Eine so dramatische Anekdote wie "Der andorranische Jude" war für Sie zunächst eine Tagebuchmitteilung. Dann aber machten Sie daraus ein Drama. Wie geht so etwas vor sich? Können Sie versuchen, solch eine Entwicklung ein wenig zu skizzieren? Ich weiß, daß es recht schwierig ist; vielleicht nur andeutungsweise...
Erst nach Jahren, nachdem ich die erwähnte Tagebuchskizze mehrere Male vorgelesen hatte, entdeckte ich, daß das ein großer Stoff ist - so groß, daß er mir Angst machte, Lust und Angst zugleich - vor allem aber, nachdem ich mich inzwischen aus meinen bisherigen Versuchen kennengelernt hatte, sah ich, daß dieser Stoff mein Stoff ist. Gerade darum zögerte ich lang, wissend, daß man nicht jedes Jahr einen Stoff findet. Ich habe das Stück fünfmal geschrieben, bevor ich es aus der Hand gab.
Was haben Sie im Stück, im Unterschied zur Tagebuchnotiz, wesentlich verändert?
Eine erste Grundskizze, gekritzelt auf eine Zigarettenschachtel, und dann die vergrößerten Baupläne mit genauen Maßen und genauen Materialangaben, das ist der Unterschied.
Warum nennen Sie das Stück jetzt nur noch 'Andorra'? Glauben Sie nicht, daß die Beziehung auf jenen Kleinstaat Andorra Mißverständnisse erzeugen kann?
Andorra ist kein guter Titel, der bessere fiel mir nicht ein. Schade! Was den Kleinstaat Andorra betrifft, tröste ich mich mit dem Gedanken, daß er kein Heer hat, um die Länder, die das Stück spielen, aus Mißverständnis überfallen zu können.
Aus: Interview mit Max Frisch, Programmheft zu 'Andorra, Neues Theater, Halle/Saale.