Nadja
In Afrika schneiden dir die Mütter ein Stück aus der Möse. Bei uns schneiden sie es dir aus der Seele. Natürlich sind die Männer schuld. Aber die Mütter führen das Messer.

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In a small Swiss village, a school sports coach is accused of molestation by the mother of one of his pupils. The citizens are outraged…that the mother could make such a claim - for the coach she accuses is a local hero, a former world champion who has become the town's closest thing to a sporting legend. This is the subject matter of the bitingly satirical and sardonicly parodic treatment of small-town parochialism, The Wicked Uncle, and the competition of deviant mentalities which these events set in motion are served well by a film which might rightly lay claim to being the closest cinematic equivalent of a Tristram Shandy for the 21st century.

Its apparent topicality is entirely coincidental, given the film's origins as a stage play in 2002. Despite theatrical roots, the film still manages to defy expectations of either the usual curiously stagebound pieces or those which bear little relation to the source material. The film of The Wicked Uncle is, instead, a fragmented, joyously anarchic, almost slightly schizophrenic work, incorporating direct extracts of stage dialogue intercut and interspersed with slices of footage from the production - in the midst of monologues, we are shown clapperboards; in one memorable sequence, we are shown still images of a production disaster which occurred during the shooting of the scene.

All of this as a way of framing the film's wilfully controversial subject matter - paedophilia, misogyny, homophobia and xenophobia being just a few of its open targets - only deepens it, adding an extra dimension of visual wit to the proceedings. Irreverence counterbalances discomfort and pitch-black satire begins to seem a much more appropriate way of portraying a community which would allow these sorts of things to take place under its nose before exuding righteous indignation when an open secret is dragged into the light. It certainly seems closer to reality than the oversimplistic, po-faced melodramas which are certain to appear with increasing frequency in the wake of the real-life incidents which the film presciently dramatises. All par for the course for Urs Odermatt, a director whose work acknowledges influences ranging from Krzysztof Kieslowski (whom he studied under) to Irvine Welsh (whose Trainspotting he directed for the Swiss theatre).

Equally important as the film's content and style is its method of production. The film was created within an entirely new, co-operative model, utilising a professional crew and production methods, but all done on salaries deferred in exchange for a share in the film's (hoped-for) eventual profits. The film thereby becomes not only an interesting piece of art, but also a masterclass in how its filmmakers have produced a film with production costs of £3 million on a budget of only £40,000.
Edinburgh Film Guild

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Trix Brunner
Haben Sie Kinder? Nein? Gut. Schaffen Sie sich einen Hund an, wenn Ihnen etwas fehlt. Selbst ein Kampfhund macht weniger Streß als diese Göre. Und Sie? Nehmen Sie die Pille. Treiben Sie ab. Sind Sie katholisch, setzen Sie Ihren Mann auf französisch. Aber machen Sie bloß nicht meinen Fehler. Früher habe ich auch anders geredet. Kinderhorte. Mutterschaftsurlaub. Internationaler Frauentag. Kinderfreundliche Gesellschaft. Wer Kinder schlug, war Klassenfeind. Und jetzt? Jetzt schlage ich meine Tochter. Und ich weiß, es war nicht das letzte Mal.

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Saskia
Warum hast du mir nicht an den Arsch gewichst, du Schwein? Warum mir nicht? Warum nur mir nicht? Mein Arsch ist wie jeder andere. Ich hätte dich nicht verraten. Ich hätte dich nie verraten. Ich hätte dich verraten. Ich hätte alles getan, damit du mich beachtest. Ich hätte alles dafür getan, so zu sein wie die anderen. - Warum hast du mich geopfert, Mama?

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Armin
Ich bin am Arsch. Drei Jahre Wasser, Brot und Wichsen. Gute Arbeit! Bist du jetzt glücklich?

Koniecka       
Ich bin vierundvierzig Jahre nie glücklich gewesen. Es gibt keinen Grund, warum ich es jetzt sein sollte.

Armin       
Armes Schwein. Mit dir möchte ich nicht tauschen.

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Silvia       
Sex findet statt. Aber ob ich auf dem Badewannenrand herumrutsche oder auf Armin, spielt eigentlich keine Rolle.

Trix Brunner       
Sie spüren nichts?

Silvia
Wenn ich nichts spüren würde, würde ich nicht auf dem Badewannenrand herumrutschen.

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Dr. Jacobi
Wissen Sie, wie viel Mut es braucht, vom Stuhl zu springen, wenn man einen Strick um den Hals hat? Ohne einen guten Grund hätte ich mich nicht umgebracht.

