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Arnold Odermatt - Galerie Lelong

Der Mythos Arnold Odermatt – Ein Nidwaldner Märchen


Hinter den sieben Bergen photographiert ein bescheidener und sympathischer Polizeibeamter ein Leben lang Meisterwerke, und keiner weiß es. Dann schnippt das Schicksal mit dem Finger, und der Photograph ist weltberühmt. – Leider ist das Leben mehr Hamlet als Schneewittchen: Ohne Blut, Schweiß und Tränen klopfen Glück und Erfolg nicht an.


Der Erfolg eines Einheimischen im Ausland ist immer etwas Erfreuliches, zeigt er doch, daß auch eine winzige politische Einheit wie Nidwalden eine Stimme haben kann, zumindest auf kulturellem Gebiet. Wenn, wo der Zeitgeist nur der Jugend kreative Höhenflüge zutraut und alles nach fünfundzwanzig altersmüffelt, ein pensionierter Beamter zum Tagesgespräch der internationalen Kunstszene wird, entlockt dies selbst dem leidenschaftlichsten Neider ein mildes Lächeln. Wie kommen die schwarzweißen Karambolagen des achtundachtzigjährigen Stanser Polizisten Arnold Odermatt an die 49. Biennale für zeitgenössische Kunst nach Venedig und in die wichtigsten nordamerikanischen Photosammlungen? Und, nach dem Umweg um die halbe Welt, wieder nach Nidwalden, in die Heimat des Künstlers?


Am Anfang stand der Wunsch nach einem Buch mit den eigenen Arbeiten. Wie jeder Photograph dachte Arnold Odermatt an Farbbilder, die die Schönheiten seiner Heimat von der besten Seite zeigen. Ich gebe zu, ich habe gezögert, als er mich um Schützenhilfe bat. Zu viele halbbatzige Büechli mit bunten Farbföteli gibt es auf dem Markt, als daß ich diesem Stapel noch ein weiteres beisteuern wollte. Die entscheidende Idee kam erst, als ich bei der Motiv- und Stoffrecherche für den Spielfilm Wachtmeister Zumbühl das Archiv meines Vaters wiederentdeckte und die Bedeutung der Arbeiten erkannte: Ein Buch mit dem Lebenswerk eines photographierenden Polizisten. Das hatte ich noch in keinem Verlagsprogramm gesehen. Eine Marktlücke. Authentisch. Im Dienst und in zivil. Hier hat allerdings Arnold Odermatt gezögert: Er hätte lieber ein Buch mit modernen Farbaufnahmen gehabt. Nicht eines mit diesem alten Chabis.


Seit ich mich erinnern kann, gilt seine photographische Leidenschaft aber dem Schwarzweißmaterial. Es sind – wenn ich ehrlich bin – vor allem Erinnerungen an beißende Gerüche aus dem elterlichen Badezimmer. Da die Nidwaldner Polizei lange Zeit kein eigenes Photolabor besaß, und Arnold Odermatt als rechtschaffener Beamter auch später seine zivilen Photos stets ohne Rücksicht auf unsere Nase im privaten Badezimmer und nicht im Dienstlabor entwickelte und vergrößerte, hat sich in meiner Jugend die Photographie vor allem als übelriechende Variante der zeitgenössischen Kunst eingeprägt. Dies im Gegensatz zu meinen romantischen Vorstellungen von Kunst, die ich mir vielleicht häßlich, aufrüttelnd und verstörend vorstellen konnte, aber stets wohlriechend und nicht von so üblem Gestank wie jener, der aus unserem Badezimmer kam. Vielleicht habe ich deshalb die Arbeiten von Arnold Odermatt so spät entdeckt.


Freunde erzählen von einer Reise ins Ostpreußen ihrer Familie, um zu prüfen, was sich aus den Erzählungen über das alte Königsberg in der russischen Metropole Kaliningrad noch findet. Größer als Entsetzen und Verlustschmerz ist die Ratlosigkeit: Zu vergleichen gibt es nichts, weil in der Stadt Immanuel Kants kein Stein steht, wo er vor dem Krieg stand. Die Stadt ist ganz einfach nicht mehr wiederzuerkennen. Wenn Besucher die Schauplätze von Arnold Odermatt sehen wollen, habe ich ähnliche Probleme. Nicht, daß ich die Motive nicht wiederfinden würde. Aber die Gäste weigern sich, zu glauben, daß sie stehen, wo die Kamera seinerzeit stand. Den Weg, den Nidwalden in der letzten Jahrhunderthälfte gemacht hat, ist im Zeitraffer des photographischen Vergleichs keine allmähliche Entwicklung, sondern – zumindest straßenbaulich – eine Revolution. Nidwalden hat keinen Großen vaterländischen Krieg gebraucht; die völlige Umwälzung der Dorf- und Landschaftsbilder hat die Moderne ganz allein geschafft.


