In dem kleinen Andorra (das nichts mit dem Pyrenäenstaat zu tun hat) regieren Intoleranz und Ablehnung allem Fremdem gegenüber - hinter der Fassade selbstgefälliger Wohlanständigkeit, versteht sich.

Der Lehrer Can, verheiratet, eine Tochter, hatte schon vor etlichen Jahren einen kleinen Jungen als Pflegesohn in die Familie aufgenommen. Dabei hat er verschwiegen, daß Andri sein unehelicher Sohn ist. Stattdessen gibt er ihn als Juden aus, den er vor den Feinden, den "Schwarzen", retten wollte.

Für jeden ist Andri nun ein Jude, anders, berechnend, feige, "man hats im Blut", "keiner kann aus seiner Haut", "Du bist ja gut - nur auf deine Art" - drohend ziehen die bösen Geister einer bestialischen Rassenideologie auf. Bis Andri sich die Eigenschaften zulegt, die man ihm immer zugeschrieben hat, bis er das Bildnis, das andere sich von ihm gemacht haben, zu  seinem eigenen macht. Als er erfährt, daß er kein Jude ist, kann und will er das nicht mehr annehmen. Er wird als Sündenbock geopfert.

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Andorra ist kein historisches Drama. "Die 'Schwarzen' sind nicht die SS, der Judenschauer ist nicht Eichmann, und nicht einmal der Jude ist ein Jude. Das Stück ist ein Modell - es ist nicht die Darstellung dessen, was war, sondern dessen, was jederzeit und überall möglich ist." Heute oder morgen kann der Jud Kommunist heißen oder Kapitalist oder Gelber, Weißer, Schwarzer, Türke, Vietnamese - je nachdem.

Andorra ist ein Stück über Vorurteile, Anpassungsdruck und Opportunismus - ein Stück über die Biedermänner, die applaudierend zusehen, wenn Asylantenheime brennen. In Andorra schlägt die Gemütlichkeit ganz gemütlich in Bestialität um, eine moralisierende Bestialität, die als Beweis der Unschuld saubere Hände vorweisen kann.