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Nadja
Ein Himmelbett und ein reicher Prinz beim ersten Mal. Wäre mir lieber als ein rostiger Toyota und ein bleicher Pickel aus Wettingen.

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Frau Fricker
Jetzt hören Sie mir gut zu, Frau Brunner: Armin ist so, wie er ist. Einen Kerl wie ihn kann man nicht an die kurze Leine nehmen. Wenn meine Tochter von Armin einen unschuldigen Kuß bekommt, wird sie verlegen, weil es der Kuß eines Weltmeisters ist.

Trix Brunner       
Landesmeisters.

Frau Fricker
Und Landesmeisters. Wo kommen wir hin, wenn wir unseren Helden nicht mehr erlauben, das schönste Mädchen zu küssen?

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Silvia
Die Phönizier haben das Geld erfunden. Aber warum so wenig?

Kundin
Sie kannten unsere Preise nicht.

Silvia
Wir kennen sie selbst nicht. Frau Flückiger schlägt jedes Mal auf.

Frau Flückiger
Ich kann da gar nichts machen. Die Preise macht die Konjunktur.

Kundin
Die gehört jetzt den Multis.

Frau Flückiger
Mein Laden nicht.

Kundin
Aber die Konjunktur. Sie sagen selbst, Sie können nichts machen.

Frau Flückiger
Ich bin hier immer noch mein eigener Herr und Meister.

Kundin
Dann können Sie doch abschlagen.

Frau Flückiger
Abschlagen?

Kundin
Auch im Aargau gibt es immer mehr Arme.

Frau Flückiger
Wir sind keine Hinterwäldler. Wir machen nicht jeden Trend mit.
Trix Brunner, eine alleinerziehende Mutter, ist vor Jahren aus der Stadt aufs Land gezogen, damit ihre Tochter Saskia in einer intakten und gesunden Umgebung aufwachsen kann.

Als Trix Brunner den Sportlehrer Armin beschuldigt, er habe ihre Tochter sexuell belästigt, ist das ganze Dorf empört: Über die Mutter, die solches behauptet.

Armin ist sehr beliebt und genießt als ehemaliger Landesmeister im Turmspringen hohes Ansehen und die uneingeschränkte Solidarität des Dorfes.

Trix Brunner nimmt den Kampf eine gegen alle auf.

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Ein Dorf auf dem flachen Land. Jeder kennt jeden. Jeder weiß über jeden alles. Die Stadt ist weit. Die Einheimischen sind fast völlig unter sich.

Der schon etwas in die Jahre gekommene Sportlehrer Armin war in den siebziger Jahren Landesmeister im Turmspringen. Einer der wenigen Höhepunkte in der Geschichte der Gemeinde. Armins Pokal in der Vitrine der Kneipe genießt bei der Bevölkerung innigere Verehrung als die Monstranz im Allerheiligsten in der Kirche.

Zugezogene werden geduldet, sofern sie schweigen und sich aus den Angelegenheiten des Dorfes heraushalten. Tun sie das nicht, wie die streitbare Trix Brunner, trifft sie der Bann der Verachtung. Die Strafe heißt Isolation, und wer das Landleben kennt, weiß, daß diese Strafe hier viel gnadenloser ist als in der Stadt.

Alle Kontakte zur Stadt hat Trix Brunner nicht abgebrochen. Ab und zu trifft sie Koniecka, einen rasenden Reporter bei der schnellen Zeitung. Trix Brunner und Koniecka verbindet eine lange Freundschaft aus der Zeit der Studentenbewegung. Die Freundschaft ist mit den Jahren etwas abgekühlt; aber beide halten tapfer durch.

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Trix Brunner ist eine moderne, attraktive Frau und alleinerziehende Mutter, die sich in ihrem redlichen Kampf um das Recht und das Richtige verrennt, mit ihrer zunehmenden Rechthaberei jedes Augenmaß für das recht haben verliert und diejenigen in den Abgrund reißt, die sie retten wollte.

Saskia
ist ein vom Schicksal und von ihrer Mutter von der Stadt aufs Land geworfener Teenager - zu ihrem Wohl, doch ohne daß sie jemand um ihre Meinung gefragt hätte. Dabei nicht aufs Maul gefallen. Aber ein allzu freches Mundwerk kann auch eine kleine Lolita einsam machen.