Nicht jede Veränderung ist schlecht. Nein. Viele Bequemlichkeiten geben wir um keinen Preis wieder her. Doch während das Neue die Chance hat, sich zu bewähren und sich wieder zu verändern, bleibt das Vergangene vergangen und hinweg. Für immer vergessen, wäre nicht Arnold Odermatt mit seiner Rolleiflex zur Stelle gewesen, um das alte Nidwalden nicht etwa mit ein paar zufälligen halbscharfen Schnappschüssen, sondern mit Polizistenblick und Polizeiphotographenhandwerk in einem protokollartigen Bildertagebuch zu dokumentieren. Daß seine Photos eines Tages auch sozialkritisch gelesen werden, hat er sich damals wohl nicht gedacht.


Warum wurde die Bedeutung der Photographien von Arnold Odermatt nicht früher erkannt? Gebrauchsphotos erfahren ihre Wertschätzung durch die Zeitläufte. Ein Los, das Arnold Odermatt mit vielen Kollegen teilt. Nidwalden alles andere als eine Hochburg der Urbanität war im Wechselspiel kultureller Moden und Trends kein schneller Brüter. Im lokalen Umfeld war Arnold Odermatt als routinierter (und preisgünstiger) Handwerker sehr geschätzt, weiter aus dem Fenster lehnt man sich hierzulande nicht. Der Zweckcharakter der Photos des Polizisten von nebenan, der seine Aufnahmen besessen und mit großem handwerklichen Können, aber ohne berechnende künstlerische Absicht gemacht hat, verleiht den Arbeiten jene entwaffnende Glaubwürdigkeit, die Sammler auf der ganzen Welt schätzen. Den Umweg der Wertschätzung des Werks über das Ausland muß Arnold Odermatt nicht als erster Künstler erfahren. Jeder kennt das Sprichwort vom Propheten im eigenen Land.


Was ist das besondere an den Photographien von Arnold Odermatt? Was unterscheidet seine Arbeiten von den Werken anderer Photographen? Das Was. Und das Wie. Arbeit hat in einem Polizistenleben einen hohen Stellenwert, darum spielen Motive und Gestaltung, die ihm der Alltag im Bureau und auf der Straße schenken und ermöglichen, in seinen Photos ein große Rolle. Motive, die für andere Photographen unerreichbar sind, wie John Waters bei der gemeinsamen Ausstellung im Winterthur eifersüchtig erwähnte. Anders als die dienstlichen Bilder der Kollegen oder die Schnappschüsse der Lokalreporter, unterwirft Arnold Odermatt seine Photos dem eigenen Blick auf die Welt, einem Blick, der Ordnung und Übersicht sucht: Saubere Schweiz auch im Falle einer Havarie. Kein Blut. Keine Verletzten. Kein Dreck. Und wenn, dann ordentlich arrangiert und mit klaren bildgestalterischen Bezügen.


Eine Aufsicht von der gesperrten Straßenmitte gibt die beste Übersicht. Arnold Odermatt hat sich zur Regel gemacht, die Bildstraße jedes Schadenfalls mit einer Aufnahme vom Dach des amtlichen VW-Busses abzuschließen. Er hat auch keine Scheu, mit hochgekrempelter Uniformhose in den See zu waten, wenn das Abenteuer ein besseres Bild verspricht. Je mehr er die Karambolagen inszeniert, komponiert, gestaltet, desto mehr bekommen die Photos ihren dienstlichen Charakter, ähnlich wie Fiktion den Kern der Sache oft wahrhafter trifft als streng recherchierte Dokumentation. Arnold Odermatts Identifikation mit der Polizeisicht geht so weit, daß auch seine zivilen Arbeiten, die privaten Familienbilder, aussehen, als trüge der Photograph bei der Aufnahme noch die Uniform. Es sind die Sprödheit der Inszenierung, die Strenge der Bildgestaltung, der kompromißlose Minimalismus, die Arnold Odermatt für ein urbanes Publikum so attraktiv machen. Wie einem unbekannten und doch vertrauten Verwandten, von dem man nie weiß, ob er uns lästig oder lieb ist, kann man den Photos nicht aus dem Weg gehen, weil sie modern und doch provinziell sind wie wenige. Auch und gerade, weil wir Nidwalden, die Schweiz und die Welt heute lieber ganz anders sehen möchten.


Ein Blick online zeigt, daß es kaum ein Land gibt, in dem die Arbeiten von Arnold Odermatt nicht zu sehen sind. Die Reise der Photos aus Nidwalden um die Welt begann im Herbst 1998, als die Schweiz als Gastland an die 50. Frankfurter Buchmesse eingeladen war, und Christoph Vitali, der Leiter des Schweizer Auftritts, Positionen aus der Werkgruppe Karambolage im alten Frankfurter Polizeipräsidium zeigte. Dr. Beate Kemfert, die Leiterin der Opelvillen Rüsselsheim, kuratierte damals in Frankfurt am Main diese erste große Einzelausstellung von Arnold Odermatt. Sie war es auch, die das Interesse der Galerie Springer Berlin, Robert Springer und Heide Springer, am Werk weckte. Diese alteingesessene Galerie an der Charlottenburger Fasanenstraße vertritt jetzt bereits seit bald zwanzig Jahren Arnold Odermatt weltweit exklusiv. Eine seltene Erfolgsgeschichte: Harald Szeemann lud Arnold Odermatt an die 49. Biennale di Venezia ein, James Rondeau zeigte Arnold Odermatt am The Art Institute of Chicago, Urs Stahel feierte Arnold Odermatt am Fotomuseum Winterthur und Gerhard Steidl (Steidl Verlag, Göttingen) hat nach Karambolage, Im Dienst, In zivil auch Feierabend gedruckt, bereits das vierte Buch, das ich mit Arbeiten von Arnold Odermatt herausgeben habe.

