Sie melden sich immer noch hie und da zu Wort: griesgrämige Kulturverweser, die ihre Verbitterung über den Verlust der eigenen Jugendzeit zu kompensieren suchen, indem sie alles, was "früher" war, als "besser", "wertvoller", "geistreicher" deklarieren. Ja, damals, als man noch in vollem Saft gestanden hat, damals, als das Fernsehen noch in den Kinderschuhen steckte und diese herrlich theatralischen Fernsehspiele sendete, aus denen es nur so knatterte und staubte vor lauter Hochkultur - da war für den bejahrten Sauertopf noch alles schön übersichtlich und an geistigen Werten orientiert.

Heute jedoch - ach, schon seit Beginn des Fernsehens - ist nur noch der "Verfall" des Mediums zu konstatieren. Besonders von jenen, die unentwegt verkünden, sie sähen sowieso nie fern, weil ihnen die Zeit dafür zu schade sei. Es ist auch besser so.

Sonst müssten die Herrschaften ihr Urteil über die schlechte Qualität der Fernsehfilme womöglich revidieren, in dem sie sich so urgemütlich beleidigt eingerichtet haben. Stören wir also ihre Kreise nicht, lassen wir ihnen das Vergnügen, den Generationenneid in brummiger Kulturkritik zu sublimieren - und freuen wir uns an der erstklassigen Qualität dreier Fernsehfilme aus der letzten Woche, die man in der guten, alten Zeit vielleicht im Abstand von zwei Jahren hätte sehen können - heute hingegen im Abstand von vier Tagen.

Das komödiantische Feuerwerk zum Thema künstliche Befruchtung war mit dem Sohn des Babymachers von Thomas Kirdorf (Buch) und Susanne Zinke (Regie) noch kaum verklungen, die Freude am Lubitsch-Touch dieser Komödie erhellte noch immer das Gemüt - da legte das ZDF drei Tage später den Thriller Tödliche Wende von Nico Hofmann (Regie) und Peter Zingler (Buch) nach: eine atemberaubend inszenierte Studie manifester und psychischer Gewalt. Und während das in den Adern gefrorene Blut allmählich taute, winkte schon wieder die ARD mit einem Polizeiruf 110: Kleine Dealer, grosse Träume (Buch: Klaus-Peter Wolf und Friedhelm Zündel; Regie: Urs Odermatt).

Der war nun allerdings auf eine so wunderbar eklektizistische und märchenhaft bunte Weise abgedreht, als hätten die Wilden Herzen, Kottan ermittelt und Gletscherclan Pate gestanden. Melodramatisch grundiert, von Sarkasmus durchschossen, mit Lust an der Persiflage des todernsten Gangsterfilms überhaupt, wird die Geschichte vom Polizisten (Dominic Raacke) erzählt, der sich, zerrissen zwischen gesetzeshüterischer Pflicht und Freundschaft mit einem kleinen Drogendealer (Jürgen Vogel), gegen die Pflicht entscheidet und seinem Freund zu Geld und Flucht verhilft.

Man mag kaum den eigenen Augen trauen angesichts eines Inszenierungsstils, der so unbekümmert wie virtuos mit den verschiedenen Genres spielt, der von Komik in Tragik, von der Groteske in Emotionen hinüberwechselt. Und irgendwie fühlt man sich nach diesen drei Fernsehfilmen richtig beschenkt: von öffentlich-rechtlicher Souveränität.
Sybille Simon-Zülch: Nichts für bejahrte Sauertöpfe - Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist besser, als mancher denkt, Das Sonntagsblatt, Nürnberg, 21. Juni 1996.