Armin ist ein ehemaliger Spitzensportler und unwiderstehlicher Everybody's Darling, der seine Fitneß trotz der Dorfküche über all die Jahre gerettet hat, seinen schelmischen Jungencharme bei jeder Gelegenheit unverfroren einsetzt und überhaupt nicht verstehen kann, was daran verwerflich sein soll, wenn er seine Schülerinnen im Spiel nackt durch die Turnhalle rennen läßt.

Silvia ist Armins ehemalige Schülerin und jetzige Ehefrau, hat sich ihr Leben in ihrem kleinen häuslichen Glück eingerichtet und kämpft nach kurzem Zögern um seinen Bestand, weil sie nicht weiß und auch gar nicht wissen will, ob es ein Leben nach Armin gibt.

Dr. Jacobi ist ein etwas verschrobener, alleinstehender Musikprofessor und Schöngeist, über dessen angebliche Homosexualität man im Dorf seit Jahren munkelt, und der mit Zurückhaltung und Unauffälligkeit - vielleicht auch mit Leisetreterei - sein Überleben im Dorf ermöglicht hat.

Koniecka ist ein guter alter Kumpel von Trix Brunner aus Zeiten, in denen beide noch engagierte Jungsozialisten waren. Er schreibt jetzt als zynischer Starreporter für die Boulevardzeitung in der nahen Stadt, und letztlich bleibt die Frage ungeklärt, ob er nicht vielleicht doch der Vater von Saskia ist.

Nadja ist die Tochter von Frau Fricker und - wie fast jeder im Dorf - mit Armin verwandt. Und weil Blut dicker ist als Wasser und ein ehemaliger Landesmeister im Dorf lebendiger als jeder virtuelle Märchenprinz, hält sie Armin auch die Stange, als seine Spiele längst keine Kinderspiele mehr sind.

Frau Fricker ist die korpulente Leiterin der kleinen Schulbehörde im Dorf, wo jeder jeden kennt und jeder von jedem alles weiß, kennt daher die Verhältnisse im allgemeinen und die von Armin im besonderen noch etwas besser, und sieht nicht ein, was diese die dürre und zugezogene Besserwisserin aus der Stadt angehen soll.

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Machos, Fette und Benzinverbraucher

Der böse Onkel.
Klingt nach Mittelalter. Bigotterie. Vorgestern. Wer nennt denn heute einen Onkel noch Onkel? Die Tante Tante? Man nennt sich beim Vornamen, außer man ist alt. Oder tot, was sowieso das gleiche ist. Der moderne Onkel eignet sich höchstens noch als einer der Böhzen Onkelz in der Punkszene oder als böser nächtlicher Onkel hinter dem Baum im nahen Wald. Onkel sind bald genau so prähistorisch wie Hexen.

Der moderne Mensch kennt keine Hexen. Der moderne Mensch glaubt, was er sieht, was er hört, was er in die Finger nehmen, zählen und in den Mund stecken kann. Für die sentimentalen Defizite gibt's die Esoterik. Das Wort Hexen" eignet sich allenfalls noch als Drohung für Kinder oder als kokette emanzipatorische Semantik für eine eigenwillige, starke weibliche Persönlichkeit. Die Dörfler in unserer Geschichte treffen also - contre coeur - den Nagel auf den Kopf, wenn sie Trix Brunner eine Hexe nennen.

Mag sein, daß es keine Hexen mehr gibt. Was sich aber von den alten Unsitten in die Moderne gerettet hat, ist die Lust der Menschen an Hexenjagden. Political Correctness heißt der Imperativ des Zeitgeists. Sind wir nicht alle gute Menschen, führen den Haushalt partnerschaftlich, essen Gemüse aus biologischem Anbau und fahren Velo? Und richten Blick oder Finger - je nach Temperament - auf Machos, Fette und Benzinverbraucher?

Natürlich ist das alles noch witzig. Aber irgendwann ist fertig lustig, spätestens dann, wenn das Ausgrenzen aus dem warmen Stübchen der Gutmenscherei irreversibel wird und schon der leiseste Verdacht Existenzen vernichten kann. Wer dies in seiner maßlosesten Form sehen will, denke an die bekannten Fälle von Vätern, Lehrern und Sporttrainern, die in den Ruch des Mißbrauchs Minderjähriger geraten sind und denen der nachträgliche Unschuldsbeweis nicht das geringste nützt. Bei gewissen Verbrechen, deren Schwere niemand in Abrede stellt, geraten wir in Hysterie. Seit sogar in meinem eigenen Bekanntenkreis sonst mental ungefährdete Personen von Todesstrafe wenn mit Kindern" reden, weiß ich, daß man auch in einem durch und durch zivilisierten Land wie der Schweiz die Augen offen halten muß.

