs Odermatt und legt den Arm um sie.

Produzentin und Regisseur sind ein bemerkenswertes berufliches und privates Paar. "Es klappt wunderbar, weil wir uns gegenseitig respektieren und alle Freiheiten lassen", meint die Fotografin mit künstlerischem Flair, die in einer evangelikalen deutschen Sekte aufgewachsen ist und sich vor sechs Jahren aus ihrer Ehe und der strengen Glaubensgemeinschaft gelöst hat. "Ich baute mir in der Schweiz ein zweites Leben auf", erzählt sie.

Das Glück in der neuen Heimat traf sie unerwartet. Bei einem Kaffee im Restaurant Einstein in Aarau begegnete sie 2007 dem Film- und Theaterregisseur Urs Odermatt, der sich nach langen Wanderjahren in einer stillgelegten Spinnerei in Unterwindisch niedergelassen hatte. "Wir kamen ins Gespräch über Fotografie, und er überliess mir sein neustes Drehbuch." Gedanken an den brillanten Filmemacher und die Lektüre seiner Geschichte hielten die junge Frau die ganze folgende Nacht wach. "Ich hatte mich Hals über Kopf in alles an Urs verliebt."

Bald waren die beiden privat ein Paar, gingen aber ihren individuellen beruflichen Projekten nach. "Ich verdiente mir meinen Lebensunterhalt weiterhin mit Fotografieren, schliesslich stamme ich aus einer Fotografen-Dynastie", erzählt Jasmin Morgan. Derweil war ihr Partner bei den Dreharbeiten zum Film Mein Kampf mit Götz George und Tom Schilling in Deutschland und in Wien beschäftigt. "Wir wollten einfach nicht dauernd getrennt sein", erklärt die Künstlerin ihren anschliessenden Aufbruch ans Set. Weil sie sich in der Rolle der Begleiterin des Regisseurs unwohl fühlte, legte sie bei den Dreharbeiten sofort Hand an und war bald verantwortlich für das Making-of, also den dokumentarischen Blick hinter die Kulissen einer Filmproduktion, sowie die Standfotografie.

Zurück im Aargau, kam ihr der Gedanke, die Produktion des bösen Onkels auf die Beine zu stellen. Weder in der Schweiz noch in Deutschland hatte sich bis dahin ein Produzent für das heikle Thema des sexuellen Missbrauchs eines Turnlehrers an seinen Schülerinnen gefunden. Urs Odermatt aber liebt genau die Annäherung an diffizile, oft Tabuthemen. "Der beste Opferschutz ist das Nichtverdrängen unserer menschlichen Abgründe", betont er. Der Wille zu einer Produktion war also gegeben, allein es fehlte das Geld. Doch Jasmin Morgan liess sich nicht beirren und entwickelte ein kreatives Finanzierungsmodell, das heute bereits Nachahmer gefunden hat. Anstelle der marktorientierten Berechnung setzte sie auf selbstbestimmte Empathie und hundertprozentige Rückstellung und Erlösbeteiligung von Cast und Crew. "Was könnte Kino-Zuschauer mehr mitreissen, als ein Film, in dem die Identifikation aller Beteiligten in jedem Bild und jedem Schnitt glasklar spürbar wird?"

Nachdem sich zahlreiche Profis aus Schauspiel, Kamera und Technik dem neuen Modell angeschlossen hatten, brach eine regelrechte Sympathiewelle für den Film los. Komparsen, Statisten, Gönner, Gastfamilien rissen sich darum, beim aufregenden Aargauer Projekt dabei zu sein. "Wir erhielten plötzlich unglaublichen Goodwill von der Öffentlichkeit", freut sich die Jungproduzentin, die manchmal selber über ihren Erfolg staunt. Mischt sie sich nun unter die grossen Produzenten und flaniert durch die glamouröse Filmwelt? "Mein Job ist beinhart und ich möchte mich am liebsten wieder mit einem Drehbuch von Urs Odermatt beschäftigen."