Urs Odermatt

Arnold Odermatt trat 1948 seinen Dienst bei der Schweizer Polizei an. Fünf Jahrzehnte später stellte er auf der Biennale in Venedig aus. Dabei hatte er als junger Polizist eigentlich nur darum gebeten, Unfallprotokollen auch eine Photographie beifügen zu dürfen die üblichen Zeichnungen erschienen ihm umständlich. Da sein Vorgesetzter skeptisch reagierte, entwickelte Odermatt seine Aufnahmen heimlich in der Küche und legte sie in die Akten. Das Gericht äußerte sich lobend, und so wurde in der Besenkammer des Polizeireviers eine Dunkelkammer eingerichtet.


Als der Beamte Anfang der neunziger Jahre pensioniert wurde, entdeckte sein Sohn, der Regisseur Urs Odermatt, bei den Recherchen zu seinem Film Wachtmeister Zumbühl (1994) vierzig Jahre archivierter Verkehrsunfälle im Kanton Nidwalden: handwerklich perfekte Schwarzweißaufnahmen verkeilter Traktor- und Borgward-Karosserien, von Schulbussen, Motorrädern, Porsche aus der Stadt mit auf der Motorhaube festgeschnallten Skiern. Es sind akkurate Kompositionen aus Blech, Chrom, Bremsspuren, Gebirgsketten und Wolken.


Dieses Werk eines unbestechlichen Ordnungsmenschen, der maximale Objektivität suchte, tauchte Anfang der Neunziger erstmals in Photokreisen auf. 1998 sah Harald Szeemann die Bilder, ausgestellt im Frankfurter Polizeipräsidium, und lud den peniblen Pensionär 2001 auf seine Biennale ein. Der umfassende Bildband Karambolage war eine Weile vergriffen, jetzt wurde er überarbeitet wiederaufgelegt, genau wie die Bände In zivil, mit minutiös festgehaltenen Familienszenen der Odermatts, und Im Dienst, eine photographische Imagekampagne für den Beruf des Kantonspolizisten.


Während letztere Titel heute in ihrem Bemühen, das Leben zu inventarisieren, nostalgisch-skurril wirken, ist Karambolage immer noch ein großes, die Zeit überdauerndes Werk. Berührend ist das kurze Vorwort Urs Odermatts: Geständnisse eines Bullensohns, für Gleichaltrige verdächtig, der nur durch besonderes Rowdytum seinen Platz erkämpfen konnte. Man ahnt den Erzählstoff.


Auch in seinem Film über den Vater deutet er neben dessen obsessiver Pflichttreue einen weiteren Aspekt der Beamtenpersönlichkeit an. „Wie soll ich es sagen?" fragt der Wachtmeister, er meint die unvermeidlichen Hausbesuche bei Angehörigen der Verkehrsopfer. „Dann der Schrei. Die Mutter ahnt es. Das Kind! Ich sage nichts. Was soll ich sagen?" „Wann war das?" fragt eine Frau. „Einmal pro Monat. Zwanzig Jahre lang", sagt der Polizist, der seine photographische Unerbittlichkeit nicht nur für Recht und Ordnung einsetzte, sondern auch gegen die Ungeheuerlichkeit der sinnlosen Tode.


Silke Hohmann, Immer im Dienst

Die drei Hauptwerke des Polizeiphotographen

Arnold Odermatt werden neu aufgelegt,

Monopol, Berlin, 12/2013

Silke hohmann, Immer im Dienst – Die drei Hauptwerke des Polizeiphotographen. Monopol, Berlin, 12/2013

(...) Odermatt is to car wrecks what Weegee was to human wrecks, but Odermatt was a better photographer, and his images paradoxically have more humanity in them than many of Weegee's corrosive caricatures. These cars seem to be having trysts on wet highways beneath lowering clouds, or taking a dipin a placid lake on a foggy morning.

Philip Kennicott,

The Washington Post, 1. November 2013

Galerie Lelong, Zürich

Robert Springer, Urs Odermatt, Alexandra Schild

Arnold Odermatt, Dr. Beate Kemfert


Photos der Vernissage:

www.jasmin-morgan.ch

Arnold Odermatt: Hergiswil, 1958. © Urs Odermatt, Windisch

Hergiswil, 1958.

© Urs Odermatt, Windisch