Krzysztof Kieślowski, bei dem ich - auch wenn das schon eine Weile her ist - vieles gelernt habe, was ich über Schauspieler und dramatische Texte weiß, hat einmal unterschieden, daß das europäische Kino weiß, was es erzählt, während das amerikanische Kino recherchiert, was es erzählt. Sieht man einmal von der Richtigkeit, der Wertung und den Schlußfolgerungen aus dieser maliziösen Unterscheidung ab, stellt sich jetzt natürlich die bange Frage, was ich als Autor über die bösen Onkel weiß.

Nun, ich weiß vielleicht nicht so viel über Mißbrauch und Selbstjustiz samt Folgen, aber kennengelernt - in eigener Sache, durchaus in Komplizenschaft mit meinen polnischen Lehrmeistern - habe ich die Faszination des Bösen. Die Faszination des Bösen als unerschöpfliche Inspirationsquelle für kreatives Arbeiten, als Privileg des Autors, in der Fiktion aus den Abgründen und Untiefen der Seele schöpfen zu können. Abgründe und Untiefen, die wir im wahren Leben besser wegsperren. In unserer netten, politisch korrekten Zeit nicht gerade eine bequeme Position: Der Autor gerät schnell in den Verdacht, der böse Held wecke mehr sein Interesse als das arme Opfer.

Aber bietet nicht gerade das Erzählen aus der Sicht des Advocatus diaboli die Chance, daß wir nicht in die Falle einer anwaltschaftlichen Dramaturgie tappen, wenn wir uns einem sozialrelevanten Stoff zuwenden? Die Chance, für einmal nicht dem immer gleichen Zuschauer das immer gleiche Weltbild anzudienen, das dieser ohnehin schon aus den immer gleichen Geschichten kennt?

Auch wenn es kein parteiergreifender Film werden soll, werden wir die Fragen nach den Pogromen in der heutigen Zeit nicht aus den Augen verlieren. Wir werden nicht übersehen, wie nah sich in einer kleinen heilen Welt Geborgenheit und Bevormundung sind, wie nah Mief und Gemütlichkeit, wie schnell letztere in Ungemütlichkeit umschlagen kann und wie militant eine vermeintlich schweigende Mehrheit eine angeblich falsch denkende Minderheit - oder eine Einzelperson - aussondern kann.

Wenn es Der böse Onkel schafft, den Zuschauer zu der einen oder anderen Frage nach der kleinen Diktatur in unserem Alltag zu provozieren, ist uns der Film mehr als geglückt. Fragen reichen. Fragen sind bekanntlich die besseren Antworten - selbst, wenn wir uns dabei gut unterhalten.

Denn ein altes Rezept ist für mich Konzept: Griff in die unterste Schublade der Kolportage - für das Lachen zahlt der Zuschauer mit einem sperrigen Rätsel. Oder mit einer versteckten Botschaft, wenn man unbedingt will. Manchmal gelingt es. Lustig und ernst. In der Musik würde man es einen Flirt zwischen U und E nennen.
Urs Odermatt

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Unsere Arbeit als Anlage

Wir haben kein Geld, aber wir machen einen Spielfilm fürs Kino. Wir machen keinen Erstling und keinen Studentenfilm, sondern ein freies Werk mitten im Arbeitsleben. Wir sind keine Anfänger, sondern erfahrene Profis, die wissen, was sie tun und was sie wollen. Wir machen nach vielen erfolgreichen kommerziellen Fernseh- und Kinofilmen einen absolut selbstbestimmten radikalen Autorenfilm. Ohne Einmischung und Wünsche Dritter. Ohne die Schere im Kopf des Künstlers, der sich einem großen Budget verantwortlich fühlt. Kreativer Freibrief statt Konsenssuche und Es-allen-recht-und-keine-Fehler-machen-wollen.

Jeder Mitarbeiter vor und hinter der Kamera bekommt einen Vertrag mit einer prozentualen Erlösbeteiligung. Die Summe dieser Beteiligungsprozente bildet unseren Investmentfonds. Der böse Onkel ist schuldenfrei und gehört nach der Fertigstellung vollständig uns. Jeder Rückfluß nach dem Kinostart fließt in diesen Fonds und wird gemäß der Prozente ausgeschüttet. Da Cast, Crew und Dienstleister ihre Leistungen zu 100% in das Projekt investieren, brauchen wir nur ein kleines Cashpolster für Verpflegung, Bureaukleinkram und Diesel.