Der Film kommt 2010 in die Kinos und vorerst steht noch ein Drehtag bevor, der bereits im Vorfeld hohe Wellen warf: Am 9. Mai wird eine Szene in der Turnhalle Villigen mit rund 1000 nackten Statistinnen gefilmt. Kein Problem für die erfahrene Crew und die frisch gekürte Produzentin. "Die Intimsphäre der jungen Darstellerinnen wird geschützt - die Frauen werden ihre Erfahrung nach Drehschluss nicht missen wollen!"
Barbara Rüfenacht: "Ich staune über den Erfolg" - Die 30jährige Jasmin Morgan hat den neuen Schweizer Spielfilm
von Urs Odermatt produziert, Aargauer Zeitung am Sonntag, Aarau, 2. Mai 2010.



Christin Keller: Photos von den Dreharbeiten in Bad Säckingen, Badische Zeitung, 3.9.2009.
Seit 30 Jahren ist die Bad Säckinger Rheinbrücke für den Verkehr gesperrt - eigentlich. Nun gab es jedoch eine Ausnahme: Bei den Dreharbeiten zum Schweizer No-Budget-Film Der böse Onkel rollten Autos über die Holzkonstruktion.

"Darf man hier wieder drüber fahren?", wunderten sich Passanten in der Bad Säckinger Fußgängerzone, als sich am Mittwoch kurz vor zwölf Uhr erstmals seit 30 Jahren wieder ein Fahrzeugstau auf der historischen Rheinbrücke bildete. Die Nordwest Film AG hatte 30 Autos samt Statisten organisiert, um in neun Stunden Dreharbeit ganze zwei Minuten des Spielfilms Der böse Onkel aufzunehmen.

"Bitte Ruhe, wir drehen", schallt es durchs Megaphon und Trix Brunner, gespielt von Miriam Japp, beginnt am Handy zum wiederholten Mal ihr Streitgespräch. Abgelenkt durch das lebhafte Telefonat mit dem Vater ihrer Tochter fährt sie dem Vordermann auf die Stoßstange. Dieser will den Schaden nicht auf sich sitzen lassen, wird von ihr aber ignoriert. Schließlich springt er aus dem Cabriolet und pinkelt auf die Seitenscheibe ihres Wagens.

Der böse Onkel erzählt die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, Trix Brunner, die mit ihrer Tochter Saskia aufs Land gezogen ist. Als Trix den Sportlehrer beschuldigt, Saskia sexuell belästigt zu haben, kämpft sie mit aller Macht gegen die Dorfgemeinschaft und deren Zusammenhalt an.


Die Statisten müssen lange warten

Für Regisseur Urs Odermatt ist es am Mittwoch ein trauriges Gefühl, als der letzte von 37 Drehtagen zu Ende geht. "Für mich ist jede Szene ein Schlüsselerlebnis, wenn meine Dialoge durch die Schauspieler zum Leben erwachen", verrät der Schweizer, der das Drehbuch selbst geschrieben und auch die Orte für die Aufnahmen ausgesucht hat. Aber nicht nur das Drehen mit einer 84köpfigen Crew macht ihm Spaß, sondern auch das Schreiben davor und das Schneiden danach. Drei bis vier Monate werden benötigt, um die Einstellungen und Szenen zusammen zu setzen und noch mal zwei weitere, um den Film zu vertonen.

Eine erlebnisreiche Zeit hatte auch Schauspielerin Miriam Japp, die am Ende der Dreharbeiten sehr glücklich und zufrieden ist. "Viele Seiten an der Figur Trix Brunner sind mir vertraut, die Direktheit und das Zornige zum Beispiel", erklärt sie und verrät, dass sie bereits zwei Monate vor Drehbeginn damit begonnen hatte, den Text auswendig zu lernen.

Berufsgeheimnis bleibt allerdings, wie der wütende Cabrio-Fahrer, Eckhard Greiner, das Pinkeln auf die Scheibe darstellt. "Viel trinken", schmunzelt er.


Hauptaufgabe: grimmig gucken

Das galt auch für die Statisten, die zwar schon um kurz nach elf Uhr an der Holzbrücke bereit stehen mussten, deren erster Einsatz aber vier Stunden auf sich warten ließ. Dank des reichhaltigen Caterings und eines guten Buchs konnte die Zeit jedoch problemlos überbrückt werden. "Ich habe schon gedacht, dass man viel warten muss", erzählt Statistin Rita Hammer, die es aber trotzdem ganz interessant fand, der Filmcrew einmal zuzuschauen und vor allem mit dem eigenen Wagen auf der historischen Rheinbrücke zu fahren. Diese war im Vorfeld von einem Statiker überprüft worden und für bis zu 40 Autos freigegeben worden.