Wir wissen, daß ein so radikales Geldmodell nicht allen möglich ist. Besetzung und Crew sind Partner ab Ende vierzig, die sich dieses Abenteuer leisten können und wollen, oder unter fünfunddreißig, die noch die berufliche Herausforderung suchen. Dazwischen fehlt verständlicherweise, wer Mäuler stopfen und eine Hypothek tilgen muß.

Soziale Kompetenz ist bei jedem Film wichtig. Bei Der böse Onkel ist es die wichtigste Mitarbeitertugend überhaupt, da dieses ungewöhnliche Arbeitskonzept nur funktionieren kann, wenn alle hinter und vor der Kamera sich in hohem Maße respektieren und wertschätzen, wenn jeder Ja statt Vielleicht und Mal-sehen einbringt, und wenn Spaß eine Hauptmotivation der Zusammenarbeit ist.

Der böse Onkel beweist, daß die Produktion eines großen und aufwendigen Kinospielfilms ohne Geld, ohne Schulden und ohne Kredite möglich ist. Der böse Onkel hat einen Produktionswert von 4,5 Mio. Franken und wurde mit einem Cashflow von 68'000 Franken gedreht. Es ist ja nun nicht so, daß die schmale Kasse mein größtes Ziel war; jede deutschsprachige Filmförderung habe ich um Hilfe gebeten. Mehrmals. Vergeblich. Entsteht ein Film trotz des Neins der Filmförderer, wird das nicht so gerne gesehen. Wenn das trotzige Projekt sich auch noch weigert, zu scheitern, wird das noch weniger gern gesehen. Im Regen stehengelassen und trotzdem stur, soll der verschmähte Independentfilm wenigstens kläglich naß werden. Und nicht dem Steuerzahler Argumente liefern, Filmkunst könne auch ohne Staat entstehen.

Die fast mittelfreie Finanzierung unserer unabhängigen Produktion erzeugt ein selbstbestimmtes, inspirierendes, sonderkräftefreilegendes Arbeitsumfeld, in dem Kreativität, neue Ideen und die Erfüllung langgehegter Wünsche in Form, Inhalt und Arbeitsmethode verwirklicht werden. Die Crew hat in ihrer Mischung aus erfahrenen Filmtechnikern fortgeschrittenen Alters, sehr jungen Gesichtern und vielen Quereinsteigern aus anderen Branchen eine ungewöhnliche Zusammenstellung mit viel dynamischer, mitreißender Synergie. Ich habe mehr auf Potential, Begabung und Lust am Projekt gesetzt, als auf die Papiere einer Ausbildung, und fand dies oft einfacher in der Peripherie, als in Zürich, Berlin und München.

Der böse Onkel ist der erste Schweizer Kinospielfilm, der auf der hochauflösenden digitalen Kinokamera Red One gedreht wurde. Mit den neuesten Zeiss-Filmoptiken photographiert, haben die Bilder eine bestechende Qualität. Im Umgang mit der digitalen Datenverarbeitung am Set, im Schnitt und in der Postproduktion leisteten wir Pionierarbeit, die allen Beteiligten und unseren filmtechnischen Sponsoren und Partnern wertvolle Erfahrungen brachte.

Der böse Onkel ist in Bild, Dramaturgie und Montage neues, innovatives Kino. Der erfahrene Regisseur und Autor Urs Odermatt hat ein radikales Crossover von Film, Theater und zeitgenössischer Kunst entwickelt und erreicht mit seiner ungewohnten formalen Strenge, der theaternahen Stilisierung und Abstraktion sowie der virtuosen Montage eine völlig unerwartete Authentizität. Und dies so anregend, witzig und unterhaltsam, daß mancher U-Film neidisch wird.

Als junge Produzentin und Quereinsteigerin habe ich mit Der böse Onkel ein Gesellenstück und gleichzeitig ein Pilotprojekt für ein attraktives Arbeitsmodell entworfen, das zur Wiederholung anregt: Selbstbestimmung und kreative Lustorientierung contra marktorientierte Berechnung. Dies durchaus als kommerzielles Kalkül, denn was lockt den Zuschauer mehr als ein Werk, dem man die Empathie aller Beteiligten jedem Bild, jedem Schnitt, jedem Ausstattungsdetail ansieht.

Der böse Onkel zeigt nie gesehenes, intelligentes, unverschämtes, zeitgenössisches Kino. Der böse Onkel entzieht sich jedem Vergleich. Man kann ihn mögen. Man kann ihn nicht mögen. Wie alles, was eine eigene Handschrift trägt. Aber man muß Der böse Onkel sehen. Wenn Konsequenz und Unverwechselbarkeit Qualität definieren, führt kein Weg an dieser Arbeit vorbei.

Der böse Onkel ist ein Film für wenige. In der Nische der Wenigen steckt ein erstaunlich großes, neugieriges, offenes, urbanes Publikum. Man muß es nur finden. Da sich kaum jemand darum bemüht, die Wenigen anzusprechen, werden wir offene Türen einrennen.

Der böse Onkel richtet sich nicht an das große Publikum. Das große Publikum wollen alle; Wettbewerb an der Kasse und Gedränge in der Werbung sind entsprechend groß. Wir wollen nicht das Publikum, das einen Film toll findet, weil die Werbung sagt, daß der Film toll sei. Wir wollen das Publikum, das seinen Film selbst entdeckt.

Der böse Onkel richtet sich nicht an den Zuschauer, der einen Film sehen will, sondern an den Zuschauer, der genau diesen und keinen anderen Film sehen will. Ein Publikum, das so selbstbestimmt einen Film auswählt, wie wir diesen Film selbstbestimmt gestaltet haben. Das ist vielleicht kein Rezept für einen Hype, aber es ist ein Rezept für einen Klassiker des zeitgenössischen Erzählens.

Der böse Onkel ist kein Film, der gefällig gefällt, unterhält und mit dem Publikum kuschelt. Der böse Onkel ist ein Film, den man nicht vergißt, und den man gesehen haben muß, weil die Freundin, der Freund, die ganze Zeit davon redet, schimpft, erzählt, schwärmt, widerspricht, sich aufregt, sich wiedererkennt und ganze Dialoge zitiert, ohne es zu merken.
Jasmin Morgan

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Stutenkrieg in der Vorhölle

Der böse Onkel
bezieht sich auf zwei aktuelle gesellschaftliche Themen. Er exemplifiziert einerseits Dynamiken sozialer Ausgrenzung am Beispiel einer dörflichen Solidargemeinschaft. Und spürt andererseits unterschiedliche Facetten rund um das Thema des sexuellen Übergriffs auf.

Wird dörfliches Leben landläufig mit einer Solidargemeinschaft assoziiert, wo Hilfsbereitschaft, freundschaftliche Nachbarschaftsbeziehungen und emotionale Bindekräfte noch vorhanden sind, wo Vertrautheit anstatt Anonymität vorherrscht, wo ein Klima der Wärme und Mitmenschlichkeit zu finden ist, so sehen einige in einer solchen Gemeinschaft versprengte intakte Überreste und utopische Restbestände einer ehemals funktionierenden Gesellschaft. Diese - so eine beliebte Version der Gegenwartsdiagnose und der Gesellschaftskritik - ist einer eisig kalten Gesellschaft gewichen, die mit einer zunehmenden Entsolidarisierung, mit Rücksichtslosigkeit, mit Härte und Gleichgültigkeit einhergeht, in der sich jeder selbstsüchtig seinen eigenen Interessen widmet. Als Prototyp wird an die moderne Stadt gedacht.

Diese Zeitdiagnose vergißt allzu oft die Schattenseiten einer solcherart idealisierten Vergemeinschaftungsform. Daß diese einhergeht mit einer klaren Festlegung der Zugehörigkeit und somit mit einer Abgrenzung gegen außen, zum „Rest der Welt", ist bloß die Kehrseite derselben Medaille. Der Preis einer engmaschigen Vergemeinschaftung stellt im Extremfall eine Planierung jeglicher Individualität dar. Jedes Abrücken von gängigen Normen wird mit Ausgrenzung sanktioniert, alles Fremde und Andersartige abgelehnt. Der Zwangscharakter einer Gemeinschaft offenbart sich in dem Moment, in dem Einzelne die kollektive Ordnung zu erschüttern versuchen. Eine besondere Fasson derselben Mechanismen zeigt sich zudem auch in jenen Gemeinschaften, denen die Freiheit zum Austritt kaum innewohnt, wie dies von Kindern und Jugendlichen in Bildungsinstitutionen erlebt wird und wo Ausgrenzung besonders unerbittlich greift.

Nicht die negativen Aspekte einer modernisierten Gesellschaft werden in Der böse Onkel, dem neuen Film von Urs Odermatt, thematisiert, ausgeleuchtet werden vielmehr die Schattenseiten einer ländlichen Dorfgemeinschaft, einer intakten Ordnung sozusagen, deren Zwangscharakter sich aber niemand zu entziehen vermag.