Die Dreharbeiten an sich waren für die Autofahrer recht unspektakulär. Sie mussten mit ihren Autos im Stau sitzen und grimmig nach vorne schauen. Nach einer Stunde Dreh und einigen Umbaupausen fiel das einigen auch gar nicht mehr so schwer und als es dann um 17 Uhr Mittagessen gab, saßen viele gähnende Gesichter um den Tisch. Manch einer war im Auto sogar eingenickt.


Keine Gage: Der böse Onkel ist ein No-Budget-Film

Viel warten muss bei Dreharbeiten auch immer das Team für Garderobe und Maske. Ein bis zwei Stunden braucht es, um die Schauspieler für den Dreh vorzubereiten. Anschließend wird es nur noch auf Abruf benötigt. Das war für Valentin Hilfiker, der bisher in der Musical-Produktion gearbeitet hatte, Neuland. Trotzdem ist er froh, sein Dasein als Pensionär für das Projekt unterbrochen zu haben. "Das ist wie eine Familie und wir sind alle aufeinander angewiesen".

Ungewöhnlich war es für Hilfiker auch, zunächst einmal völlig auf eine Gage zu verzichten. Als ein No-Budget-Film wird Der böse Onkel von der ganzen Crew unentgeltlich produziert - mit der Aussicht auf eine prozentuale Gewinnbeteiligung. Wie diese ausfällt, lässt sich ab Herbst 2010 abschätzen, denn dann feiert das Drama Premiere im Trafokino in Baden (Schweiz). Mit dabei sein können auch alle Statisten der Bad Säckinger Aufnahmen, um sich selbst im Stau zu erleben.
Christin Keller: Grosses Kino auf der Holzbrücke - Neun Stunden Dreh für zwei Minuten Kinofilm, Badische Zeitung, Freiburg i. Br.,
3. September 2009.

Er ist bekannt für Aussergewöhnliches: Der Schweizer Regisseur Urs Odermatt ist in der Filmbranche eine feste Grösse. Schauspieler wie Götz George (Mein Kampf), Mathias Gnädinger (Gekauftes Glück) oder Jürgen Vogel (Wachtmeister Zumbühl) arbeiteten unter seiner Regie. Er schuf Folgen für «Tatort» oder «Polizeiruf 110». Für seinen neuen Kinofilm Der böse Onkel hat der Regisseur als Schauplatz den Kanton Aargau ausgewählt, auch das Fricktal gehörte zu den Drehorten.

Es ist ein Film über die vermeintlich heile Welt eines Dorfes, die mit sexuellem Missbrauch konfrontiert wird. Trix Brunner, eine alleinerziehende Mutter, ist vor Jahren aus der Stadt aufs Land gezogen, damit ihre Tochter Saskia in einer intakten und gesunden Umgebung aufwachsen kann. Als Trix Brunner den Sportlehrer Armin beschuldigt, er habe ihre Tochter sexuell belästigt, ist das ganze Dorf empört: Über die Mutter, die solches behauptet. Armin ist sehr beliebt und geniesst als ehemaliger Landesmeister im Turmspringen hohes Ansehen und die uneingeschränkte Solidarität des Dorfes. Trix Brunner nimmt den Kampf Eine gegen alle auf...


Radikal, komisch und absurd

So weit die Handlung im Groben, «nicht neu», könnte man denken. Doch schon in den ersten Szenen wird klar, dass dieser Film anders ist, ungewöhnlich und experimentell. In Der böse Onkel bricht Odermatt so ziemlich alle Tabus, spricht aus, was wir nicht einmal zu denken wagen. Radikal, komisch bis hin zur Absurdität. Ein facettenreicher Film, der die volle Aufmerksamkeit des Publikums fordert. Der Zuschauer wird immer wieder aus dem Geschehen herausgerissen, vor und zurückgeworfen, wobei sich Wirklichkeit und Fiktion verschieben. Puzzlestücke, die sich aneinanderreihen, an den Zuschauer gerichtete Monologe, Dialoge, Wortgefechte kommentieren einzelne Ereignisse, reflektieren das Geschehene. Das Tempo ist rasant, die Sprache künstlich - und dennoch schafft es der Film, zu berühren. Er wertet nicht, er gibt keine Antworten, wirft Fragen auf.