Der Stoff des Films lehnt an ein weiteres aktuelles und delikates Thema an, an jenes des sexuellen Übergriffs auf Minderjährige. Er verwahrt sich jedoch dagegen, eindimensional als Wortführer einer der kontrahierenden Interessenvertreter zu fungieren - die der Opfer oder der unschuldig Verurteilten - und leuchtet unterschiedliche Facetten der Problematik gekonnt aus. Durch den cleveren Schachzug, die Hauptfigur schuldig unschuldig eine Strafe absitzen zu lassen, verwahrt sich Der böse Onkel sowohl gegen eine moralische Freisprechung Armins wie auch gegen eine einseitige Verfemung der Falschanschuldigung einer Jugendlichen.

Die gelungene Figur des Sportlehrers Armin verleiht Der böse Onkel eine schalkhaft spritzige Note. Ein athletisches Mannsbild, infam, forsch, ruchlos, schmissig, verwegen und selbstverliebt, von den einstigen Lorbeeren seines sportlichen Erfolgs zehrend und im Dorf zur Ikone stilisiert, ergötzt er sich an den blühenden Körpern seiner jungen Schülerinnen, die Grenzen des Statthaften skandalös und schändlich überschreitend. Die Figur ist ausdrucksvoll lebendig entworfen und erhält ihre Kontur in ihrer konsequent unreflektierten Lüsternheit und Niedertracht. Seine Devise, „wenn man beliebt ist, kann man sich alles ungestraft erlauben", scheint so lange zu funktionieren, bis die zugezogene Trix Brunner sich einmischt. Als selbständige und starke Frau, der ihr Außenseiterstatus im Dorf nicht viel auszumachen scheint, steht sie für ihre Rechte ein und lehnt sich spitzzüngig und beharrlich bis starrsinnig auf gegen die Omnipotenz Armins, gegen das Schweigen im Dorf. An ihr als Dorffremden, wie an Dr. Jacobi als Ansässigen, zeichnet sich die soziale Ausgrenzung als Leitmotiv des Drehbuchs ab. Bleiben auch die Motive des Rachefeldzugs von Trix Brunner, ausgerechnet an Frau Fricker, sowie der Unterstützung und Komplizenschaft durch Dr. Jacobi noch etwas vage, wirkt die Figur dennoch greifbar und wirklichkeitsnah.

Saskia als weitere Hauptfigur wird durch die Wechselhaftigkeit ihrer Gefühlslagen zu einer Identifikationsfigur für Mädchen in der Pubertät. Differenziert und schonungslos gezeichnet, schwankt sie zwischen herbem Haß auf die Mutter und die Welt und Gefühlen von Verletztheit und Einsamkeit. In der Phase der Identitätsfindung kämpft sie zusätzlich mit ihrem Ausschluß aus der dörflichen Gemeinschaft und benützt die Anschuldigung des sexuellen Übergriffs als phantasiertes, herbeigesehntes Zeichen sozialer Zugehörigkeit.

Schauplatz ist ein Dorf in der Schweizer Provinz, ein sexueller Übergriff das Motiv, auf dem aufbauend der Rachefeldzug, der Kampf der Heldin um vermeintliche Gerechtigkeit, gedeiht. Eröffnet und gerahmt wird durch eine der Schlußszenen, womit bereits zu Beginn ein Spannungsmoment erzeugt wird: die beiden Schwerverbrannten Trix Brunner und Frau Fricker sind dazu verdammt, im gleichen Zimmer eines Spitals - einer Art Vorhölle - endlos repetitiv zu dialogisieren, sich anzufehden; stimmlos, gedanklich bloß.

Der Zuschauer wird entführt auf eine rasante Fahrt durch ländliche Verschrobenheiten. Wie Puzzlestücke reihen sich Szenen zu einem Bilderberg der Abgründe, der Einsicht verleiht in Dynamiken gemeinschaftlich-solidarischen Zusammenhalts und sozialer Ausgrenzung. Mittels exaltierter Zwischenfälle wird der Geschichte eine absurd komische Note verliehen.