No-Budget-Produktion

Auch die Entstehung des Filmes ist aussergewöhnlich. Die Produktion zeigt, das grosses und aufwändiges Kino ohne Geld, ohne Schulden und ohne Kredite realisierbar ist. Möglich gemacht hat dies Jung-Produzentin Jasmin Morgan, die ein kreatives und cleveres Finanzierungsmodell auf die Beine stellte, eine «No-Budget-Produktion». Alle Mitwirkenden vor und hinter der Kamera arbeiten auf 100-Prozent-Rückstellung und erhalten eine prozentuale Erlösbeteiligung, wenn der Film in den Kinos Geld einspielt. Zur Crew gehören mittlerweile 120 Leute. Die Domizile, in denen das Produktionsbüro eingerichtet ist, sind immer wieder wechselnde Abrissgebäude. «Das ist spannend, macht Spass und spart vor allem Geld», so Jasmin Morgan. «Dennoch, so ein Projekt war und ist kein leichtes Unterfangen und sehr zeitintensiv», so die Produzentin, die es wohl selbst noch nicht so richtig fassen kann, dass ihr Konzept funktioniert hat. Die Unterstützung seitens Firmen, Privatpersonen oder Gemeinden war riesig, sei es auf finanzieller, materieller oder personeller Ebene. «Ich hätte das anfangs nie für möglich gehalten. Wenn man bedenkt, dass der Produktionswert des Filmes 4,5 Millionen Franken beträgt, und mit einem Cashflow von rund 80 000 Franken gedreht wurde, ist das eigentlich unglaublich, so Urs Odermatt. Für ihn bedeutet dieses Projekt die absolute künstlerische Freiheit. «Ganz anders als bei Auftragsfilmen. In Der böse Onkel konnte ich genau das tun, was mich fasziniert - aus den Untiefen der Seele schöpfen, anstatt diese dunklen Seiten zu verdrängen.»

Auch die Darsteller könnten nicht authentischer wirken, die Rollen scheinen ihnen wie auf den Leib geschnitten, und dies, obwohl der Grossteil der Schauspieler noch nie vor einer Filmkamera gestanden hat. Das Auswahlverfahren lief über ein ganz gewöhnliches Casting. «Die Leute kommen überwiegend aus der Theaterszene», berichtet Urs Odermatt, «bei meinem letzten Film habe ich mit Filmstars wie Götz George gedreht, etwas, das schwer zu toppen ist. - In Der böse Onkel tat ich genau das Gegenteil - und es hat funktioniert.»

Ein grosser Teil der Crew, die im Hintergrund mitarbeitet, viele Statisten und Komparsen stammen aus der Region, etwa der Dorfpfarrer von Mandach, der kurzerhand eine eigene, auf die Handlung zugeschnittene Predigt beisteuerte. Auch das Fricktal mit seiner geschichtsträchtigen Rheinbrücke in Stein oder dem stillgelegten Bahnhof in Effingen haben ihren Auftritt - der Aargauer wird sich wiederfinden, so oder so, er kommt im Film allerdings nicht immer ganz so gut weg. An Humor, wenn auch teilweise ziemlich «schwarz gefärbt», fehlt es Urs Odermatt jedenfalls nicht, der sich als Wahl-Aargauer dabei auch «selbst ein bisschen auf die Schippe nimmt».

Für den Film stark gemacht haben sich auch die Gemeinden Effingen und Stein, sowie die Stadt Bad Säckingen, die die Crew beim Dreh auf der historischen Holzbrücke, die übrigens am Drehtag für den Autoverkehr freigegeben wurde, nicht nur finanziell, sondern auch mit Grenzwache, SLRG, SRK und mit allem, was es für so ein Abenteuer braucht, unterstützten. (...)
Marianne Vetter: Tabulos - der neue Kinofilm von Regisseur Urs Odermatt, Bezirksanzeiger, Stein, 1. September 2011.