Die Hauptkonfliktlinien werden parallel etabliert. Wir erfahren vom Zwist der pubertierenden Saskia mit ihrer Mutter, der sich in Beschimpfungen und gegenseitigen Anfeindungen äußert; verfolgen die strammen Praktiken des Turnlehrers Armin im Sportunterricht, welche alternieren zwischen militärischem Drill und sexueller Zudringlichkeit. Nach einem vermeintlichen sexuellen Übergriff Armins auf ihre Tochter nimmt Trix Brunner den Kampf um Gerechtigkeit auf, stößt jedoch allenthalben auf taube Ohren. Selbst der Journalist Koniecka, ein ehemaliger Freund, kann ihre moralische Empörung nicht teilen.

Der böse Onkel flicht gekonnt surreale Stilelemente ein, etwa den Dialog des toten Dr. Jacobi mit Saskia, welche beide der Beerdigung von Dr. Jacobi beiwohnen, als Zuschauer, als Außenstehende; oder die als Beobachter ein Geschehen kommentieren, wie etwa die Tötung des Papageis. Solch erzählende Elemente lösen den Zuschauer aus dem aktuellen Geschehen heraus und flechten einen Moment der Reflexion in die Szenerie, wo Begebenheiten  nachgesonnen wird, wo Motive ergründet werden, wo der legere Ton erzählerischer Unsentimentalität kontrastiert mit der Absurdität und Schonungslosigkeit der Ereignisse.

An den Zuschauer gerichtete Mono- und Dialoge werden im szenischen Ablauf vor aktuelle Ereignisse gesetzt. Sie wecken unsere Neugierde, leiten stilsicher über zum nächsten Geschehen und flechten spielerisch Wortgefechte und Parallelitäten zu den Ereignissen ein.

Trix Brunner gewinnt ihren Kampf. Sie verliert dabei ihr Leben oder was man als solches bezeichnen könnte, sie opfert ihren Verbündeten, Dr. Jacobi, der den schikanösen Spielen von Armin nicht standhält, und sie verliert ihre Tochter Saskia, die sich, psychisch in desolatem Zustand, als Opfer von Trix' Kampfwillens sieht - in der letzten Szene begleiten wir das Gespräch zwischen ihr und ihrer Freundin Nadja im Sanatorium. Die Gewißheit allerdings, „wenn man beliebt ist, kann man sich alles ungestraft erlauben", mit der sich Armin dreist durch den Film hangelt, wird am Schluß außer Kraft gesetzt. Armin sitzt - für das falsche Verbrechen zwar - für drei Jahre hinter Gitter, als schuldig Unschuldiger.

Stück für Stück tasten wir uns entlang der Verschachtelung von Szenen vor zum erzählten Handlungsstrang, vor- und zurückgeworfen in der Abfolge der Ereignisse. Eine chronologische Erzählstruktur wird vermieden, gespielt wird mit zeitlichen Versetzungen.

Das Drehbuch Der böse Onkel liest sich einnehmend, kurzweilig und berauschend. Schlagfertige Dialoge sind sein Markenzeichen. Angeschlagen wird eine saloppe bis verruchte Tonart, fast magnetisch durchsexualisiert in fast allen Szenen und Nebenszenen. Ein rasantes Tempo, schnelle Szenenwechsel, gekonnte Wechsel der Schauplätze verleihen der Geschichte insbesondere in der zweiten Hälfte eine treibende Dynamik.

Erzählende, an den Zuschauer gerichtete Elemente sind exzellent gesetzt und unterstützen wirkungsvoll die Charakterzeichnung der Figuren und den Fortgang des Geschehens. Gespielt wird mit irrealen Elementen, wo sich Wirklichkeit und Fiktion verschieben, wenn sich beispielsweise in der Szene von Dr. Jacobis Selbstmord ein Radiosprecher Bezug nehmend auf dessen Monolog im Gerät äußert und Tatsachen richtigstellt. Stimmen aus dem Off nehmen Bezug zu aktuellen Passagen, mischen sich ein, reflektieren.

Mit viel Humor werden zweideutig eindeutige Passagen eingeflochten. Zwanglos und unzimperlich wird jede Gelegenheit genutzt, Mehrdeutigkeiten auszuloten, frivole, knisternde, schamlose Wortgefechte entstehen zu lassen.

Der böse Onkel richtet sich an ein junges wie mittleres, aufgeschlossenes urbanes Publikum. Nicht eine problemorientierte Stellungnahme zum Thema des sexuellen Mißbrauchs steht im Mittelpunkt, sondern eine unterhaltende und fordernde, von frechem dialogischem Schlagabtausch getragene Geschichte, die mit prägnant gezeichneten Charakteren zu bestechen vermag.
Dr. Nicoline Scheidegger,  Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften